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Abgasskandal

Verkehrsministerium dementiert Bericht über Schönwetter-Diesel

Bei welcher Temperatur Dieselfahrzeuge künftig die Abgasreinigung herunterfahren - darum ringen Politik und Industrie. Einen SPIEGEL-Bericht, wonach sich die Autolobby durchgesetzt hätte, weist das Verkehrsministerium zurück.

DPA

Wie dreckig darf der Diesel künftig sein?

Samstag, 15.07.2017   18:09 Uhr

Die Bundesregierung hat den Bericht des SPIEGEL zurückgewiesen, wonach sie in den Verhandlungen über die Nachrüstung von Dieselfahrzeugen dem Druck der Autoindustrie nachgegeben hat. Ein Sprecher des Verkehrsministeriums verwies am Samstag in Berlin stattdessen auf das geplante Nationale Forum Diesel. Dessen Aufgabe werde sein, die Diskussionen über die Optimierung von Dieselfahrzeugen zu bündeln. Ziel sei es, die Emissionen deutschlandweit zu senken und wirksame Maßnahmen zu erreichen. "Entscheidungen dazu gibt es noch nicht."

Der Frage, bei welcher Temperatur die Hersteller künftig ihre Abgasnachbehandlung herunterregeln dürfen, kommt bei der Lösung der Stickoxidproblematik eine zentrale Rolle zu. Bislang waren diese sogenannten Thermofenster sehr großzügig ausgelegt worden - bei manchen Herstellern arbeiteten die Systeme nur nahe dem für die Labortests festgelegten Temperaturbereich - Kritiker sprachen deswegen von "Abschalteinrichtungen" wie beim Abgasskandal bei VW.

Nach Informationen des SPIEGEL sollten die Hersteller über ein Update der Software lediglich sicherstellen, dass die Diesel-Pkw bis zu einer Temperatur von zehn Grad Celsius ihren Stickoxidausstoß filtern. Bei Temperaturen darunter sollte es ihnen erlaubt geblieben sein, das Reinigungssystem bei Fahrzeugen der Euronormen 5 und 6 abzuregeln. Das aber hätte bedeutet, dass die sogenannten Thermofenster legal geblieben wären und Dieselautos selbst bei der deutschen Durchschnittstemperatur von 9,4 Grad Celsius (gemessen im Jahr 2016) ihre Stickoxidabgase weitgehend ungereinigt ausgestoßen hätten. Eine Einigung in diesem Sinne weist das Verkehrsministerium aber nun zurück.

Die Autokonzerne stecken in einer Zwickmühle

Derzeit verhandeln Regierung und Autokonzerne die Modalitäten einer Nachrüstaktion. Die Ergebnisse sollen auf dem Nationalen Forum Diesel am 2. August, zu dem Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) und Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) geladen haben, beschlossen werden.

Die geplante Lösung, durch ein Softwareupdate allein die Dieselmotoren sauberer zu machen, wird ohnehin von vielen Experten angezweifelt. Die Hersteller stecken hier in einem Dilemma: Arbeiten die Abgasreinigungssysteme bei niedrigen Temperaturen dauerhaft, droht vor allem bei innerstädtischen Kurzstreckenfahrten der sogenannte Gammelbetrieb mit Schäden an Abgassystem und Motor.

Wird das System zum Schutz des Motors künftig zwar weniger, aber immer noch zu oft heruntergeregelt, könnte sich die Autoindustrie mit Genehmigung der Regierung ebenfalls selbst schaden: Denn wenn die Luftqualität in den Städten nach der Umrüstaktion - bei der übrigens noch nicht feststeht, wer die Kosten trägt - trotzdem nicht besser wird, bleibt letztendlich keine andere Wahl als Fahrverbote. Der ganze Aufwand einer millionenfachen Nachrüstung wäre umsonst.

mhe/rtr

insgesamt 55 Beiträge
Braveheart Jr. 15.07.2017
1. Wenn es dementiert wird ...
... ist es amtlich. Dobrindt hofft wohl auf eine lukrative Anschlußverwendung. Frage: Kann man ihn (und seinesgleichen) eigentlich wegen Falscheid belangen? Immerhin umfaßt die Vereidigung die Formel, "Ich schwöre, dass [...]
... ist es amtlich. Dobrindt hofft wohl auf eine lukrative Anschlußverwendung. Frage: Kann man ihn (und seinesgleichen) eigentlich wegen Falscheid belangen? Immerhin umfaßt die Vereidigung die Formel, "Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden (...) werde." So wahr Gott ihm helfe, davon ist nicht viel zu merken!
multimusicman 15.07.2017
2. Genau das war zu erwarten,
es macht einen nur noch wütend, welche Lobbyisten Republik wir sind.... weiter werden die Menschen vergiftet..... ich hoffe das Ausland kommt schneller voran und die Dieseldreckschleudern haben bald nur noch Schrottwert!
es macht einen nur noch wütend, welche Lobbyisten Republik wir sind.... weiter werden die Menschen vergiftet..... ich hoffe das Ausland kommt schneller voran und die Dieseldreckschleudern haben bald nur noch Schrottwert!
kuac 15.07.2017
3.
Ich nehme an, dass Dobrindt da keinen Widerspruch sieht. Nach dem Motto, wenn er sich um den Wohl von Volkswagen kümmert, dann kümmert er sich automatisch um den Wohl des Volkes.
Zitat von Braveheart Jr.... ist es amtlich. Dobrindt hofft wohl auf eine lukrative Anschlußverwendung. Frage: Kann man ihn (und seinesgleichen) eigentlich wegen Falscheid belangen? Immerhin umfaßt die Vereidigung die Formel, "Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden (...) werde." So wahr Gott ihm helfe, davon ist nicht viel zu merken!
Ich nehme an, dass Dobrindt da keinen Widerspruch sieht. Nach dem Motto, wenn er sich um den Wohl von Volkswagen kümmert, dann kümmert er sich automatisch um den Wohl des Volkes.
spontanistin 15.07.2017
4. Thermofenster!!!
Das wird noch lustig. Gibt es eigentlich ein Thermofenster für AdBlue. Friert das bei tiefen Temperaturen ein? Das werden dann ja aufwändigste Nachrüstungen! Vorsprung durch Tricksen!
Das wird noch lustig. Gibt es eigentlich ein Thermofenster für AdBlue. Friert das bei tiefen Temperaturen ein? Das werden dann ja aufwändigste Nachrüstungen! Vorsprung durch Tricksen!
Rheinlandpragmatiker 15.07.2017
5.
100.000 Tote jährlich weltweit durch Dieselabgase, und Dobrindt deckt weiterhin die Betrüger. Bei einem gerechten Justizsystem wäre er längst verdientermaßen im Gefängnis. Da wir das aber nicht haben, wird die Sache so [...]
100.000 Tote jährlich weltweit durch Dieselabgase, und Dobrindt deckt weiterhin die Betrüger. Bei einem gerechten Justizsystem wäre er längst verdientermaßen im Gefängnis. Da wir das aber nicht haben, wird die Sache so weiterlaufen wie bisher.
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