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Dieselgipfel

Was Autofahrer jetzt wissen müssen

Die Enttäuschung bei Umwelt- und Verbraucherschützern ist groß. Die Autoindustrie hat sich mit billigen Softwarelösungen für mehr als fünf Millionen Pkw durchgesetzt. Was heißt das für betroffene Autofahrer?

Getty Images

Auto vor dem Bundeskanzleramt in Berlin

Donnerstag, 03.08.2017   15:45 Uhr

Welche Marken erhalten ein Software-Update?

Die meisten Dieselfahrzeuge, die eine aktualisierte Software bekommen, entfallen auf den Volkswagen-Konzern mit seinen Marken VW, Audi und Porsche. Auch Dieselautos von Daimler, BMW und Opel sollen durch ein Update weniger Schadstoffe ausstoßen. Allerdings spiegeln die Zusagen der Unternehmen größtenteils bereits angekündigte Nachbesserungen wider. So sind in der Zahl die rund 2,5 Millionen Autos enthalten, die VW wegen des Abgasskandals schon seit Anfang 2016 in Deutschland nachrüstet.

Ausländische Hersteller beteiligen sich nicht an der Aktion. Auch die deutsche Ford-Tochter mit Sitz in Köln bietet keine Software-Updates an. Das Unternehmen erklärt, dass die Dieselmotoren auch ohne Update die Grenzwerte einhalten. Bei Nachmessungen im Auftrag des Kraftfahrt-Bundesamtes waren auch Ford-Modelle des Typs C-Max auffällig geworden. Zwar hielten die Fahrzeuge die gesetzlichen Grenzwerte auf dem Prüfstand nahezu ein, im realen Fahrbetrieb lag der Schadstoffausstoß jedoch um ein Vielfaches höher als erlaubt.

Muss ich mein Fahrzeug nachrüsten lassen?

Das hängt davon ab, ob es sich um einen freiwilligen oder einen behördlich angeordneten Rückruf handelt. In letzterem Fall kann der Verlust der Zulassung drohen, wenn das Fahrzeug nicht bis zu einer Frist auf den geforderten Stand gebracht wird. Die von der deutschen Autoindustrie zugesagten Software-Updates sind vor allem freiwillige Maßnahmen. Bei einigen VW-Dieselautos, die mit einer illegalen Software ausgestattet sind, hat das Kraftfahrt-Bundesamt allerdings eine verpflichtende Nachrüstung angeordnet.

Wie bekomme ich das Software-Update?

Die Hersteller werden sich in einem Brief an die Halter wenden. In einer Werkstatt kann dann die aktualisierte Software aufgespielt werden, dies dauert nach Angaben von Daimler-Chef Dieter Zetsche "maximal eine Stunde". Die Nachbesserungen sind für die Kunden kostenlos und sollen bis Ende 2018 abgeschlossen sein.

Foto: SPIEGEL ONLINE

Werden die Autos durch die Nachrüstung wirklich sauberer?

Viele Experten zweifeln an der Wirksamkeit der Softwarelösung. Etwa Stefan Carstens, der Seminare und Weiterbildungen zum Thema Abgasreinigungssysteme leitet: Seiner Einschätzung nach arbeitet der Dieselmotor nur dann wirklich sauber, wenn die Abgasrückführung (AGR) im Stadtverkehr häufiger zum Einsatz komme. Dazu seien jedoch größere Umbauten am Motor nötig, ein Softwareupdate reiche nicht aus.

Auch Richter des Stuttgarter Verwaltungsgerichts haben Bedenken an der Effizienz einer Nachrüstung. In einem Urteil zur Einhaltung des Luftreinhalteplans in Stuttgart sagten sie: Im Vergleich zu Fahrverboten seien "alle anderen Maßnahmen von ihrem Wirkungsgrad her nicht gleichwertig. Dies gilt auch für die sogenannte Nachrüstlösung". Drohende Fahrverbote sind mit den nun vereinbarten Software-Updates nicht vom Tisch.

Nach Angaben der Autohersteller soll das Software-Update den Stickoxid-Ausstoß der Dieselfahrzeuge um durchschnittlich 25 bis 30 Prozent senken. Der ADAC erwartet von den Herstellern allerdings klare Zusagen, dass die zugesicherten Werte im realen Betrieb tatsächlich eingehalten werden. Alle betroffenen Autobesitzer sollten eine "rechtsverbindliche Garantie von 24 Monaten" bekommen, fordert der Autoklub.

Sind auch weitergehende Nachrüstungen möglich?

Die Autoindustrie lehnt technische Umrüstungen wie etwa den Einbau größerer Harnstofftanks zur Abgasreinigung ab. Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) macht dagegen deutlich, dass weitergehende Maßnahmen zur Luftreinhaltung diskutiert werden müssten. Der ADAC fordert eine verpflichtende technische Nachrüstung mit Bauteilen, "wo es technisch machbar und finanziell angemessen ist". Damit ließen sich bei modernen Dieselfahrzeugen der Euroklassen 5 und 6 Emissionen "nachweislich um bis zu 90 Prozent reduzieren". Euro 5 sieht einen Grenzwert von 180 mg NOx pro Kilometer vor, Euro 6 einen Wert von 80 mg NOx pro Kilometer.

Das Problem: Die Emissionen werden bei der Zulassung der Autos im Labor ermittelt. Während dort die Grenzwerte eingehalten werden, stoßen die Fahrzeuge auf der Straße das Vielfache an Schadstoffen aus. Laut Tests des Umweltbundesamts liegt der Schnitt bei Euro-6-Autos bei 507 Milligramm Stickoxide pro Kilometer, bei Euro-5-Pkw sind es sogar durchschnittlich 906 Milligramm pro Kilometer.

Was können Fahrer von älteren Dieselmodellen machen?

Ein Software-Update ist für ältere Dieselautos mit den Abgasgrenzwerten Euro 4 und niedriger nicht vorgesehen - obwohl diese mehr als 40 Prozent des Diesel-Bestands in Deutschland ausmachen. Die Verbraucherzentrale Bundesverband spricht von einer "verlorenen Kundengruppe". Allerdings sei fraglich, ob die Kosten einer Nachrüstung bei älteren Modellen überhaupt im Verhältnis zum Nutzen stünden, da ein einfaches Software-Update hier wohl kaum ausreichen würde. Die Hersteller bieten den Haltern dieser Fahrzeuge unterschiedliche Kaufanreize für einen Umstieg auf ein umweltfreundlicheres Auto an. Ford war bereits am Dienstag vorgeprescht und hatte einen "Umweltbonus" zwischen 2000 und 8000 Euro bei der Verschrottung alter Dieselautos bis zum Baujahr 2006 angekündigt. Voraussetzung ist jedoch der Kauf eines neuen Ford-Modells. Auch BMW zahlt Käufern schadstoffarmer Mini- und BMW-Modelle bei der Rückgabe eines alten Diesels bis zu 2000 Euro Prämie.

Wie finde ich die Schadstoffklasse meines Autos heraus?

Dafür genügt ein Blick in die Zulassungsbescheinigung. Die Schadstoffklasse ist dort in Feld 14 angegeben.

mhu/Afp

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