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Auto

IAA-Absagen 2017

Ohne uns!

Die IAA in Frankfurt war mal die größte Automesse Europas - ein Pflichttermin für die Branche. Für die bevorstehende Show jedoch haben gleich zwölf Marken abgesagt. Warum?

Jürger Pander
Von Christian Frahm
Freitag, 08.09.2017   09:55 Uhr

Mittwoch war ein großer Tag für Nissan. An diesem Tag enthüllte der japanische Autohersteller in Tokio die zweite Generation des Modells Leaf - des meistverkauften Elektroautos der Welt. Die Weltpremiere fand in einer Messehalle in Tokio statt, wo Hiroto Saikawa, der Vorstandschef von Nissan, das Elektroauto vor rund 200 Journalisten und ein paar ausgewählten Mitarbeitern enthüllte.

So wichtig diese Premiere für Nissan war, so irritierend waren Zeitpunkt und Ort. Denn in wenigen Tagen versammelt sich die Autowelt zur IAA in Frankfurt, einer der größten Automessen der Welt und die mit Abstand wichtigste in Europa. Mehr als zehntausend Journalisten sind dort an den Pressetagen vor Ort, außerdem werden rund 900.000 Besucher erwartet - mehr Aufmerksamkeit geht eigentlich nicht, wenn man ein neues Auto präsentieren möchte.

Allerdings wird keiner von ihnen den neuen Nissan Leaf zu Gesicht bekommen: Nissan hat der IAA abgesagt. Und elf weitere Automobilhersteller ebenso. Die fundamentalen Umwälzungen in der Branche, von denen viele Autobosse fortlaufend sprechen - sie haben offenbar auch die Automessen erfasst.

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IAA-Absagen: Bleib' mir weg

"Der Verzicht auf die IAA in diesem Jahr ist keine generelle Entscheidung gegen den Messestandort Deutschland im Allgemeinen oder die IAA im Speziellen", sagt Thomas Hausch, Geschäftsführer des Nissan Center Europe in Brühl. Man wolle stets die größte Sichtbarkeit und Wirkung für Neupräsentationen erzielen und verfolge daher eine flexible Messestrategie. "Die sieht vor, sich noch mehr als bislang am Zeitplan von Nissan Neumodelleinführungen zu orientieren, sowie an idealen Veröffentlichungszeitpunkten", so Hausch. Kurz: Nissan sucht mehr Aufmerksamkeit abseits des Messetrubels.

Zwölf große Hersteller fehlen auf der IAA

Der japanische Autobauer ist längst nicht der einzige Hersteller, der der IAA zumindest diesmal den Rücken kehrt. Ebenfalls abwesend sind Alfa Romeo, Aston Martin, DS Automobiles, Fiat, Infiniti, Jeep, Mitsubishi, Peugeot, Rolls-Royce, Tesla und Volvo. Die Gründe für die Absagen sind unterschiedlich.

Der französische PSA-Konzern beispielsweise ist nur mit Citroën und der neuen Konzernmarke Opel auf der IAA vertreten. Peugeot und die Neugründung DS Automobiles bleiben der Messe fern. "Für diese Marken haben wir diesmal andere Wege für die Begegnung mit Kunden gewählt", sagt Stephan Lützenkirchen, Sprecher von PSA Deutschland. Das neue SUV-Modell DS7, das im Herbst auf den Markt kommt, präsentieren die Franzosen beispielsweise auf einer deutschlandweiten Roadshow. "Wir stellen die Automobilmesse nicht infrage. Vielmehr ist das Angebot - etwa durch Consumer-Shows - deutlich größer geworden", sagt Lützenkirchen. Da zudem der Presseeffekt einer Messe stark abgenommen habe, bedürfe es neuer Reize und Impulse.

Eine Entwicklung, die sich schon auf der vergangenen IAA angekündigt hatte, als beispielsweise der schwedische Hersteller Volvo erstmals die Präsenz in den Frankfurter Messehallen zugunsten eigener Roadshows absagte. Die Vorteile derartiger Exklusivveranstaltungen: Es gibt keine Konkurrenzmarken, die Aufmerksamkeit der Gäste gilt allein den eigenen Produkten, und billiger ist es auch noch.

Die Zukunft sind Digitalmessen

So sieht es auch Jan Burgard, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Berylls. Zudem lässt nach seiner Auffassung die Digitalisierung das klassische Messemodell bröckeln: "Die wachsende Anzahl von Messen weltweit untergräbt das Geschäftsmodell der klassischen Automessen. Denn mit der zunehmenden Bedeutung von digitalen Inhalten in den Autos steigt auch das Bedürfnis der Hersteller, ihre Produkte auf den großen Digitalmessen zu präsentieren." Dort müssten sich Autohersteller die Bühne mit wesentlich weniger Konkurrenz teilen.

Ein Ansatz, den Elektroautobauer Tesla schon länger verfolgt: "Wir sehen uns nicht als klassischen Automobilhersteller. Daher versuchen wir auch, unsere Modelle auf nichtindustriellen Veranstaltungen zu präsentieren, auf denen man Tesla vielleicht gar nicht erwarten würde", heißt es dort als Begründung, diesmal nicht bei der IAA dabei zu sein.

Die britische Luxusmarke Rolls-Royce wiederum möchte ihren Kunden die Reise zu einer Automobilmesse gar nicht erst zumuten. "Rolls-Royce bevorzugt es, sich direkt dort an die Kunden zu wenden, wo sie wohnen und arbeiten. Daher hat man bereits 2016 entschieden, sich vom Großteil der weltweiten Messen zurückzuziehen", heißt es aus der Unternehmenszentrale. Das fabrikneue Luxusmodell Phantom wird in Frankfurt nur einen Kurzauftritt bei der Pressekonferenz des BMW-Konzerns haben. Danach verschwindet es wieder hinter den Kulissen - und in Halle elf gibt es für den Rest der Show ausschließlich BMW- und Mini-Modelle zu sehen.

Messestände für Millionen

Neben dem Faktor Aufmerksamkeit dürften auch die Kosten für einen Messeauftritt eine Rolle spielen. Immerhin kostet ein Quadratmeter Ausstellungsfläche in Frankfurt laut dem Verband der Automobilindustrie (VDA) 166 Euro für die 13 Ausstellungstage. Für den Messeauftritt von BMW, der sich über die gesamte Halle 11 erstreckt, werden damit allein rund zwei Millionen Euro Miete fällig. Hinzu kommen Kosten für Auf- und Abbau, technisches Personal, Kundenberater und Hostessen, Catering, Hotelübernachtungen sowie tonnenweise Informationsbroschüren und Prospekte.

Auch für Autobauer Mercedes, der traditionell die komplette Festhalle besetzt, fallen geschätzte Gesamtkosten im höheren achtstelligen Bereich an. Dabei schnüren selbst große Hersteller in diesem Jahr den Gürtel schon enger. Hatte Audi bei den vergangenen IAA-Auftritten stets einen eigenen Pavillon auf dem Agora-Freigelände errichten lassen - 2015 soll das Bauwerk rund 50 Millionen Euro gekostet haben -, schlüpfen die Ingolstädter in diesem Jahr in Halle drei zu Konzernmutter Volkswagen und allen anderen Marken des VW-Imperiums. Auch der sogenannte VW-Konzernabend wird in diesem Jahr bescheidener ausfallen und ohne Stars wie zuletzt die Pet Shop Boys auskommen müssen.

IAA-Auftritt oder individuelles PR-Getöse?

Selbst Hersteller, die auf der IAA nicht das ganz große Rad drehen, müssen nach Einschätzung von Branchenkennern mit Messekosten zwischen 10 und 25 Millionen Euro kalkulieren. Und offenbar fragen sich immer mehr Verantwortliche, ob dieses Geld nicht sinnvoller ausgegeben werden kann. Denn abseits der IAA lässt sich für derartige Summen eine Menge PR-Getöse veranstalten.

Hinzu kommt noch ein Nachwuchsproblem: Jüngere Leute zieht es immer weniger zu den großen Autoshows nach Frankfurt, Genf oder Detroit. "Wir beobachten sehr genau, wie sich das Auto vor allem für das jüngere Publikum vom Transportmittel und Statussymbol zu einem elektronischen Device wandelt, dem viel weniger Emotionen entgegengebracht werden als bisher", sagt Berylls-Mann Burgard. Außerdem ließen sich Informationen über neue Modelle sehr schnell und in großem Umfang im Internet finden, was die Messe für die jüngere Generation oft obsolet mache.

Neigt sich die Zeit klassischer Automessen dem Ende zu? "Eine Erosion der Bedeutung großer Automessen ist offensichtlich und auch unumkehrbar", sagt Burgard. "So wie sich das Auto verändert und die Wünsche und Mobilitätsanforderungen seiner Nutzer, werden die großen Messen keine Chance haben, wenn sie weitermachen wie bisher." Ein Schritt in die richtige Richtung sei beispielsweise die New Mobility World, ein Sonderausstellungsbereich auf der IAA, der die Themen alternativer Antriebe, Vernetzung und Digitalisierung fokussiert. "Ob der IAA 2019 weitere Herstellerabsagen erspart bleiben, bleibt abzuwarten."

insgesamt 118 Beiträge
bogedain 08.09.2017
1. Messen sind out
Die Zeiten der grossen Messen sind endgültig vorbei!Diese kosten unsinnig viel Geld,belasten extrem die Umwelt durch Berge an Verpackungsmüll und die Neuigkeiten,die präsentiert werden,sind in der schnelllebigen Zeit nach ein [...]
Die Zeiten der grossen Messen sind endgültig vorbei!Diese kosten unsinnig viel Geld,belasten extrem die Umwelt durch Berge an Verpackungsmüll und die Neuigkeiten,die präsentiert werden,sind in der schnelllebigen Zeit nach ein paar Wochen überholt.Ich war in der Modebranche tätig,wo die Kölner Herrenmode Woche vor etwa fünfzehn Jahren eingestellt wurde...und da waren jährlich etwa 1.500 Aussteller!
Herr Jedermann 08.09.2017
2. Die CeBIT
läßt grüßen.
läßt grüßen.
hardeenetwork 08.09.2017
3. E Messe 2018
Man sollte eine zukunftsorientierte Messe nur für die Entwicklung der Elektro Automobile eröffnen. Denn das "klassische Auto" liegt bereits auf dem Sterbebett.
Man sollte eine zukunftsorientierte Messe nur für die Entwicklung der Elektro Automobile eröffnen. Denn das "klassische Auto" liegt bereits auf dem Sterbebett.
DerRömer 08.09.2017
4. Gründe sind:
Zuviel Konkurrenz, zu teuer, das eigene Produkt nicht Innovativ genug, keine gute Qualität. Na irgendwie stellen sich die Hersteller Sicht selbst ein schlechtes Zeugnis aus. Wir sind nicht gut genug um uns mit anderen zu [...]
Zuviel Konkurrenz, zu teuer, das eigene Produkt nicht Innovativ genug, keine gute Qualität. Na irgendwie stellen sich die Hersteller Sicht selbst ein schlechtes Zeugnis aus. Wir sind nicht gut genug um uns mit anderen zu vergleichen. Ob das der Sinn der Absage ist, ist zwar zu bezweifeln, aber es kommt so rüber. Peinlich, peinlich.
wahrsager26 08.09.2017
5. Tesla und Messe
Ich hätte gerade vermutet, das Tesla teilnimmt.Erstens sind wir eine Hausnummer in Sachen Automobilbau und man hätte merken können, wie bei uns über Elektromobilität diskutiert wird.Eine Gelegenheit sich zu präsentieren! [...]
Ich hätte gerade vermutet, das Tesla teilnimmt.Erstens sind wir eine Hausnummer in Sachen Automobilbau und man hätte merken können, wie bei uns über Elektromobilität diskutiert wird.Eine Gelegenheit sich zu präsentieren! Danke

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