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Auto

Neue CO2-Grenzwerte

Es geht um alles

Die Vorgaben zu CO2-Grenzwerten sind richtungsweisend für Umwelt, Verbraucher und Industrie. Sie bestimmen über die Mobilität der Zukunft - und sind mitentscheidend für die Zukunft der Erde.

BMW

Montageroboter in einem BMW-Werk

Von und
Mittwoch, 08.11.2017   10:01 Uhr

Am Mittwoch legt die EU-Kommission die neuen Bestimmungen zu CO2-Grenzwerten vor. Klingt nach langweiliger Bürokratie, ist in Wahrheit aber eine der wichtigsten politischen Entscheidungen - mit Folgen für den Alltag fast aller Bürger. Denn diese drei Bereiche sind davon unmittelbar betroffen:

DPA

Häufigere Sturmfluten, schmelzende Gletscher, intensive Stürme - die Folgen des Klimawandels werden die Welt gravierend verändern. Hauptverursacher für die Erderwärmung ist das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2). Es entsteht unter anderem bei der Verbrennung fossiler Kraftstoffe im Automotor.

Eine der Schlüsselrollen bei der CO2-Belastung spielt also der Verkehr. Im Jahr 2015 war laut Umweltbundesamt (UBA) der Verkehrssektor für rund 18 Prozent der Treibhausgasemissionen in Deutschland verantwortlich. Zwar konnten in der Vergangenheit Fortschritte bei der CO2-Reduzierung bei Neuwagen erreicht werden. Durch höhere Fahrleistungen und immer schwerere und stärker motorisierte Autos setzte zuletzt aber wieder eine negative Trendwende ein. Außerdem stagniert der CO2-Ausstoß im Verkehrssektor laut Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums seit mehr als 25 Jahren: 1990 lag er bei 164 Millionen Tonnen CO2, 2016 bei 166 Millionen Tonnen.

Der Chef der UN-Weltorganisation für Meteorologie (WMO), Petteri Taalas, warnte Ende Oktober: "Ohne rasche Einschnitte bei den CO2- und anderen Treibhausgasemissionen droht zum Ende dieses Jahrhunderts ein gefährlicher Temperaturanstieg, der deutlich über den Zielen des Pariser Klimaschutzabkommens liegt." In dem Ende 2015 beschlossenen Abkommen hat sich die Staatengemeinschaft vorgenommen, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad und möglichst auf 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen.

Mit Mut zum Pathos lässt sich also sagen: Bei den Verhandlungen um die europäischen CO2-Grenzwerte geht es um den Erhalt der Umwelt. Um die Bedeutung der Emissionsregeln zu erkennen, reicht allerdings auch der gesunde Menschenverstand.

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Strengere CO2-Grenzwerte sind zunächst mal eine gute Nachricht für alle Autofahrer. Wer freut sich nicht, wenn sein Wagen weniger Sprit braucht? Eine schärfere Regelung hat nämlich neben ökologischen auch handfeste ökonomische Vorteile: Weniger Kohlendioxid-Emissionen gehen grundsätzlich mit der Einsparung von Kraftstoff einher.

In den vergangenen Jahren ist der durchschnittliche CO2-Ausstoß von Neuwagen in Deutschland stark gesunken, laut einer Analyse des Center of Automotive Management (CAM) von rund 154 g/km im Jahr 2009 auf etwa 127 g/km im Jahr 2016. "Natürlich haben die Hersteller ein Interesse daran, den Kunden effiziente Autos zu bieten - aber ohne den Druck der Politik wäre die Reduzierung des CO2-Ausstoßes und Spritverbrauchs bestimmt nicht so groß ausgefallen", sagt CAM-Leiter Stefan Bratzel.

Zwar haben sich laut Bratzel die Preise der Neuwagen in den vergangenen Jahren verteuert, aber das sei nicht allein auf die aufwendigeren Spritspartechniken zurückzuführen. "Heute haben die Fahrzeuge mehr PS als früher und bieten außerdem meistens eine bessere Ausstattung und mehr Sicherheit." Dass sich die Hersteller ihre Umweltinnovationen wie Downsizing, Zylinderabschaltung oder Start-Stopp-Systeme teuer bezahlen lassen, ließe sich nicht behaupten.

Der Automobilexperte will die positive Entwicklung beim CO2-Ausstoß jedoch nicht überbewerten: "Zwischen den offiziellen Angaben der Hersteller und den realen Verbräuchen herrscht eine große Diskrepanz - natürlich haben sich die Emissionen auch auf der Straße verbessert, aber bestimmt nicht ganz so gut wie auf dem Papier."

Hinzu kommt: Die vorbildlicheren CO2-Bilanzen der vergangenen Jahre gehen auch auf einen erhöhten Anteil von Dieselautos zurück, deren Motoren dank eines größeren Wirkungsgrads weniger Sprit verbrauchen. Spätestens seit Bekanntwerden des Dieselbetrugs von VW weiß man aber, dass der CO2-Vorteil auf Kosten einer extremeren Belastung durch andere Abgase wie zum Beispiel Stickoxiden (NOX) erkauft wurde.

Der Feststellung, dass strengere CO2-Grenzwerte für bessere Autos sorgen, stimmt Bratzel generell zu. "Aber", schiebt er hinterher, "nur, wenn man die Zielkonflikte berücksichtigt und auch auf den NOX-Ausstoß achtet."

BMW

Für die Autohersteller verursachen schärfere Vorgaben erst einmal höhere Kosten. Um ihre Produkte umweltfreundlicher zu machen, müssen sie in neue Technologien investieren. Kein Wunder, dass die Autolobby sich vehement für die Aufweichung von Grenzwerten einsetzt.

Nach Ansicht von Stefan Bratzel kann die Festlegung von ambitionierten Zielen jedoch den Wettbewerb unter den Anbietern anheizen und dafür sorgen, dass Entwicklungen vorangetrieben werden. Mit anderen Worten: Durch die Grenzwerte werden die Hersteller ein Stück weit zu ihrem Glück gezwungen. Schließlich gelten die Regeln für alle.

Bratzel sieht erst einmal Probleme für die deutschen Hersteller und Zulieferer: "In der Vergangenheit wurden die Vorgaben durch Optimierungen der Verbrennungsmotoren erreicht", sagt er, "doch in Zukunft wird es ohne alternative Antriebe nicht gehen." Hier habe die heimische Automobilindustrie noch einigen Nachholbedarf. Vor allem fehle es an einer Produktion von Batteriezellen. "Dieser Bereich ist aber extrem wichtig für die Wertschöpfung der Elektromobilität", sagt Bratzel. Unter anderem forderte auch EU-Kommissionsvizepräsident Maros Sefcovic kürzlich eine "europäische Batterie-Allianz", um der Konkurrenz aus Asien und den USA etwas entgegenzuhalten.

Strengere Grenzwerte sind nach Ansicht von Stefan Bratzel deshalb längst nicht nur eine Gängelung, sondern auch ein Instrument, um "einen Strukturwandel" auszulösen. "Wenn die Vorgaben früh festgelegt werden und den Herstellern ausreichend Zeit zur Erfüllung gegeben wird, hat das einen positiven Effekt auf die Industrie", glaubt er.

insgesamt 87 Beiträge
purple 08.11.2017
1.
Um ein Fahrzeug zu bewegen braucht es eine gewisse Energiemenge und die liegt definitiv über dem was in 95g CO2 steckt. Daher sind solche Vorgaben unsinnig. Wenn man hier Fortschritte erzielen will, anstatt die Autoindurstrie [...]
Um ein Fahrzeug zu bewegen braucht es eine gewisse Energiemenge und die liegt definitiv über dem was in 95g CO2 steckt. Daher sind solche Vorgaben unsinnig. Wenn man hier Fortschritte erzielen will, anstatt die Autoindurstrie zu manipulativen Tests zu zwingen - dann muss man die fossile Kohlenstoffmenge in den Treibstoffen beschränken. Das geht mit Hilfe von synthetischen Treibstoffen - erzeugt aus CO2 aus der Luft und Wasserstoff aus überschüssigem Solar und Windstrom. Wirkungsgrad Solarstrom -> Treibstoff über 50%. Das ist ok. Damit kommt man auf 1,20 € pro liter. Das ist verkraftbar.
Beat Adler 08.11.2017
2. Die Dekarbonisierung der Wirtschaft bedingt eine radikale Wende.
Die Dekarbonisierung der Wirtschaft bedingt eine radikale Wende. Deutschland kann hier fuehrend sein! Das gilt aber nicht nur fuer die Energiewirtschaft sondern auch fuer den Ersatz von mineralischem Diesel. Heute verbrennen [...]
Die Dekarbonisierung der Wirtschaft bedingt eine radikale Wende. Deutschland kann hier fuehrend sein! Das gilt aber nicht nur fuer die Energiewirtschaft sondern auch fuer den Ersatz von mineralischem Diesel. Heute verbrennen taeglich weltweit ueber eine Milliarde Motoren mineralischen Diesel, gewonnen aus Erdoel. Ohne diese Motoren keine Landwirtschaft und fast keine Transporte. Wir Menschen, rund um den Globus, haetten ohne Dieseltreibstoff Nichts, gar Nichts auf unseren Tellern. Fuer die Alternativen zu mineralischem Diesel, Wasserstoff-Brennstoffzelle-e-Motor, Batterie-e-Motor geladen durch Sonnenkollektoren in Kombination mit Hausspeicherbatterien, Syngas, Synfuel, Biogas, Bioethanol und ein klein bisschen Biodiesel, bietet sich die deutsche Ingenieurskunst geradezu an. Aermel hoch und an die Arbeit, die Teller sollen weiter gefuellt sein! Die Dekarbonisierung, trotz kommender Industriegesellschaft 4.0, bietet Chancen fuer die Wirtschaft inklusive Ersatz der Arbeitsplaetze, welche bei den fossilen Energietraegern verloren gehen.
navitrolla 08.11.2017
3. Stimmt alles, aber...
Auch dieser Artikel fokussiert sich ausschließlich auf die 18% durch Kraftfahrzeuge zu verantwortene Emmisionen. Gut, wenn da was getan wird - aber sollte man nicht erst einmal auf Bereiche schauen, wo ein größerer Effekt mit [...]
Auch dieser Artikel fokussiert sich ausschließlich auf die 18% durch Kraftfahrzeuge zu verantwortene Emmisionen. Gut, wenn da was getan wird - aber sollte man nicht erst einmal auf Bereiche schauen, wo ein größerer Effekt mit weniger Aufwand und weniger gesellschaftlichen Verwerfungen möglich ist? ich denke da beispielsweise an den Flugverkehr. Eine Besteuerung von Kerosin analog zu Benzin wäre ein erster Schritt. Subventionen um Billigflieger anzulocken gehören gestrichen (etwa die Fraport-Rabatte für Ryanair). Jede Reise, die nicht mit dem Flugzeug unternommen wird ist CO2-mäßig ein Gewinn.
k.michael62 08.11.2017
4. Vorwärts immer !
Eine flammende Rede ! Ja, gerne. Wollen wir nun Wind-Diesel erzeugen? Bitte mal rechnen. Bitte, bitte. Mengengerüste, Preise, Investitionen.
Zitat von Beat AdlerDie Dekarbonisierung der Wirtschaft bedingt eine radikale Wende. Deutschland kann hier fuehrend sein! Das gilt aber nicht nur fuer die Energiewirtschaft sondern auch fuer den Ersatz von mineralischem Diesel. Heute verbrennen taeglich weltweit ueber eine Milliarde Motoren mineralischen Diesel, gewonnen aus Erdoel. Ohne diese Motoren keine Landwirtschaft und fast keine Transporte. Wir Menschen, rund um den Globus, haetten ohne Dieseltreibstoff Nichts, gar Nichts auf unseren Tellern. Fuer die Alternativen zu mineralischem Diesel, Wasserstoff-Brennstoffzelle-e-Motor, Batterie-e-Motor geladen durch Sonnenkollektoren in Kombination mit Hausspeicherbatterien, Syngas, Synfuel, Biogas, Bioethanol und ein klein bisschen Biodiesel, bietet sich die deutsche Ingenieurskunst geradezu an. Aermel hoch und an die Arbeit, die Teller sollen weiter gefuellt sein! Die Dekarbonisierung, trotz kommender Industriegesellschaft 4.0, bietet Chancen fuer die Wirtschaft inklusive Ersatz der Arbeitsplaetze, welche bei den fossilen Energietraegern verloren gehen.
Eine flammende Rede ! Ja, gerne. Wollen wir nun Wind-Diesel erzeugen? Bitte mal rechnen. Bitte, bitte. Mengengerüste, Preise, Investitionen.
rumpelstilzchen1980 08.11.2017
5.
Es war nie effizient 80kg Fleisch mit 1,5-2,5 Tonnen Stahl zu bewegen. Das ist reine Energieverschwendung. Und wir reden hier über ein Land, wo Menschen 500m zum Bäcker mit dem Geländewagen fahren. Das wird uns [...]
Es war nie effizient 80kg Fleisch mit 1,5-2,5 Tonnen Stahl zu bewegen. Das ist reine Energieverschwendung. Und wir reden hier über ein Land, wo Menschen 500m zum Bäcker mit dem Geländewagen fahren. Das wird uns einholen. Ganz sicher.

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