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Auto

Überraschender Trend

Darum boomen in Japan Dieselautos

Das Mutterland des Hybridantriebs entdeckt die Lust auf Diesel: Während in Europa die Verkaufszahlen abstürzen, steigen sie in Japan steil an. Das hat mehrere Gründe.

robertharding / imago

Stadtverkehr in Tokio

Aus Tokio berichtet
Montag, 13.11.2017   05:36 Uhr

Tokio, im Oktober 2015: Die Dieselaffäre ist gerade ein paar Wochen alt. Auf dem VW-Stand bei der Motor Show in Tokio spielen sich seltsame Szenen ab. Denn obwohl die Niedersachsen in Japan offiziell überhaupt keine Selbstzünder im Programm haben, macht der lokale Statthalter Sven Stein den sogenannten Kotau, die tiefe Verbeugung als Geste der Entschuldigung. Er bittet um Vergebung für einen Betrug, unter dem in Japan nur die Besitzer einer Handvoll Grauimporte von VW-Fahrzeugen zu leiden hatten.

REUTERS

Sorry: Sven Stein, damaliger Japan-Chef von VW, entschuldigt sich auf der Tokio Motor Show für den Dieselbetrug. Das war 2015.

Zwei Jahre später ist die Situation für VW auf der Motor Show in Tokio eine ganz andere, aber nicht minder surreal.

Während der Diesel mittlerweile weltweit in der Kritik steht und VW sich mit einer groß angelegten Elektrooffensive ein neues Image geben will, steht wieder ein Manager aus Wolfsburg auf der Bühne und sagt merkwürdige Sachen: "Wir bringen den Diesel jetzt auch nach Japan", verkündigt der örtliche VW-Chef Till Scheer und meint damit das Modell Passat 2.0 TDI, das 2018 in den Handel kommen soll.

20 Prozent Zuwachs im ersten Halbjahr

Wer jetzt glaubt, dass VW auf diese Weise ein paar alte Motoren loswerden möchte, die sich im Rest der Welt nicht mehr verkaufen ließen, irrt gewaltig. Der Dieselmarkt ist in Japan tatsächlich im Steigflug: Allein im ersten Halbjahr 2017 haben die Verkäufe der Selbstzünder um 20 Prozent zugelegt. Vor allem bei den Importeuren erreichen sie mittlerweile erkleckliche Anteile. Jedes fünfte der etwa 150.000 Importmodelle hatte einen Diesel unter der Haube, sagt BMW-Chef und Importverbandsvorsitzender Peter Kronschnabl. Noch vor fünf Jahren lag die Nachfrage quasi bei Null.

Bei BMW sei heute sogar schon jedes zweite Auto in Japan ein 523d, und mit Blick auf Modelle wie den X5 und den neuen X3 rechnen die Bayern mit einem weiter steigenden Dieselanteil.

Das gilt auch für Mercedes: "Früher hatten wir höchstens bei ML- oder G-Klasse ein paar Dieselmotoren", sagt Toshio Suda, Präsident der größten Mercedes-Händlerbetriebe in Tokio, "aber mittlerweile liegt unser Dieselanteil bei rund 30 Prozent, weil der Selbstzünder jetzt auch für Limousinen wie die C-, die E- oder die S-Klasse nachgefragt wird."

"Technikfaszination" und Steuervorteile

Bei der Begründung des wachsenden Diesel-Interesses versucht sich ein VW-Sprecher in Ursachenforschung: Generell herrsche eine "Faszination für die aufwendige Technik". Außerdem würde den japanischen Kunden die Vorteile von Dieselmotoren bewusst: Der im Vergleich zu vielen Benzinern niedrigere Verbrauch und damit die geringeren Treibstoffkosten, sowie das kräftige Fahrverhalten.

Hinzu kommt: Die japanische Regierung belohnt die vergleichsweise niedrigen Verbräuche und CO2-Emissionen der Selbstzünder mit einem Steuerbonus: "Bei einer Limousine wie der E-Klasse spart man mit dem Diesel gegenüber dem Benziner rund 500.000 Yen an Steuern", rechnet ein Mercedes-Verkäufer vor. "Das sind umgerechnet rund 3800 Euro."

Eine japanische Marke tanzt aus der Reihe - und ist jetzt Diesel-Marktführer

Während die Importeure den Diesel aggressiv bewerben, spielt der Selbstzünder bei heimischen Herstellern kaum eine Rolle. Honda, Nissan, Mitsubishi und Toyota bieten ihn nur für den Export oder für Nutzfahrzeuge an. Toyotas Vizechef Didier Leroy rühmt sich, dass er den Entwicklern schon Jahre vor dem Dieselskandal den Geldhahn zugedreht hat. Statt selbst neue Motoren zu entwickeln, haben die Japaner einen Deal mit BMW gemacht, dort die Motoren für die EU-Modelle eingekauft und sich auf die Alternativen konzentriert: "Unser Diesel heißt Hybrid", sagt Leroy und stützt diese Behauptung nicht zuletzt mit dem Verkaufsanteil: Mit über 40 Prozent erreichen die Teilzeitstromer bei Toyota tatsächlich eine höhere Quote als bei manchen Marken die Dieselmodelle.

Die einzige Ausnahme unter den japanischen Herstellern ist Mazda. Die Marke gefällt sich mit Wankelmotoren und mit der Entwicklung des sogenannten Diesotto-Motors sowieso in der Rolle des Andersdenkenden. Vor rund fünf Jahren hat man im Geländewagen CX-5 als erster japanischer Hersteller damit begonnen, Dieselmotoren auf dem Heimatmarkt anzubieten. Mit Erfolg - kein anderer verkauft mehr Diesel in Japan. Beim CX-5 liegt der Verkaufsanteil bei etwa 70 Prozent, den kleinen CX-3 gibt es überhaupt nicht mehr als Benziner.

Der Atom-Vergleich

Dass Japan ausgerechnet jetzt auf den Diesel kommt, wo der Motor überall sonst verteufelt wird, mag für Außenstehende schwer nachvollziehbar sein. Doch wer die japanische Volksseele kennt, der findet dafür durchaus eine Erklärung, sagt der Kulturforscher Edgar Pelaez von der Waseda University Tokio: In der japanischen Überzeugung gäbe es einfach keine schlechte Technik, sondern es ist immer der Mensch, der sie schlecht macht. "Ausgerechnet das einzige Land der Welt, das Opfer von Angriffen mit Atombomben geworden ist, verlässt sich bei seiner Energieversorgung mehr als alle anderen auf Kernkraft."

insgesamt 225 Beiträge
Flying Rain 13.11.2017
1. Naja...
Naja... in Japan scheint sich die Steuer simpel und einfach am Verbrauch zu orientieren.
Naja... in Japan scheint sich die Steuer simpel und einfach am Verbrauch zu orientieren.
helmut.alt 13.11.2017
2. Um den Dieselmotor führt kein Weg herum,
denn er ist um 30% sparsamer als ein Benzinmotor und hat gerade im unteren Drehzahlbereich eine enorme Durchzugskraft. Hybridmotoren sind doppelt gemoppelt: warum braucht ein Auto zwei unterschiedliche Antriebssysteme? Die [...]
denn er ist um 30% sparsamer als ein Benzinmotor und hat gerade im unteren Drehzahlbereich eine enorme Durchzugskraft. Hybridmotoren sind doppelt gemoppelt: warum braucht ein Auto zwei unterschiedliche Antriebssysteme? Die Kraftstoffersparnis ist auf Langstrecken überhaupt nicht gegeben (erhöhtes Gewicht) und im Stadtverkehr hält sie sich in Grenzen. Das E-Auto wird immer nur ein Nischenprodukt bleiben können, weil es vom Strom abhängig ist, den man in der Batterie nur begrenzt mitführen kann. Das einzige Manko des Dieselmotors, NOx im Abgas, wird sich sicher bald mit neuen Katalysatoren lösen lassen. Interessant, dass man den deutschen Ingenieuren in der Vergangenheit den Vorwurf gemacht hat gegenüber den Japanern die Hybridtechnologie verschlafen zu haben und jetzt springen die Japaner auf diese Technologie. Wer wohl vorausschauender war?
anselmwuestegern 13.11.2017
3.
Japan kann der Welt zeigen, das hysterischer Aktivismus Unsinn ist. Man kann durch gezielte Förderung technische Lösungen, die ein Nischendasein führen, gezielt in den Mittelpunkt des Interesses bringen. So wird es bei uns mit [...]
Japan kann der Welt zeigen, das hysterischer Aktivismus Unsinn ist. Man kann durch gezielte Förderung technische Lösungen, die ein Nischendasein führen, gezielt in den Mittelpunkt des Interesses bringen. So wird es bei uns mit Elektro-und Hybridantrieben versucht. So läuft es gerade dort mir Diesel. Wenn ein technischer Lösungsansatz nur aufgrund verendeter Rahmenbedingungen verschwindet, kann das auch ein grosser Nachteil sein. Situationen können sich auch wieder ändern. Ein Dieselmotor kann mit viel weniger Aufwand auf nachwachsende Rohstoffe umgestellt werden, als zB. Benzin. Vor allem die Erzeugung des Ersatzes ist weniger aufwendig. Im Gegensatz zu Alkohol wachsen Ölpflanzen, die den Rohstoff produzieren, bereits. Da liesse sich eine Verwertungskette aufbauen, die die Restpflanzen sinnvoll verwertet. Gerade rohstoffarme Länder dürfen solche Optionen nicht ignorieren. Elektro ist für Ballungsräume sicher eine gute Idee. In den Gebieten dazwischen wird es auf absehbare Zeit eine Herausforderung bleiben.
10prozentfett 13.11.2017
4. Der Grund
ist einfach - Japaner handeln nicht ideologisch sondern rational. Sind halt nicht blöd. Wer schon einmal einen Hybrid oder Turbobenziner gefahren ist weiß was ich meine.
ist einfach - Japaner handeln nicht ideologisch sondern rational. Sind halt nicht blöd. Wer schon einmal einen Hybrid oder Turbobenziner gefahren ist weiß was ich meine.
neutron76 13.11.2017
5. Bei uns hat die Angst Spieltrieb und Optimismus bei Technik besiegt.
Man darf das nicht überbewerten. In Summe ist die Anzahl der Importfahrzeuge in Japan eher gering.
Man darf das nicht überbewerten. In Summe ist die Anzahl der Importfahrzeuge in Japan eher gering.
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