09.09.2010
Lifestyle handgemacht
Räder für Helden
Von Anne HaemingKopfsteinpflaster, das ist für Radfahrer wie Pest und Cholera in einem. Ausgerechnet in einem Viertel, dessen Straßen damit überzogen sind und große Löcher das Vorankommen auf zwei Räder erschweren, hat Goetz Haubold seinen Fahrradladen.
Dailybread heißt das Geschäft. Es liegt in einer Seitenstraße im angesagteren Teil von Berlin- Neukölln. In dieser Gegend hat es erst einmal nichts zu heißen, wenn ein weißes Rad im Schaufenster steht, wie bei ihm. Über der Tür hängt ein altes Reklameschild, "Gardinen Atelier" steht da in schwarzen Schnörkeln. Goetz Haubold untertreibt.
Er entwirft seine eigenen Räder. Die, die es gab, gefielen ihm nicht, er wollte "ausnehmend schöne Räder" bauen. Also startete er Dailybread.
Goetz Haubold gehört damit zu einer neuen Generation von Fahrraddesignern zwischen Anfang 30 und Anfang 40, die derzeit jenseits der Massenware Rahmen entwerfen, neue Nabensysteme entwickeln, in Hinterzimmern und Hinterhöfen ihre Werkstatt betreiben. Dass sich diese Branche durchaus positiv entwickelt, zeigen auch die lässigen Rahmenbauer-Messen, die in den vergangenen fünf Jahren in Nordamerika und Europa entstanden sind.
Inflationär benutzte Begriffe
Manufaktur, custom made, handmade; die Begriffe verschwimmen. Fest steht, dass man die Nase rümpft über alle, die Räder nur nach den Wünschen des Kunden zusammenbauen und das gleich Manufaktur nennen. Das sei schließlich kaum mehr als Einzelteile aus Katalogen raussuchen und "ein bisschen löten". Bei ihnen hingegen - das ist der neuen Generation wichtig - stammten die Rahmen und der meiste Rest aus der eigenen Feder.
"Das ist Lifestyle", sagt Johannes Cremer von Craftsmen, einer Berliner Zweimannfirma. "Man baut sich das Bike, das man fährt, selbst." Sein Beruf sei "gelebte Kreativität", findet Holger Patzelt von Fixie Inc. aus Karlsruhe. "Die Einstellung der Leute zum Rad hat sich geändert," sagt er, das Design werde immer wichtiger.
Das Rad kann man nicht neu erfinden. Götz Haubolds Dailybread sieht aus, als gelte für Räume das Gleiche. Die Wände sind unverputzt, bis auf ein paar bröckelnde Farbschichten, der Steinboden hat Schlaglöcher, in einer Ecke ein schmaler Tresen, an der anderen Wand ein dezentes Regal. Zwei lange Leuchtkästen dienen als Podeste für zwei schlanke Räder. Alles ist auf das Wesentliche reduziert. Sein Entwurf ist ein "Multiple Choice Rad", ein Rahmensatz, der mit unterschiedlichen Radgrößen und Reifen funktioniert; ein Stadtrad wird mit ein paar Handgriffen zum Tourenrad, den Gepäckträger dranschrauben, fertig. "Alles Handarbeit", sagt Dailybread-Chef Haubold und streicht über den lackierten Stahl. "Fabriziert in einer kleinen tschechischen Rahmenbaufirma." 100 Rad-Sätze, damit hat er angefangen. Die Hälfte übernahm ein schweizer Partner, über ein Drittel ist verkauft.
Der Antrieb, in dieses Gewerbe einzusteigen, es als Beruf für sich zu entdecken, ist bei allen ähnlich. Johannes Cremer und sein Kompagnon Norbert Haller lernten sich beim Produktdesign-Studium kennen; Haubold ist gelernter Metallbauer, Sozialpädagoge, arbeitete lange für einen Fernsehsender; bei "Fixie Inc." taten sich ein Bauingenieur und ein Maschinenbauer zusammen. Allesamt alte Radlerseelen. Der eine fuhr früher Radrennen, der andere ist ein ehemaliger Fahrradkurier, der dritte jobbte schon als Schüler in einer Fahrradwerkstatt, wollte Rahmenbauer werden. Sie erinnern sich daran, als sie das erste Mountainbike sahen oder das erste Fixed-Gear-Rad.
"Die Sportler waren mir irgendwann zu nerdig", sagt Haubold. "Hauptsache jedes Schräubchen war aus Carbon." Das hatte nichts mit dem "Lifestyle" zu tun, den er mit Rädern verbindet. "Die Teile, die wir wollten und brauchten, waren nirgends erhältlich", erzählt Patzelt von Fixie Inc., "man ergatterte Sammlerstücke, keine einfach reproduzierbaren Produkte."
Sie alle sind auch getrieben von der Beobachtung, dass sich in Zeiten von Ressourcenknappheit und überfüllten Innenstädten das Rad immer mehr als Alternative entpuppt. Die nachhaltige Grundhaltung ist Teil ihrer unternehmerischen Identität.

