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01.10.2010
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Verkehrserziehungsprojekt "Road Sense"

Hier sitzen 14-Jährige am Steuer

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Führerschein mit 17? René, Anne und Sabrina, alle 14, zucken nur mit den Schultern. Beim Mercedes-Projekt Road Sense durften sie nämlich schon ans Steuer. Die Idee dahinter: Jugendliche sollen die Risiken des Autofahrens kennenlernen - um kompetente Beifahrer zu sein.

Der Weg in den Straßenverkehr ist für fast alle Kinder gleich. Während der Grundschule legen sie in der Regel eine Fahrradprüfung ab, dann aber vergehen bis zum Führerschein oft zehn Jahre, ehe sie wieder mit Vorfahrtsregeln oder Abbiegeverhalten konfrontiert werden. Zwar verkürzt der gerade vom Pilotprojekt zur Dauerlösung umgewandelte Führerschein mit 17 die Zeitspanne, doch ausgerechnet dann, wenn der Aktionsradius der Kinder wächst und sie zumindest als Beifahrer immer häufiger im Auto sitzen, hat die Verkehrserziehung Pause. Dabei kommt in Deutschland alle 22 Minuten ein Jugendlicher zwischen 15 und 17 Jahren im Verkehr zu Schaden, jeden zweiten Tag verliert ein Mensch aus dieser Altergruppe sein Leben bei einem Unfall.

Teenager könnten nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf ältere Freunde oder Geschwister am Steuer besser aufpassen, wenn sie mehr über die Gefahren im Straßenverkehr wüssten. Das ist die These, die einem neuen Trainingsprogramm namens Road Sense zu Grunde liegt. Entwickelt wurde das Projekt von der Mercedes Driving Academy in Zusammenarbeit mit der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände. Achtklässler sollen spielerisch und praktisch über die Gefahren im Verkehr aufgeklärt werden. "Sich selbst und andere im Straßenverkehr richtig einzuschätzen, Konflikte zu lösen und Risiken zu vermeiden", fasst Projektleiter Alexander Hobbach die Ziele zusammen. In diesem Sommer wurde das Programm als Modellversuch in Stuttgart mit 600 Schülern gestartet; bald sollen weitere Aktionen in ganz Deutschland folgen.

Natürlich weiß auch Hobbach, dass "Teenager in diesem Alter andere Themen im Kopf haben als Verkehrssicherheit". Deshalb ködert er die Jugendlichen mit einem besonderen Erlebnis: Auf einem abgesperrtem Gelände und mit einem Fahrlehrer an der Seite dürfen die 13- bis 15-jährigen Teilnehmer selbst ans Steuer. In praktischen Übungen sollen sie nicht nur einen Einblick in die Fahrphysik bekommen, sondern vor allem in die Psychologie. Denn die falsche Einschätzung bestimmter Situationen und des eigenen Könnens, ein zu geringes Risikobewusstsein und den Gruppendruck haben Sicherheitsforscher als zentrale Ursachen für die hohe Unfallquote von Jugendlichen ausgemacht.

Was tun, wenn der Fahrer über die Stränge schlägt?

Wie widerstehe ich der Verlockung, ohne Führerschein zu Fahren? Wann und warum fühle ich mich an Bord eines Autos unsicher? Wie kann ich den Fahrer zur Vernunft bringen, wenn er offensichtlich zu schnell oder riskant fährt? Und was kann man tun, wenn man sich in solch einer Situation unwohl fühlt? Solche Fragen wollen die Fahrlehrer und Pädagogen stellen und in Gruppendiskussionen beantworten.

Und die erste eigene Fahrt in einem Auto ist für die Jugendlichen sowieso cool. Road Sense will aber natürlich nicht die Fahrschule vorweg nehmen oder die Teenager zu Schwarzfahrten animieren. Sondern sie sollen für Herausforderungen am Steuer sensibilisiert und auf Gefahren aufmerksam gemacht werden, damit sie sich im Zweifel einmischen und den Chauffeur zur Ordnung rufen können. "Wir zeigen den Schülern praktisch, wie man in bestimmten Situationen auch als Beifahrer einen Beitrag zur Verkehrssicherheit leisten kann", sagt Fahrlehrer Ralf Klopfer.

Auch obercoole Teenager sind nach einer Notbremsung geschockt

Dabei wirken selbst scheinbar abgeklärte Teenager ziemlich erschrocken, wenn sie zum Beispiel die volle Wucht einer Notbremsung erleben. "Ich fand es krass, wie schwer der eigene Körper dann werden kann", sagt zum Beispiel René, und Sabrina wundert sich noch immer, mit welcher Wucht die im Heck bereit gelegten Bälle bei der Vollbremsung nach vorne durchs Auto flogen. Anne wiederum hat daraus ihre Konsequenzen gezogen. Nicht nur sie selbst greift künftig immer zum Gurt. "Ab jetzt pass ich auf, dass auch mein Papa immer angeschnallt ist."

In Deutschland betritt Mercedes mit dem Projekt Neuland. In Großbritannien hingegen haben die Schwaben damit schon Erfahrung. Auf der ehemaligen Rennstrecke von Brooklands und gleich neben einer Niederlassung der Marke wurde ein eigener Parcours angelegt, auf dem die Nachwuchsfahrer trainieren können. Das Projekt gibt es seit 2006, und die einzige Beschränkung ist die Körpergröße, erläutert Mercedes-Manager Simon Bench. "Alle über 1,05 Meter dürfen hier ans Steuer." Insgesamt waren das mittlerweile mehr als 30.000 Kinder und Jugendliche, der Jüngste war neun Jahre alt. Das Erfolg des Programms, das in Brooklands, falls das gewünscht wird, in einer Vorschule für den Führerschein mündet, lasse sich an der Statistik ablesen, sagt Bench: "Im Mittel rasseln in England fast 60 Prozent der Fahranfänger durch die erste Führerscheinprüfung. Bei Teilnehmern unserer Trainings liegt die Durchfallquote dagegen nur bei 15 Prozent."

Forum

Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
1. Äpfel und Birnen, Apples and Oranges.
soylentyellow1 01.10.2010
"Im Mittel rasseln in England fast 60 Prozent der Fahranfänger durch die erste Führerscheinprüfung. Bei Teilnehmern unserer Trainings liegt die Durchfallquote dagegen nur bei 15 Prozent." Das könnte doch auch [...]
"Im Mittel rasseln in England fast 60 Prozent der Fahranfänger durch die erste Führerscheinprüfung. Bei Teilnehmern unserer Trainings liegt die Durchfallquote dagegen nur bei 15 Prozent." Das könnte doch auch daran liegen dass die Eltern der Teilnehmer des Mercedes-Trainings zu einem überdurchschnittlich hohen Anteil Mercedes-Fahrer sind. Mercedes ist teuer also sind die Eltern überdurchschnittlich reich. Kinder überdurchschnittlich reicher Eltern fallen sicherlich seltener durch die Führerscheinprüfung als Kinder armer Eltern, genauso wie sie häufiger Abi machen oder häufiger studieren (auch in GB). Also werden in diesem Satz wieder einmal Äpfeln mit Birnen verglichen, denn bevor nicht jemand den sozio-ökonomischen Hintergrund herausrechnet sagen diese Zahlen nicht wirklich viel aus.
2. Was soll der Quatsch?
Stefan Albrecht 01.10.2010
Ich halte es für einen echten Quatsch. Mit 14 tendieren Kinder dazu, zu allem ihren Senf dazuzugeben. Wenn sie sich dann nach ein paar Runden Autofahren noch mehr dazu berufen fühlen, dies auch beim Autofahren zu tun, dann [...]
Zitat von sysopFührerschein mit 17? René, Anne und Sabrina, alle 14,*zucken nur mit den Schultern.*Beim Mercedes-Projekt Road Sense durften sie nämlich schon ans Steuer. Die Idee dahinter: Jugendliche sollen die Risiken des Autofahrens kennenlernen - um kompetente Beifahrer zu sein. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,719772,00.html
Ich halte es für einen echten Quatsch. Mit 14 tendieren Kinder dazu, zu allem ihren Senf dazuzugeben. Wenn sie sich dann nach ein paar Runden Autofahren noch mehr dazu berufen fühlen, dies auch beim Autofahren zu tun, dann wird das schlicht und einfach unerträglich für den Fahrer, dem dann reingequatscht wird. Pubertierende Jugendliche reden so schon gern drein, aber sofern sie noch nicht von aussen halblebig geschult worden sind, kann man sie relativ leicht zum schweigen bringen (wobei das nicht heisst, dass man rast wie ein Verückter wenn sie Angst bekommen beim fahren). Wenn sie jedoch so ein Fahrtraining besuchen, meinen sie alles zu wissen und lenken den Fahrer ab und nerven ohne Ende. Und ich denke nicht, dass man in ein paar Stunden alles übers Autofahren weiss, seit der Fahrschule habe ich beispielsweise viel gelernt, obwohl ich aufs erste Mal alle Prüfungen bestanden hatte. Mann kann vielleicht einem anderen gegenüber dumme Kommentare abgeben und ihn damit nerven, aber sonst auch nichts.
3. Eher rauf als runter
cucco 01.10.2010
Stimme zu. Ausserdem leben Jugendliche in einer Parallelwelt, haben andere Emotionen und Eindrücke als einige Jahre später. Ich würde eher das Einstiegsalter von 18 auf 19 Jahren erhöhen. Ständig liest man, dass die [...]
Zitat von Stefan AlbrechtIch halte es für einen echten Quatsch. Mit 14 tendieren Kinder dazu, zu allem ihren Senf dazuzugeben. Wenn sie sich dann nach ein paar Runden Autofahren noch mehr dazu berufen fühlen, dies auch beim Autofahren zu tun, dann wird das schlicht und einfach unerträglich für den Fahrer, dem dann reingequatscht wird. Pubertierende Jugendliche reden so schon gern drein, aber sofern sie noch nicht von aussen halblebig geschult worden sind, kann man sie relativ leicht zum schweigen bringen (wobei das nicht heisst, dass man rast wie ein Verückter wenn sie Angst bekommen beim fahren). Wenn sie jedoch so ein Fahrtraining besuchen, meinen sie alles zu wissen und lenken den Fahrer ab und nerven ohne Ende. Und ich denke nicht, dass man in ein paar Stunden alles übers Autofahren weiss, seit der Fahrschule habe ich beispielsweise viel gelernt, obwohl ich aufs erste Mal alle Prüfungen bestanden hatte. Mann kann vielleicht einem anderen gegenüber dumme Kommentare abgeben und ihn damit nerven, aber sonst auch nichts.
Stimme zu. Ausserdem leben Jugendliche in einer Parallelwelt, haben andere Emotionen und Eindrücke als einige Jahre später. Ich würde eher das Einstiegsalter von 18 auf 19 Jahren erhöhen. Ständig liest man, dass die Gruppe der 18 bis 25 jährigen überdurchschnittlich viele schwere Unfälle produzieren. Warum zieht man da keine Konsequenzen? Es scheint wieder einmal die Lobby Arbeit zu sein, mehr Autokunden zu bekommen durch Erweiterung nach unten.
4. Höhö
FoxhoundBM 01.10.2010
Weil wir in Deutschland sind, und wenn Papa es auf der Autobahn vormacht, ist es sowieso überflüssig. Mein Vater (63) wurde dieses Jahr 8 mal geblitzt. Ich (21) wurde, seit ich die Fleppen habe, nie geblitzt. Klingelt's? [...]
Zitat von cuccoStimme zu. Ausserdem leben Jugendliche in einer Parallelwelt, haben andere Emotionen und Eindrücke als einige Jahre später. Ich würde eher das Einstiegsalter von 18 auf 19 Jahren erhöhen. Ständig liest man, dass die Gruppe der 18 bis 25 jährigen überdurchschnittlich viele schwere Unfälle produzieren. Warum zieht man da keine Konsequenzen? Es scheint wieder einmal die Lobby Arbeit zu sein, mehr Autokunden zu bekommen durch Erweiterung nach unten.
Weil wir in Deutschland sind, und wenn Papa es auf der Autobahn vormacht, ist es sowieso überflüssig. Mein Vater (63) wurde dieses Jahr 8 mal geblitzt. Ich (21) wurde, seit ich die Fleppen habe, nie geblitzt. Klingelt's? Ich würde das Anfängeralter auf 16 runtersetzten unter drei Bedingungen: - Fahrsicherheitstrainung zur Pflicht machen - mit 18 nochmal eine Nachprüfung - bis 21 nicht schneller als 130. Muss eh nicht sein.
5. Gute Sache!
trompetenfisch 01.10.2010
Vor vielen vielen Jahren, nämlich ab 1982, durfte ich als Zwölfjährige an einem ähnlichen Experiment teilnehmen. Über mehrere Jahre hat eine kleine Gruppe von Jugendlichen (ab 12 aufwärts) 2 bis 3 Stunden pro Woche [...]
Vor vielen vielen Jahren, nämlich ab 1982, durfte ich als Zwölfjährige an einem ähnlichen Experiment teilnehmen. Über mehrere Jahre hat eine kleine Gruppe von Jugendlichen (ab 12 aufwärts) 2 bis 3 Stunden pro Woche Fahrunterricht bekommen. Nur dass wir damals auch ganz normal und ausschließlich auf der Straße fuhren. Es ging damals darum, festzustellen, inwieweit Jugendliche aufnahmefähig für ein Fahrtraining sind und ob dieses frühe Training sich später bemerkbar macht (Erfolg an der Fahrprüfung, Zahl der Unfälle usw.) Abgesehen davon, dass es für mich eine tolle Erfahrung gewesen ist, wurde dann wenige Jahre später das "Begleitete Fahren ab 16" eingeführt (noch in den 80er Jahren) Das Ganze, natürlich nicht in Deutschland, sondern in Frankreich. Soweit ich weiß, hat sich dieses "begleitete Fahren ab 16" bewährt und viele machen davon gebraucht. Wenn ich jetzt im Forum lese, wie manche sich über die bescheidenen Versuche eines Autoherstellers, Sicherheitsbewußtsein in frühen Jahren zu wecken, aufregen, kann ich nur den Kopf schütteln. Wieviele Jahrzehnte wird es hier noch dauern, bis man soweit ist, wie in anderen westlichen Ländern? Ähnlich sieht es aus in anderen Bereichen: Berufstätigkeit von Frauen, Kinderbetreuung... um nur die zu benennen. Ich lebe lange schon hier und liebe Deutschland, aber manchmal wünschte ich mir mehr Mut zum Neuen.
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