29.10.2010
Mercedes F-800 Style
Luxuslimousine für übermorgen
Von Tom GrünwegJürgen Hirsch ist der Zeit voraus, weit voraus sogar. Der Mercedes-Entwickler ist der Herr über die Forschungsfahrzeuge des schwäbischen Autobauers und hantiert mit Technologien, die selbst in zehn Jahren noch nicht serienreif sein werden. Nur selten beschäftigt er sich beruflich mit der Gegenwart, aber jetzt ist so ein Moment, Hirsch ist unser Begleiter auf der Fahrt mit dem Konzeptauto F-800 Style, das im Frühjahr beim Autosalon in Genf enthüllt wurde.
Die 4,73 Meter lange Limousine soll beweisen, dass auch Luxusautos sparsam fahren können. Neben dem kraftvoll-eleganten Design und dem feudal-kompakten Innenleben ist es deshalb vor allem der Antrieb, der die Studie zu etwas Besonderem macht. Wie das Auto angetrieben wird, lässt sich variieren. Der vorhandene Bauraum reicht beispielsweise für einen Brennstoffzellenantrieb aus - oder für eine Hybridlösung, wie sie in dem Model steckt, mit dem SPIEGEL ONLINE unterwegs war.
Grundsätzlich gibt Hirsch das Steuer von Studien nur ungern aus der Hand. Das ist beim F-800 nicht anders. Wir steigen also erst mal in den Fond, und das funktioniert überaus kommod. Extra zu diesem Zweck haben die Ingenieure nämlich Schwenktüren entwickelt, die einerseits so groß sind wie Schiebetüren, andererseits aber ohne deren aufwendige Führung auskommen. Diese technische Lösung sei "im Stadium der frühen Vorentwicklung", sagt Hirsch, und das bedeutet übersetzt, dass eine solche Tür beispielsweise bei der nächsten Generation der R-Klasse, die vermutlich 2015 debütieren wird, an Bord sein könnte.
Im Fond ist es schon mal recht eindrucksvoll, dann aber räumt Hirsch doch noch den Platz im Cockpit und wir dürfen ran. Die ungewöhnliche Testfahrt beginnt zunächst ganz profan und wie in jedem anderen Hybridauto auch - still und unspektakulär. Denn die ersten Meter legt der F-800 im Flüstermodus zurück, das heißt: allein mit der Kraft des 109 PS starken Elektromotors. Die Fahrt wird flotter, bei herkömmlichen Hybridmodellen wäre längst der Verbrennungsmotor angesprungen und sein Gebrumm würde in den Innenraum dringen; doch das Forschungsauto fährt ganz leise weiter.
40, 60, 80 km/h zeigt der Tacho, und der Wagen beschleunigt beinahe schweigend immer weiter. "Bis zu 120 km/h fährt das Auto rein elektrisch", erklärt Hirsch, "und das mit vollen Akkus 30 Kilometer weit." Der Stromspeicher unter der Rückbank hat eine Kapazität von mehr als zehn Kilowattstunden und ist deshalb nicht, wie bei aktuell verfügbaren Hybridmodellen, spätestens nach wenigen Kilometern leer.
Der Durchschnittsverbrauch liegt bei 2,9 Liter je 100 Kilometer
Die große Akku-Kapazität drückt den Spritverbrauch. Weil die Studie auf den ersten 30 Kilometern ohne Benzin auskommt, sinkt der Verbrauch auf 100 Kilometer Fahrstrecke auf insgesamt 2,9 Liter. Für ein Luxusauto ist das ein spektakulärer Wert, denn die aktuell sparsamste Mercedes S-Klasse braucht 5,7 Liter, und selbst der Smart Fortwo mit Dieselmotor verfeuert 3,4 Liter auf 100 Kilometer.
Der Strom allerdings muss extern gezapft werden, denn allein durch die Rückgewinnung von Bremsenergie lässt sich der Akku nicht befüllen. Es gibt daher einen Anschluss für ein Ladekabel, was den F-800 Style zu einem sogenannten Plug-in-Hybrid macht. Nach gut vier Stunden am normalen Stromnetz sind die Speicher wieder voll - dann kann die Fahrt auf Sparflamme fortgesetzt werden.
Obwohl auf Effizienz getrimmt, kann der F-800 auch spurten. Wer das Pedal durchtritt, weckt den 300 PS starken V6-Benziner spontan aus dem Tiefschlaf und spürt danach einen sanften Kick in den Rücken. Denn jetzt presst der Vorwärtsdrang die Insassen in die dünnen Sitze. Das Auto beschleunigt in 4,8 Sekunden auf Tempo 100, und wenn das Testgelände weitläufiger wäre, könnte man auch überprüfen, ob der Wagen wirklich bis zu 250 km/h schnell wird, wie Hirsch versichert.
Große Reichweite durch den extern aufladbaren Akku
Nach einer Viertelstunde Fahrt zeigt der Bordcomputer des F-800 noch eine elektrische Reichweite von mehr als zehn Kilometern. Addiert man den fast noch vollen Benzintank hinzu, sind insgesamt mehr als 650 Kilometer Fahrstrecke ohne Nachtanken möglich.
In dieser Form wird der F-800 Style von Mercedes wohl nie in Serie gebaut. Andererseits ist der Wagen auch kein bloßer Showeffekt für die Genfer Automesse gewesen. Für bloße Spielereien der Designer oder Antriebsentwickler ist ein Wagen dieses Kalibers zu teuer. Hirsch darf natürlich keine Details verraten, wohl aber darf er die Neugierde wecken. "Sie werden überrascht sein, welche Dinge aus dem Forschungsfahrzeug Ihnen in den kommenden Serienmodellen begegnen werden."


