04.02.2011
100 Jahre "Spirit of Ecstasy"
Halbnackt im Wind
Von Tom GrünwegSie hat, wovon viele Damen träumen: ewige Schönheit. Wind, Wetter und vor allem das Alter können ihr nichts anhaben. Nur spärlich bekleidet und oft vom Fahrtwind umtost, bewahrt sie seit genau hundert Jahren unter der gleißenden Sonne Arabiens die gleiche Anmut wie im Regen von London. Die Rede ist von einer Grazie aus dem englischen Goodwood: Lediglich eine Handbreit hoch ist die Figur, sie wiegt 223 Gramm und trägt den vielversprechenden Namen "Spirit of Ecstasy". Am 6. Februar 1911 erschien sie erstmals auf dem Kühler eines Rolls-Royce.
Autofans kennen die zierliche Frau. Ihren richtigen Namen jedoch wissen nur wenige. "Emily", wie sie von bürgerlichen Ignoranten genannt wird, ist jedenfalls falsch. "Spirit of Speed" oder "Flying Lady" waren früher mal gebräuchliche Anreden. Und "Spirit of Ecstasy", also übersetzt etwa "Geist der Verzückung", ist zwar der offizielle Titel, aber eigentlich auch nur ein Pseudonym. Denn die wahre Identität der vom britischen Künstler Charles Sykes gefertigten Statue ist ein Geheimnis, um das sich viele Mythen ranken.
Der gängigste nennt Eleanor Thornton als Muse des Meisters. Miss Thornton war die Sekretärin von John Scott Montagu, der eng mit Firmengründer Charles Rolls befreundet war und seit 1903 das Automagazin "The Car Illustrated" herausgab. Er und und ein gewisser Claude Johnson (der Charles Rolls und Henry Royce 1904 zusammenbrachte) drängten die Autobauer zur Verwendung einer Kühlerfigur und brachten den Künstler Sykes ins Gespräch. Der wiederum hatte sich von Thornton schon zu mehreren Arbeiten inspirieren lassen, schwieg sich aber über das lebende Vorbild für sein berühmtestes Werk zeitlebens aus. "Eleanor war eine liebreizende Person. Wenn Sie glauben wollen, dass sie meine Inspiration war, dann tun Sie das eben. Es wäre doch eine schöne Geschichte", soll er auf Nachfragen stets geantwortet haben.
Die erste Marke mit einer einheitlichen Kühlerfigur
Wer immer Modell stand: Nach hundert Jahren ist ein Rolls-Royce ohne "Spirit of Ecstasy" genau so unvorstellbar wie London ohne den Tower. Dabei wurden die ersten Fahrzeuge der Marke ab 1904 noch ohne Kühlerfigur ausgeliefert. Die Kunden konnten in dieser Hinsicht selbst kreativ werden. Das war damals groß in Mode, nachdem sich 1899 Lord Montagu of Beaulieu einen Christophorus für die Haube seines Daimlers hatte anfertigen lassen - als Schutzpatron auf allen Fahrten - und so die Kühlerfigur erfand. Rolls-Royce war dann die erste Marke, die vom 6. Februar 1911 an alle Fahrzeuge einheitlich bestückte.
Aussehen und Größe der "Spirit of Ecstasy" veränderten sich jedoch. "Ursprünglich 12,7 Zentimeter groß, ist sie über die Jahre geschrumpft", sagt Kris Sukh aus dem aktuellen Design-Team in Goodwood. "Eine erste Anpassung erfolgte 1922 bei kleineren Fahrzeugen, um die Proportionen zu wahren. Weil die Figur das Sichtfeld etwas einschränkte, wurde sie mit dem Launch des Phantom II im Jahr 1929 weiter verkleinert." Zwischen 1932 und 1950 kniete sie. "Entgegen landläufigen Gerüchten war die 'Kneeling Spirit of Ecstasy' nicht den Royals vorbehalten, sondern diente ebenfalls der besseren Sicht", erklärt Sukh.
BMW verpasste der Figur erstmal ein Facelift
Auch die Sache mit der ewigen Schönheit stimmt nicht so ganz. Wie viele Damen der besseren Gesellschaft hat auch die "Spirit of Ecstasy" ein Facelift hinter sich. Als BMW die Marke übernommen hatte und sie mit dem komplett neuen Phantom wiederbelebte, wurde auch die Kühlerfigur aufgefrischt. Designer Sukh: "Über die Jahrzehnte hinweg sind immer wieder neue Formen angefertigt worden. Dadurch gingen unter anderem die feinen Gesichtszüge und Details des wehenden Stoffes verloren. Wir haben deshalb die Zeichnung von Charles Sykes digitalisiert und im Produktionssystem hinterlegt, so dass die Figur heute wieder dem Original entspricht."
Produziert wird die Figur in Handarbeit und als Gussteil, im so genannten Lost-Wax-Verfahren. Sechs Arbeitsschritte sind dazu nötig. In einem kleinen Betrieb bei Southhampton sind acht Kunsthandwerker mit jeder Kühlerfigur etwa 14 Tage beschäftigt, erläutert Fertigungsspezialist Steven Pegg.
Während Rolls-Royce bei der Form keine Kompromisse mehr macht, ist das Material variabel: Standard ist Edelstahl. Auf Wunsch wird die Figur auch versilbert oder vergoldet. Reines Gold würde zwar zur Marke passen, ist aber zu weich. Und Bleikristall, Porzellan oder andere Werkstoffe sind zu fragil und wegen der Splittergefahr auch zu gefährlich.
Die "Spirit of Ecstasy" ist nicht nur eine der bekanntesten, sondern auch der begehrtesten Kühlerfiguren und wird häufig gestohlen. Rolls-Royce hat darauf mit zwei Maßnahmen reagiert: Seit den achtziger Jahren lässt sich die "Spirit of Ecstasy" auf Knopfdruck versenken. Und wer partout eine solche Figur besitzen möchte, aber deswegen kein Auto kaufen will, kann sie sich in Goodwood für umgerechnet rund 1600 Euro auf einem kleinen Sockel bestellen - und in Ruhe weiter rätseln über die wahre Identität des ehemaligen Modells.


