01.06.2011
Velo-Härtetest
Folterkammer fürs Rad
Von Holger Dambeck, SchweinfurtErnst Brust redet nicht drumherum: "Ich bin der Kaputtmacher", sagt der Geschäftsführer der Schweinfurter Firma Velotech. In einem Gebäude nahe dem Hauptbahnhof traktieren er und seine zehn Mitarbeiter Fahrräder, bis es kracht. Federgabeln, Sattelstützen, Rahmen, mit Dutzenden Kilogramm bepackte Reiseräder - für jeden Fall haben die Fahrradgutachter eine Extra-Foltermaschine.
Brust steht vor einem Mountainbike-Rahmen aus Karbon - das extrem leichte Material wird im oberen Preissegment immer mehr zum Standard. Rahmen inklusive Gabel sind von Metallzangen umfasst wie in einem Schraubstock. Was harmlos aussieht, ist ein Crashtest, den der mindestens 1500 Euro teure Rahmen nicht unbeschadet überstehen wird.
Der Zweiradgutachter lässt eine große Masse heruntersausen. Sie ist an einer Metallstange befestigt, folgt einer halbkreisförmigen Bahn und knallt unten mit voller Wucht gegen ein Stück Metall. "Das war eine Energie von 150 Joule", sagt Brust, dies entspreche einer Fahrt gegen die Wand mit etwa zehn km/h. Die Gabel ist heil, der teure Karbonrahmen jedoch am Unterrohr gebrochen, für Brust durchaus ein gutes Zeichen. "Wenn die Gabel eher bricht als der Rahmen, kann das für den Radler sehr gefährlich werden." Schwere Stürze seien dann kaum auszuschließen.
Velotech ist ein neutrales Testlabor für Drahtesel aller Art. Die Auftraggeber sind Radhersteller, Fachzeitschriften, Händler, Versicherungen und Gerichte. Nach einem schwerwiegenden Unfall, der auf einem Material- oder Konstruktionsfehler zurückgehen könnte, ist die Expertise von Gutachtern wie Brust gefragt, von denen es bundesweit nur wenige mit einem vergleichbar ausgestatteten Testlabor gibt. Ob Velotech die besten Tests macht, darüber gehen die Meinungen in der Fahrradbranche durchaus auseinander. Doch der Beruf eines Gutachters ist ohnehin nicht dazu geeignet, um Beliebtheitspreise zu gewinnen. Und Brust ist ein guter Verkäufer seiner Arbeit.
Gutachten für Gerichte sieht er als besondere Herausforderung. "Alle lügen", sagt er. "Die Hersteller lügen uns an, die Anwälte lügen uns an. Wir müssen dann bei der Prüfung die Wahrheit herausfinden." Der Schweinfurter berichtet von einem folgenreichen Unfall mit einem Elektrofahrrad. Ein 57-Jähriger war bei Tempo 35 gestürzt, weil das Rad nach seiner Aussage plötzlich extrem zu flattern begann. Der Hersteller bestritt jedoch, dass bei seinem Modell ein Fahrwerksproblem solcher Art möglich ist. "Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass letztlich die Steifigkeit das Problem war." Der Hersteller musste zahlen, weil der verunglückte Radler seinen Beruf nicht mehr ausüben konnte.
Input kommt aus Testfahrten
Die Prüfstände im Labor hat Velotech selbst entwickelt. Etwa 200 Räder durchlaufen die Schweinfurter Velo-Folterkammer pro Jahr, hinzu kommen 50 bis 70 Gerichtsgutachten. Heil bleibt dabei kaum ein Rad. "Wir gehen gern bis zum Bruch", sagt Brust. "Wir wollen ermitteln, wie viel die Bauteile aushalten." Wenn ein Rahmen erst nach zwei oder drei simulierten Fahrradleben breche, dann sei der Hersteller mit seinem Produkt auf der sicheren Seite.
Die Testprogramme für Lenker, Rahmen oder Bremsen stammen aus der Praxis. Die Velotech-Mitarbeiter haben dazu mit Dehnmessstreifen und Beschleunigungssensoren bestückte Testräder durch Stadt oder Gelände gejagt. Die bei diesen Testfahrten gewonnenen Daten dienen als Vorgaben für die Prüfmaschinen.
"Entscheidend sind die Spitzenbelastungen, also die starken Stöße oder Schwingungen", erklärt Brust. Diese Spitzenbelastungen werden dann im Labor simuliert - und zwar in kurzer, schneller Abfolge. Kleinere Stöße sind nach Aussage des Gutachters nicht so wichtig, sie werden beispielsweise beim Test eines Lenkers einfach weggelassen. So ist es möglich, den Lebenszyklus eines Mountainbikes auf 36 oder 48 Stunden zu komprimieren. Der fest eingespannte Lenker wird an den beiden Enden schnell nach oben und nach unten verbogen - genau wie bei einer rasanten Fahrt durch schweres Gelände.
Wie lang aber ist ein Fahrradleben? Die Gutachter gehen von etwa acht bis zehn Jahren aus. Der Standardtest für Mountainbikes simuliert beispielsweise eine Laufleistung von 10.000 bis 12.000 Kilometern. Die durchschnittliche Kilometerleistung eines deutschen Radfahrers liegt nach Velotech-Angaben bei 300 Kilometern pro Jahr.
Viele neue Aufträge hat dem Fahrradgutachter der Boom der Elektrofahrräder beschert. Die Räder sind wegen des Akkus und des E-Motors schwerer, fahren wegen des Extra-Schubs schneller, und auch beim Bremsen wirken stärkere Kräfte. Und so geraten beispielsweise Rahmen schnell an ihre Grenzen, wenn sie nicht sorgfältig konstruiert worden sind.
Probleme mit Elektrofahrrädern
"Dieser Rahmen stammt von einem E-Bike, das der Hersteller zurückrufen musste", sagt Brust und zeigt einen Einrohr-Alurahmen, der ein Stück hinter dem Steuerrohr, in dem die Gabel steckt, sauber durchgebrochen ist. "Das Rad hatte einen Motor im Vorderrad, der Rahmen hat die dabei auftretenden Kräfte nicht ausgehalten." Letztlich sei eine problematische Schweißnaht das Problem gewesen, das habe der Härtetest im Labor gezeigt.
Wenn ein Hersteller ein Rad wegen technischer Probleme zurückruft, dann versucht Velotech sofort, sich das Modell aus dem Handel zu besorgen. Die Räder werden dann im Labor getestet, um zu schauen, ob das Problem reproduzierbar ist. "Das ist wichtig für uns, weil wir dann unsere eigenen Prüfverfahren überprüfen können."
Brust prüft Räder für diverse Hersteller, die großen Wert auf Qualität legen, aber er weiß auch, mit welchen Tricks mitunter in der Branche gearbeitet wird. "Es wird viel geschummelt", sagt er, besonders bei Testrädern für Fachzeitschriften. Die Räder würden in der Regel vom Hersteller zu Verfügung gestellt, und der rufe dann schon mal bei seinem Lieferanten in Taiwan an, um einen besonders sorgfältig gebauten Rahmen zu ordern. "Wir haben schon Stahlrohrstücke in einem Alurahmen entdeckt." Das Modell hatte offensichtlich Probleme mit der Stabilität am Tretlager, dann habe der Hersteller mit Stahl nachgebessert.
Eine besondere Herausforderung sind Karbonrahmen. Die Qualität kann sehr schwanken, weil die Herstellung Handarbeit ist. Und von außen sieht man einem Karbonrahmen nicht an, ob er etwa bei einem Sturz beschädigt wurde oder nicht. Gewissheit können letztlich nur Aufnahmen mit einer Wärmekamera und eine Computertomografie verschaffen. Der Rahmen oder sogar das gesamte Rad werden dann Stück für Stück mit Röntgenstrahlen untersucht.
Eine Computertomografie ist teuer und lohnt sich auch nur bei wertvollen Rahmen, sagt Brust. Aber immerhin geht das wertvolle Stück dabei nicht kaputt, wie bei den üblichen Untersuchungen im Testlabor.