22.06.2011
Faltrad Birdy
Viel Spaß beim Klappen
Von Holger DambeckIch glaube, ich bin langsam reif für ein Faltrad. Diese Erkenntnis schwante mir, als ich knapp zwei Tage in Schweinfurt verweilte. Die fränkische Stadt ist zu klein, als dass sich ein eigenes Fahrradverleihsystem lohnen würde, doch für den Fußgänger sind die Wege oft zu lang. Ich fuhr deshalb mal Bahn, mal Taxi und abends nahm mich ein netter Kollege in seinem Wagen mit ins Hotel.
Es gibt Schlimmeres - aber wenn man im Alltag die meisten Wege auf dem Velo zurücklegt, fühlt man sich ohne Rad seiner persönlichen Freiheit beraubt. Mein eigenes Bike hatte ich leider nicht dabei - ich war mit dem ICE angereist, wo es bekanntlich keine Abteile dafür gibt. Mit einem Faltrad hätte ich keine Probleme gehabt. Man darf es sogar gratis mit dem ICE mitnehmen, es zählt als normales Gepäckstück. Am Ziel klappt man es auseinander und erkundet den Ort.
Ein paar Tage später, ich bin längst zurück aus Schweinfurt, sitze ich endlich auf einem solchen Faltrad. Ein feuerwehrrotes Birdy von der Darmstädter Firma Riese und Müller.
Mein erster Eindruck: Das Rad sieht irgendwie komisch aus, wie eigentlich alle Falträder. Die kleinen 18-Zoll-Räder, dazu die lange Sattelstütze und der ungewöhnliche Rahmen, der quasi nur aus einem Profil besteht. Der Geradeauslauf ist nicht der beste, was will man von so kleinen Rädern auch erwarten? Aber abgesehen davon, fährt sich das Birdy beinahe wie ein normales Rad. Die Achtgang-Kettenschaltung ist gut abgestuft. Steile Berge sind kein Problem - und auf den ansonsten meist flachen Straßen Berlins ist man auch mit dem Birdy richtig flott unterwegs.
Voll gefedert aus Prinzip
Die Drehgriff-Schaltung am Lenker arbeitet schnell und präzise - beim Anfahren an der Kreuzung bin ich auch ohne mein Trekkingrad meist der erste. Das hatte ich nicht erwartet.
Die nächste Überraschung kommt auf dem Kopfsteinpflaster. Ich halte ja eigentlich wenig von Federgabeln oder vollgedämpften Rädern. Ein solider Stahlrahmen und etwas breitere Reifen sind meist die bessere und solidere Lösung für die Stadt. Federgabeln gehen gern mal kaputt, vor allem die billigen. Ein guter Stahlrahmen hat dagegen ein langes Leben.
Das Birdy ist voll gefedert - das ist Teil der Firmenphilosophie von Riese und Müller. Bei dem kleinen Rad mit dem steifen Alurahmen und den 18-Zoll-Reifen, die kaum etwas vom Kopfsteinpflaster wegschlucken können, ist das auch sinnvoll. Dank der Dämpfung rollt man fast ohne Probleme über die Holperstraßen.
Dann stehe ich vor meiner Haustür und überlege. Wie faltet man das Birdy noch mal zusammen? Kette auf das kleinste Ritzel, daran erinnere ich mich noch. Rechtes Pedal hoch? Oder runter? Ich weiß es nicht mehr und probiere es einfach aus. Sicherungsclip am Hinterrad lösen, Rad anheben und das Hinterrad fällt an einem Scharnier nach unten. Der Anfang sieht schon mal gut aus.
Beim Vorderrad bin ich unsicher. Erst Lenker eindrehen, dann Clip lösen und zuletzt das Rad einklappen? Oder erst einklappen und dann eindrehen? Nach mehreren Versuchen wird mit klar: Ich hätte mir das besser aufschreiben sollen. Irgendwas mache ich beim Klappen falsch. Mal sieht das zusammengelegte Birdy so aus, wie auf den Fotos, die ich kenne, mal klemmt der Lenker.
Klick, Klapp, Klapp
Egal - jetzt packe ich das Rad mit einer Hand am Rahmen und hoch geht's. Vier Treppen sind kein Pappenstiel - aber das Birdy trägt sich erstaunlich gut. Elf Kilogramm wiegt das Testrad, ein paar Treppen sind überhaupt kein Problem. Keine Frage, das Birdy ist wohnungstauglich.
Den allermeisten Spaß macht das Auseinanderklappen. Zuerst die eingefahrene Sattelstütze herausziehen - und dann reicht ein kräftiger Ruck, damit das Hinterrad herumschnellt und einrastet. Beim Vorderrad muss ich mit der Hand nachhelfen, Faltprofis geben ihm mit der Fußspitze elegant einen leichten Tritt. Nach etwa 15 Sekunden ist das Rad fahrbereit. Damit ist klar, was ich zuerst mache, sobald ich aus U-Bahn, Bus oder ICE ausgestiegen bin: das Birdy auseinanderfalten.
Die einzige wirkliche Schwäche des Faltrads aus Darmstadt ist das vergleichsweise große Packmaß. Weil nur die Räder weggeklappt werden, nicht aber der Rahmen, ist das gefaltete Birdy relativ lang und auch vergleichsweise breit. Wer es gern kompakter mag, sollte sich den englischen Klassiker Brompton oder ein Modell von Dahon anschauen. Dank Knick im Rahmen haben die Bikes zusammengefaltet beinahe das Maß vom Handgepäck im Flugzeug. Eine Vollfederung wie das Birdy bieten jedoch weder Brompton noch Dahon.
Das einzige, was mich noch zögern lässt, ist der Preis: 1560 Euro kostet ein Birdy in der Ausstattung des roten Testrads. Mir ist es aber ein bisschen zu viel Geld für ein Drittrad, das die meiste Zeit ungenutzt herumstehen dürfte. Aber für Bahn-Pendler ist ein solch komfortables Faltbike sicher eine interessante Ergänzung.

