13.10.2011
Veredler aus Mailand
Was den Fiat 500 noch exklusiver macht
Von Tom GrünwegEs war ein bizarres Bild: Als die libyschen Rebellen vor wenigen Wochen den Palast des Ex-Diktators Muammar al-Gaddafi in Tripolis stürmten, fielen ihnen nicht die üblichen Luxuskarossen in die Hände. Statt eines Wagens von Maybach, Rolls-Royce, Porsche oder Ferrari schoben sie einen Fiat 500 aus Gaddafis Garage. Es war allerdings ein besonderes Modell. Was die Rebellen fanden, war ein komplett umgebautes grün-goldenes Cabrio, luftiger als ein Mini Moke oder ein Citroën Mehari. Das auf Elektroantrieb umgerüstete Auto, das an der Küste Riminis sicher eine bessere Figur machen würde als in der libyschen Wüste, hatte Gaddafi als Souvenir von einer Italienreise mitgebracht. So erhielt eine Mailänder Automanufaktur zweifelhafte PR: die Carozzeria Castagna.
Das mehr als 160 Jahre alte Karosseriebauunternehmen gilt als Armani der Autobranche. Es schneidert Blechkleider, die den Fahrzeugherstellern zu gewagt erscheinen. Während Konzerne erst nach dem Geschäftsmodell fragen und das Marktpotential abschätzen, arbeitet Castagna einfach drauf los. Oder wartet darauf, das reiche Kunden ihre schrillen Ideen verwirklichen wollen.
Jeder Fiat 500 ist anders
Die aktuelle Flotte, die Castagna nach Modemanier als Kollektion bezeichnet, widmet sich in erster Linie dem Fiat 500. Das ist durchaus mutig, denn schon ab Werk gibt es den Knirps in unübersehbar vielen Varianten. Die mehrere hundert Positionen umfassende Liste von Optionen ermöglicht laut Fiat mehr als 500.000 Varianten. Es heißt, bislang gebe es noch keine zwei identisch ausgestatteten 500er. Was es aber offenbar gibt, sind Kunden, die sich noch mehr Exklusivität für ihren Flitzer wünschen.
Wen sie es leisten können, landen diese Kunden vielleicht in der Via Beroldo in Mailand. "Bei uns finden alle Gehör", sagt Castagna-Designer Gioacchino Acampora. "Kein Wunsch oder Bedürfnis unserer Kunden ist unerfüllbar." Im Showroom der Firma und auf der Castagna-Website sieht man Umbauten, gegen die selbst Gaddafis Cabrio unspektakulär wirkt: Dort gibt es den Fiat 500 als Strechlimousine mit und ohne Seitenwand, als sommerlichen Pickup mit zwei oder vier Sitzen sowie als Open-Air-Modell im Stil des klassischen Jolly-Umbaus, mit dem der Fiat 500 in den fünfziger Jahren schon einmal zum Strandläufer wurde.
Sogar Duschen werden eingebaut
Castagna folgt aber nicht nur den Trends, sondern investiert auch in die Technik. So wird neben einem Elektroantrieb für den Fiat 500 zum Beispiel eine Allrad-Umrüstung angeboten. Und wer mit dem Kleinwagen häufiger an den Strand fahren möchte, bestellt am besten das sogenannte "Passion Kit After Sun". Dann erhält das Auto eine Box voller Handtücher und gekühlter Getränke. Im Kofferraum befindet sich dazu passend eine kleine Dusche, mit der man sich Salz und Sand abwaschen kann.
Während solche kleineren Sondereinbauten in ein bis zwei Wochen erledigt sind, lässt sich Castagna für größere Umbauten mehr Zeit. "Wenn wir ein echtes Einzelstück bauen, dauert das manchmal mehr als 4000 Arbeitsstunden", sagt Acampora. Kein Wunder also, dass zum Beispiel die Stretchlimousine mit vier Freisitzen im Fond mehr als 150.000 Euro kostet - das Basisfahrzeug immerhin mit eingeschlossen. Obwohl die Preise also weit jenseits dessen liegen, was man bei Fiat für einen 500er bezahlt, gibt es reichlich Aufträge. "Derzeit kommen wir auf eine Jahresproduktion von 30 Fahrzeugen."
Fiat plant keine Kombi-Variante
Abgesehen von den Show-Umbauten hat Castagna jetzt auch die praktische Seite des kleinen Fiat entdeckt. Seit einigen Wochen wird der 500er auch als Wagon und als Woddy verkauft. Inspirieren ließen sich die Designer vom Ur-500er, den Fiat zwischen 1960 und 1977 unter dem Namens "Giardiniera" anbot. Das Modell war so erfolgreich, dass immer wieder mit einer Neuauflage der "Gärtnerin" gerechnet wurde.
Offiziell planen die Turiner Autobauer jedoch nichts dergleichen. "Nein, eine neue Giardiniera wird es vom Fiat 500 nicht geben", sagt Fiat-Sprecher Claus Witzeck. Die vermeintlichen Pläne seien lediglich Spekulationen, die offenbar vom Mini Clubman genährt wurden. Aber weil sich schon der mäßig verkaufe, werde Fiat sicher nicht nachziehen.
Castagna-Designer Acampora dürfte diese Zögerlichkeit freuen. Denn obwohl sein Arbeitgeber für den Kombi-Umbau des Fiat 500 bis zu 75.000 Euro plus Steuern berechnet, sind die ersten sechs dieser Autos schon verkauft. Ein Bedarf scheint also zu bestehen.

