08.11.2011
Abarth 695 Tributo Ferrari
Ein Fiat 500 als Porsche-Schreck
Von Tom GrünwegHuch, da hat sich die Dame im Porsche Boxster aber erschreckt. Wie aus dem Nichts brannte plötzlich ein kleiner roter Punkt in ihrem Rückspiegel, der zunächst aussah wie ein armseliger Kleinwagen. Doch dann setzte der Knirps zum Überholen an und zog an dem Sportwagen vorbei. Überraschung! Ein Fiat 500 als kleine Rennmaschine, die längst mit mehr als 200 Sachen über alle Berge war.
Natürlich war der Wagen kein normaler Fiat 500. Man erkennt das leicht am Emblem des Werkstuners Abarth auf dem Kühlergrill. Außerdem findet sich auf dem Heckdeckel noch der Schriftzug von Ferrari. Bei solchen Vollgas-Patenschaften darf sich keiner wundern, wenn selbst ein Kleinwagen zur Granate wird - und sogar Porsche-Piloten schreckt.
Abarth 695 Tributo Ferrari ist der offizielle Name des exklusiven Wägelchens, das Fiat bereits vor zwei Jahren auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt als Kleinserie vorstellte. 1696 Autos dieses Typs zum Preis von 42.007 Euro sollten unters Schnellfahrervolk gebracht werden; doch so rasant die Pkw-Knirpse sind, so lahm wurden sie gebaut. Erst vor kurzem haben die Italiener damit begonnen, die Bestellungen abzuarbeiten.
Dem Namen nach erinnert das Auto an den Rennwagen Abarth 695 Super Sport, mit dem der Wiener Tuner, Rennstallbesitzer und Fiat-Veredler Carlo Abarth in den sechziger Jahren in seiner Hubraumklasse praktisch unschlagbar war. Anders als der lediglich mit Luxuszutaten wie Lack und Leder zum Aston Martin Cygnet aufgemöbelte Toyota iQ oder der von Rolls-Royce beeinflusste Mini inspired by Goodwood ist der Abarth 695 nicht nur ein hübsches Wägelchen mit koketter Optik. Denn bei Abarth durften die Ingenieure in die Vollen gehen, um dem Fiat 500 Muskeln anzutrainieren. Und erst danach kam der Name der sportlichsten Konzernmarke Ferrari dazu sowie deren traditionelle Lackfarbe "Rosso Corsa". Man kann das Auto übrigens auch in den Farbtönen "Giallo Modena", "Abu Dhabi Blu" oder "Titanio Grau" bestellen.
Ein Turbomotor mit 180 PS sorgt für den Unterschied
Herzstück des Modells ist jedoch der Motor. Während bei Fiat der stärkste 500er mit 100 PS Leistung antritt und die sportliche Abarth-Ausgabe 135 PS zu bieten hat, lässt der Abarth 695 Tributo Ferrari mittels eines 1,4 Liter kleinen Turbo-Motors gleich 180 Pferde springen. Wenn die mit bis zu 230 Nm Drehmoment losgaloppieren, sind Tempo 100 in weniger als sieben Sekunden möglich. Und wenn man dann auf dem Gas bleibt und irgendwann mit 225 km/h wie eine Kanonenkugel über die linke Spur brennt, gibt es nichts Schöneres als die erstaunten Blicke der anderen Verkehrsteilnehmer. Andere Kleinwagen wecken durch das typische Kindchenschema-Styling den Mutterinstinkt und wirken oft richtig niedlich. Der Abarth jedoch sieht trotz der knuddeligen Grundform nicht mehr nur nach Spielen aus. Der will als Sportwagen ernst genommen werden.
Trotzdem muss man ganz klar sagen: 180 PS für ein Fahrzeug dieses Formats sind viel zu viel der Leistung. Wie der Zwerg die Kraft auf die Straße bringt, ist allerdings beeindruckend. Das neu abgestimmte Sportfahrwerk ist zwar hart und lässt kaum Komfort übrig, garantiert aber eine solide Verbindung zwischen Auto und Asphalt. Und dank des neuen Sportauspuffs brüllt der Kleine jenseits von 3000 Touren wie einen Großer. Nur das automatisierte Getriebe nervt. Schon mit den Wippen am Lenkrad reagiert es eher behäbig, im Automatikmodus jedoch zwingt es dem Fahrer quälend lange Schaltpausen auf.
Überhaupt patzt der Wagen in der B-Note. Denn die eigens vom Rennausstatter Sabelt entworfenen Karbonsitze sehen zwar professionell aus und sind zehn Kilo leichter als das Seriengestühl, doch sie sind irgendwie zu groß geraten, man sitzt auf ihnen zu hoch, sie sind für die Fondpassagiere eine Zumutung und lassen sich obendrein schlecht verstellen. Und auch der schmucke Karbonzierrat oder das mit Wildleder bezogene Sportlenkrad verlieren ihren Reiz, wenn die Türen mit billigem Großserienplastik verkleidet sind und die Fußmatten an den Bleischutz aus der Röntgenkammer erinnern.
Fast alle Vollgas-Knirpse sind vergriffen - da folgt schon ein weiteres Modell
Dennoch sind die meisten Autos der Kleinserie bereits vergriffen, einige Modelle gingen sogar nach Australien. In Deutschland fanden sich 150 Käufer für den Abarth 695 Tributo Ferrari. Nur sehr wenige Autos seien überhaupt noch zu haben, sagt Fiat-Sprecher Claus Witzeck. Wer eines davon ergattert, befindet sich in vornehmer Gesellschaft. Denn die ersten italienischen Knallbüchsen gingen an die beiden Formel-1-Piloten von Ferrari, Fernando Alonso und Felipe Massa, die ihr Auto natürlich jeweils im klassischen Ferrari-Rot fahren.
Der Run auf den Rennzwerg machte den Verantwortlichen offenbar Mut für mehr. Deshalb wurde auf der diesjährigen IAA in Frankfurt erneut ein Wagen nach der bewährten Rezeptur vorgestellt. Er heißt Abarth 695 Competizione, übernimmt Motor und Fahrwerk vom Tributo-Ferrari-Modell und ist noch konsequenter in Richtung Spaß und Sport ausgelegt. Auf die Rückbank zum Beispiel wurde bei diesem Auto komplett verzichtet. Wann es genau in den Handel kommt und was es kosten wird, das weiß Fiat-Sprecher Witzeck noch nicht. Aber nach den bisherigen Erfahrungen ist soviel schon sicher: Beeilen sollten sich Interessenten mit der Bestellung auf jeden Fall.


