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Auto

Führerschein-Prüfung

Angst und Schrecken hinterm Lenkrad

Volle Straßen, fiepende Bremssysteme, riesige Autos: Wer eine Fahrschule besucht, braucht starke Nerven. Der Führerscheinerwerb wird zur Tortur, die zudem immer teurer wird - auch weil die Fahrschüler selbst fahriger werden.

ADAC
Von Jürgen Pander
Samstag, 12.11.2011   16:54 Uhr

Für Helmut Musick war früher alles besser: "Heute ist es viel schwieriger einen Führerschein zu machen als früher", sagt der 57-jährige Inhaber einer Fahrschule nahe der Universität Hamburg. Musick lehrt seit 34 Jahren den richtigen Umgang mit Gas, Bremse, Kupplung und Lenkrad. Er kann also gut einschätzen, was sich verändert hat bei der Fahrschulausbildung und bei den Fahrschülern. "Die Schüler sind bei der Prüfung viel nervöser als früher. Mir scheint auch, sie sind nicht mehr so belastbar. Vielleicht haben sie einfach zu viel um die Ohren - Ausbildung, Studium, Nebenjob, Beziehung."

So was schlägt sich natürlich in der Zahl der benötigten Fahrstunden nieder - und damit im Preis. Musick: "Der Beste der vergangenen Jahre schaffte die Prüfung nach 23 Fahrstunden, der Schlechteste benötigte 160." Je nach dem, wo man zur Fahrschule geht und auf welchen Autos dort gelehrt wird, kostet ein Pkw-Führerschein (Klasse B) im Schnitt zwischen 1600 und 2000 Euro.

Die Tendenz zeigt jedoch eindeutig nach oben: "Schüler brauchen heute mehr Stunden, um den Führerschein erfolgreich zu bestehen", sagt Gerhard von Bressendorf, Vorsitzender der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände e.V.. Das liege jedoch nicht allein am Unvermögen der Schüler. "Aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens wird pro Fahrstunde weniger gefahren als früher." Zudem sei der Straßenverkehr generell unübersichtlicher geworden und daher für Neueinsteiger ein höchst vertracktes Umfeld.

Auch unübersichtliche Autos stellen ein immer größeres Problem dar. Doch aus Sicht der Fahrlehrer ist es kleiner als man annehmen könnte. "Auch die Fahrschulwagen verfügen heutzutage über Parksensoren, die das Manöver erleichtern", erklärt von Bressendorf.

Nicht selten trifft auch die Fahrschulen eine Mitschuld, wenn Prüflinge durchfallen. "Viele Fahrlehrer lassen ihre Schüler aufgrund des Wettbewerbsdrucks früher zur Prüfung zu, als es sinnvoll wäre", sagt von Bressendorf. Ein Phänomen, das besonders in den neuen Bundesländern und in Hamburg zu beobachten sei.

Auswendig lernen funktioniert nicht mehr

Grundsätzlich gilt, dass Fahrschüler mindestens 14 Doppelstunden Theorie und 12 praktische Fahrstunden (5 Stunden Überlandfahrt, 4 Stunden Autobahnfahrt, 3 Stunden Nachtfahrt) absolvieren müssen. Das theoretische Wissen wird dann per Computer geprüft. Das macht den Test weniger vorhersehbar, denn die Bilder zu vielen Fragen werden immer wieder ausgetauscht. Das Auswendiglernen anhand der Original-Fragebögen, wie es früher üblich war, entfällt damit. "Man erkennt die richtige Antwort nicht mehr schon am Bild, das hat den Schwierigkeitsgrad erhöht", sagt von Bressendorf.

In der Statistik des Kraftfahrt-Bundesamts, in der sämtliche Führerscheinklassen zusammengefasst werden, lässt sich ablesen, dass die Durchfallquote bei der theoretischen Prüfung seit zehn Jahren ziemlich konstant bei etwa 30 Prozent liegt, die Quote der nicht bestandenen praktischen Prüfungen pendelte im gleichen Zeitraum stets um 25 Prozent.

Fragt man Fahrlehrer wie Klaus Rösler, 53, ortet er das Problem dennoch im praktischen Bereich. "Die Fahrschüler können die Theorie oft nur schwer oder gar nicht in die Praxis umsetzen." Rösler meint, die Verknüpfung werde schon in Elternhaus und Schule nicht mehr richtig vermittelt. "Für eine Mathearbeit in der Schule wird einen Tag vorher alles im Kurzzeitgedächtnis abgespeichert und danach sofort wieder gelöscht." Wolle man jedoch Autofahren erlernen, funktioniere diese Methode nicht.

Vor lauter Gepiepe das Bremsen nicht vergessen

So müssen Fahrschulen ihrer Klientel längst nicht mehr nur die grundlegende Bedienung eines Autos sowie die Verkehrsregeln nahebringen und sie zu umsichtigen und rücksichtsvollen Automobilisten erziehen. Auch die Grundlagen des umweltschonenden und damit spritsparenden Fahrens und die gängigen Fahrassistenzsystemen, gehören zum Unterrichtsrepertoire. Gerade letztere habe durchaus ihre Tücken für Fahranfänger, sagt Fahrlehrer-Funktionär von Bressendorf. "Man darf vor lauter Konzentration auf das akustische Signal das Bremsen nicht vergessen".

Einig sind sich die Ausbilder offenbar darin, dass der Führerschein mit 17 und das darauffolgende, obligatorische eine Jahr begleitetes Fahren, überaus sinnvoll sind. "Teilnehmer des begleiteten Fahrens ab 17 sind nach ersten Erkenntnissen weniger häufig in Unfälle verwickelt und verstoßen weniger oft gegen die Regeln als diejenigen, die mit 18 die Fahrerlaubnis erwerben und dann auch gleich alleine fahren", sagt Sabine Darjus, Vorsitzende des Fahrlehrerverbands Hamburg. Warum das so ist? "Die Motivation der BF17-Anwärter ist sehr hoch, was dazu führt, dass konsequenter gelernt und nachgefragt wird."

Mitarbeit: Christian Frahm

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