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21.02.2012
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Irres Bastelprojekt

Kleine Autos, ganz groß

Von
Foto: Joe Murray

Wenn man so überhaupt nicht weiß, was man mit seiner Zeit anfangen soll, sucht man sich ein durchgeknalltes Bastelprojekt. So wie Joe Murray, der mit ferngesteuerten Baustellenfahrzeugen das Untergeschoss seines Hauses umgräbt. Der Kanadier schwört dabei auf Technik aus Deutschland.

Wenn Leute ihr Spielzeug in den Keller stellen, nimmt es dort normalerweise Platz weg. Bei Joe Murray ist es umgekehrt. Je mehr Spielzeug er sammelt, desto größer wird der Platz in seinem Keller. Murrays Spielzeug sind ferngesteuerte Baufahrzeuge. Mit ihnen gräbt er seinen Keller aus, und das seit mehr als sieben Jahren. Auf YouTube sind die Arbeiten dokumentiert. Dort hat Murray rund 150 Videos von Kanadas verrücktester Baustelle hochgeladen.

Auf den Filmchen ist zu sehen, wie kleine Bagger Erdklumpen in der Größe von Golfbällen auf Miniatur-Laster schütten. Die Laster kämpfen sich über Holzrampen aus dem Keller nach oben, durch eine Art Katzenklappe kommen sie ins Freie. Dort kippen sie ihre Fracht auf einen Haufen. Im Größenvergleich mit den Fahrzeugen wirkt der der Haufen wie das Matterhorn.

Man wartet ständig darauf, dass ein Playmobilmännchen aus den Mini-Lastwagen steigt, sich den Bauhelm vom Kopf reißt und mit der Hand den Schweiß von der Plastikstirn wischt. Aber die Fahrzeuge werden alle von einem Menschen ferngesteuert. Von Joe Murray, der für sein Hobby ein fiktives Unternehmen gegründet hat: "Lil' Giants Construction Co.", die "Baufirma der kleinen Giganten".

"Project Basement" in der Prärieprovinz

2001 stellt Murray fest, dass ihm das Zusammenschrauben von kleinen elektrischen Fahrzeugen Spaß macht. Die Winter sind lang in seiner Heimat Saskatchewan, einer sogenannten Prärieprovinz im mittleren Kanada. Manchmal wird es bis zu minus 30 Grad kalt. Für den Viehzüchter und Getreidebauern gibt es dann nicht viel zu tun. Mit der Bastelarbeit bekämpft Murray die Langeweile. Aber im Schrank sollen die fertigen Modelle nicht verstauben. Die "Lil' Giants Construction Co." braucht einen Auftrag. 2005 startet Murray also, was er "Project Basement" nennt - das "Keller-Projekt".

Fotostrecke

Ferngesteuerte Fahrzeuge: Großbaustelle im Hobbykeller

Seitdem hat er mit seinem Spielzeug nach eigenen Angaben pro Jahr zwei bis drei Kubikmeter Erde aus dem Untergeschoss ans Tageslicht befördert. Mit Spitzhacke und Steinmeißel lockerte er zuerst den Boden, dann schickte er seine ferngesteuerte Flotte ans Werk. Baggern, graben, laden, löschen - alles erledigt er mit den ferngesteuerten Modellen.

Ein Miniaturförderband in der Breite eines Hosenträgers, das den Schutt nach draußen trägt, baut er nach kurzer Zeit wieder ab: "Das war zu effizient und ging zu schnell. Ich wollte mehr mit der Fernsteuerung arbeiten." Die Bausätze für seine Fahrzeuge bestellt er übrigens nur noch übers Internet - in Deutschland. Dort gibt es seiner Meinung nach das beste Zubehör und die zuverlässigste Technik.

Über die Kellertreppe ins Reich der Träume

Murray möchte eins klarstellen: Bei "Project Basement" geht ihm in erster Linie um ein Betätigungsfeld für seine ferngesteuerten Fahrzeuge, weniger darum, den Keller auszubuddeln. "Gibt es einen besseren Ort für einen Spielplatz als unter dem eigenen Haus?" Um in sein Traumreich zu kommen, muss er nur eine Treppe runtersteigen. Außerdem ist es dort im Winter gemütlich.

Seine Familie weiß zwar, wie er seine Freizeit verbringt, kann sich für sein Hobby aber nicht begeistern. Frau und Kinder hat er nicht. "Ich besuche gerne mal meine Neffen und Nichten, aber ansonsten ziehe ich es vor, alleine zu leben."

In einem Internetforum für Bastler von ferngesteuerten Fahrzeugen ist Joe Murray schon seit einiger Zeit ein kleiner Star. Und mittlerweile sind viele Medien aus der ganzen Welt auf ihn und seinen Hobbykeller aufmerksam geworden. Der Rummel ist ihm eher lästig: "Ich hoffe, dass bald wieder Ruhe in mein Farmerdasein einkehrt."

Man muss sich Joe Murray als glücklichen Menschen vorstellen. Er liebt seine Arbeit und genießt das einfache Leben auf dem Land, sagt er. Als ein TV-Sender aus Kanada kürzlich eine Doku über ihn drehen wollte, hat er abgelehnt. "Ich will nicht in der Öffentlichkeit stehen", begründet er seine Entscheidung, "die ferngesteuerten Fahrzeuge sind ein Hobby, mehr nicht".

Die letzten Wochen seien "höllisch" gewesen sagt Murray, ständig habe das Telefon geklingelt. "Es war ein einziges Chaos", sagt er. Ein bisschen lustig findet er das Ganze trotzdem, gibt er schließlich zu: "Wären die Anrufe erst in zwei Monaten gekommen, hätte ich davon überhaupt nichts mitbekommen. Dann stehe ich nämlich wochenlang von morgens bis abends auf dem Feld."

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
1.
spiegel-hai 21.02.2012
auf der Essen Motorshow würde er Gleichgesinnte treffen...
Zitat von sysopJoe MurrayWenn man so überhaupt nicht weiß, was man mit seiner Zeit anfangen soll, sucht man sich ein durchgeknalltes Bastelprojekt. So wie Joe Murray, der mit ferngesteuerten Baustellenfahrzeugen das Untergeschoss seines Hauses umgräbt. Der Kanadier schwört dabei auf Technik aus Deutschland. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,816489,00.html
auf der Essen Motorshow würde er Gleichgesinnte treffen...
2. Toll
n01 21.02.2012
Wenn man nicht erkennen würde, wie klein die Modelle tatsächlich sind, könnte man glauben,da wird real in einer Sandgrube gebaggert. Tolle Sache.
Zitat von sysopJoe MurrayWenn man so überhaupt nicht weiß, was man mit seiner Zeit anfangen soll, sucht man sich ein durchgeknalltes Bastelprojekt. So wie Joe Murray, der mit ferngesteuerten Baustellenfahrzeugen das Untergeschoss seines Hauses umgräbt. Der Kanadier schwört dabei auf Technik aus Deutschland. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,816489,00.html
Wenn man nicht erkennen würde, wie klein die Modelle tatsächlich sind, könnte man glauben,da wird real in einer Sandgrube gebaggert. Tolle Sache.
3. Schade...
mietiskelijä 22.02.2012
...daß in Berichten über (zugegebenermaßen manchmal nischenbesetzende) Männerhobbies so oft von "Spielzeug" und "Basteleien" geschrieben wird. Ein Flugzeug z.B. wird meiner Meinung nach nie [...]
...daß in Berichten über (zugegebenermaßen manchmal nischenbesetzende) Männerhobbies so oft von "Spielzeug" und "Basteleien" geschrieben wird. Ein Flugzeug z.B. wird meiner Meinung nach nie zusammengebastelt, sondern gebaut und beprüft, so wie auch dieser ferngesteuerte Modellbagger. Der ist - noch dazu aus nicht billiger deutscher Produktion - sicherlich kein Spielzeug im herkömmlichen Sinne, sondern ein hochwertiges, technisch komplexes Funktionsmodell und damit ein idealer Technikdemonstrator für Interessierte. Mögen doch manche so viel darüber lachen wie sie wollen, aber derartige Freizeitbeschäftigungen haben schon viele von weitaus dümmeren Einfällen abgehalten. Geld übrig für Dummheiten oder Trunksucht bleibt hierbei jedenfalls keines =).

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