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13.03.2012
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Angeblicher Führerschein-Boom

Autoinstitut argumentiert mit verzerrter Statistik

Von
DPA

Bestanden! Die Zahl erteilter Führerscheine geht zurück

Immer mehr junge Menschen besitzen eine Pkw-Fahrerlaubnis, berichten Verkehrsforscher, und die angebliche Abkehr junger Menschen vom Auto gibt es gar nicht. Doch die Argumentation ist fragwürdig, denn die verwendeten Zahlen aus der Fahrerlaubnis-Statistik sind nicht vergleichbar.

Der deutschen Autobranche geht es blendend. Dank boomender Exporte in Länder wie China klettern Umsatz und Gewinn auf Rekordwerte, VW beglückt alle seine Mitarbeiter sogar mit 7500 Euro Prämie. Und in das positive Bild passt die jüngste Studie des Instituts für Automobilwirtschaft (Ifa). "Lust auf Autofahren ist bei jungen Menschen ungebrochen - immer mehr junge Menschen verfügen über einen Führerschein", verkündet das Institut, das zur Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen-Geislingen gehört.

Die Ifa-Verkehrsforscher hatten den Pkw-Führerscheinbesitz junger Menschen in den Jahren 2005 und 2010 miteinander verglichen. Basis sind Zahlen des Kraftfahrtbundesamts aus Flensburg und des Statistischen Bundesamts. Demnach besaßen 2005 57,3 Prozent der 17- bis 24-Jährigen Deutschen eine solche Berechtigung. Im Jahr 2010 waren es dann 65,7 Prozent - ein Plus von mehr als acht Prozent.

Willi Diez, wissenschaftlicher Direktor des Geislinger Instituts, hält angesichts dieser Zahlen die These einer Abkehr junger Menschen vom Auto für widerlegt: "Auch wenn sich nicht alle Führerscheinerwerber gleich ein eigenes Auto leisten können, zeigt die gestiegene Führerscheinquote, dass das Auto für junge Menschen eine weiterhin hohe Bedeutung bei ihrer Lebensplanung hat."

Äpfel und Birnen

An den Berechnungen der Geislinger Verkehrsforscher ist erst einmal nichts auszusetzen. Sie haben die Zahl der Führerscheinbesitzer durch die Zahl der Deutschen dividiert - jeweils in den Altersgruppen 17 bis 24 Jahre. Doch ein genauer Blick in die Statistik zeigt, dass hier Äpfel mit Birnen verglichen werden.

Die Zahlen von 2005 und 2010 sind nämlich gar nicht vergleichbar, weil es nach 2005 eine wichtige Neuerung gegeben hat: den Führerschein mit 17 Jahren. Die Modellversuche begannen 2005 - und seit dem Jahr 2008 dürfen Jugendliche bundesweit gemeinsam mit einem erfahrenen Führerscheinbesitzer Auto fahren. Die Regelung hat dazu geführt, dass immer mehr junge Menschen schon im Alter von 17 Jahren die Prüfung ablegen. 2005 lag die Zahl bei 22.000, im Jahr 2010 dann immerhin schon bei 318.000, was mehr als einem Drittel des Jahrgangs entspricht.

In der von den Geislinger Forschern verwendeten Statistik aus dem Jahr 2005 gibt es im Grunde nur in den Altersgruppen 18 bis 24 Jahre eine nennenswerte Menge von Führerscheinbesitzern. Die Statistik aus dem Jahr 2010 umfasst hingegen viele 17-Jährige und damit quasi einen Jahrgang mehr. Und das erklärt auch, warum der Führerscheinbesitz gestiegen ist. Das gilt übrigens auch, wenn man nur die Jahrgänge 18 bis 24 betrachtet, denn 2010 hatten viele 18-Jährige die Prüfungen schon mit 17 gemacht, so dass die Führerscheinquote in diesem Jahrgang automatisch höher ist als 2005.

Max Musterfahrschülers Dorf

Eine einfache Rechnung verdeutlicht dieses Phänomen. In einem Modelldorf leben pro Jahrgang genau zehn Personen, also zehn 17-Jährige, zehn 18-Jährige, zehn 20-Jährige und so weiter. In dem Dorf gibt es keinen Führerschein mit 17, also legen die jungen Dorfbewohner die Prüfung folgendermaßen ab: Drei machen den Führerschein schon mit 18 Jahren, zwei mit 19 und dann jeweils einer mit 20, 21 und 22 Jahren - siehe folgende Tabelle.

Modelldorf: Besitz und Erwerb von Führerscheinen

Alter in Jahren 17 18 19 20 21 22 23 24
Fahrerlaubnis-Erwerb 0 3 2 1 1 1 0 0
Fahrerlaubnis-Besitz 0 3 5 6 7 8 8 8
Der Führerscheinbesitz eines Jahrgangs ergibt sich dann als Summe aller erworbenen Erlaubnisse der Vorjahre und des aktuellen Jahres. Von den zehn 19-Jährigen des Dorfes besitzen also fünf die Plastikkarte, denn drei haben ihn schon mit 18 Jahren gemacht und zwei mit 19 Jahren. Wie sieht die Gesamtbilanz aus? Von den 80 Bewohnern im Alter von 17 bis 24 haben 3+5+6+7+8+8+8=45 einen Führerschein. Die Quote liegt bei 45/80 = 56,3 Prozent.

Was ändert sich, wenn der Führerschein mit 17 eingeführt wird? Wir nehmen einfach mal an, dass sich dann alles um ein Jahr nach vorn verschiebt. Das ist durchaus plausibel, wenn man schaut, dass inzwischen mehr als ein Drittel eines Jahrgangs die Prüfung mit 17 ablegt. Also machen drei Jugendliche den Führerschein mit 17, zwei mit 18 und dann jeweils einer mit 19, 20 und 21 - siehe folgende Tabelle.

Modelldorf: Erwerb und Besitz von Führerscheinen (ab 17 möglich)

Alter 17 18 19 20 21 22 23 24
Fahrerlaubnis-Erwerb 3 2 1 1 1 0 0 0
Fahrerlaubnis-Besitz 3 5 6 7 8 8 8 8
Das hat Einfluss auf den Führerscheinbesitz. Beispiel 18 Jahre: Normalerweise haben nur drei von zehn Jugendlichen eine Fahrerlaubnis, wegen des Führerscheins mit 17 sind es aber fünf von zehn. Als Besitz-Quote für das Dorf ergibt sich 53/80 = 66,3 Prozent - das sind zehn Prozent mehr als ohne Führerschein mit 17!

Kann man aus diesen Zahlen schließen, dass der Führerscheinbesitz zugenommen hat? Nein, natürlich nicht. Die jungen Menschen haben die Prüfungen lediglich ein Jahr früher abgelegt - aber in beiden Fällen besitzen im Alter von 24 Jahren acht von zehn Personen eine Fahrerlaubnis. Die Besitzquote ist gleich geblieben.

Das Geislinger Institut für Automobilwirtschaft kennt diese Modellrechnung, hält an seinen Aussagen jedoch "uneingeschränkt" fest, wie es auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE erklärte.

Wie aber sieht die Wahrheit aus? Stagniert der Führerscheinbesitz? Oder geht er gar leicht zurück? Leider geben die Statistiken des Kraftfahrtbundesamts da wenig her. Alle Deutschen, die vor 1999 noch den alten Papierführerschein gemacht haben, tauchen in diesen Statistik gar nicht erst auf. Ein längerfristiger Vergleich - zum Beispiel die Entwicklung der Führerscheinquote der 24-Jährigen in den letzten 10, 15 Jahren - ist deshalb auch nicht möglich.

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