07.03.2012
Infiniti Emerg-E
In der Ruhe liegt der Saft
Von Tom Grünweg"Stille ist das neue Wrooaaam", verkündet François Bancon, Chefstratege des Nissan-Konzerns. Als Beweis dafür präsentiert die noble Nissan-Schwester Infiniti auf dem Genfer Autosalon den Elektroflitzer Emerg-E. Der Zweisitzer sieht rasanter aus als der Supersportwagen Nissan GT-R und ist eleganter als der Ferrari F12. Er beschleunigt schneller als der Porsche 911, kommt weiter als der Mercedes SLS E-Cell und verbraucht weniger als ein VW Up!. Bancon spricht verzückt von "400 wilden Pferden im Seidengewand".
Entfesselt wird die Kraft durch zwei Elektromotoren mit jeweils 204 PS an der Hinterachse. Mit kaum mehr als einem leisen Surren lassen sie die Reifen des Emerg-E quietschen und beschleunigen den eleganten Flachmann mit der Karbonkarosse in knapp vier Sekunden auf Tempo 100. Bis die 200 km/h erreicht sind, vergeht allerdings eine halbe Minute. Wer Maß hält und nicht ständig am Limit von 209 km/h fährt, soll mit dem Strom aus den Lithium-Polymer-Akkus 50 Kilometer weit kommen, verspricht Nissan.
Danach ist der Reiz des Rasens aber nicht vorbei: Für den Notfall haben die Japaner den E-Motoren einen kleinen Benziner zur Seite gestellt. Der Dreizylinder hat zwar nur 1,2 Liter Hubraum und nicht mal 50 PS - aber die Leistung reicht, um ähnlich wie beim Chevrolet Volt oder beim Fisker Karma einen eingebauten Generator anzutreiben und so den Strom zum Weiterfahren zu erzeugen.
Wo Elektrosportler wie der SLS oder der Audi E-Tron nach ein paar knackigen Kilometern an die Steckdose müssen, fährt der Emerg-E deshalb weiter. Bis zu 480 Kilometer weit komme man auf diese Weise, sagt Bancon. Rein rechnerisch ergibt das nach den aktuellen Normzyklen einen Verbrauch von 2,3 Litern - jeder Kleinwagen schluckt damit mehr als dieser Sportler.
Nissans Bringschuld gegenüber Großbritannien
Für Bancon ist der Emerg-E deshalb Infinitis Antwort auf die Fragen der Zukunft: "Immer mehr Städte in Europa verbannen Autos mit Verbrennungsmotoren aufgrund ihrer Abgase aus ihren Zentren. Jetzt geht es darum, sich mit neuen Spielregeln auseinanderzusetzen." Weil der eilige Elektriker abgasfrei sei, könne man mit ihm zum Beispiel durch die Innenstadt von London fahren. Außerhalb der City bleibe der Fahrspaß trotzdem nicht auf der Strecke. "Bei Bedarf bringt der Emerg-E auf jeder Rennstrecke einen Riesenspaß."
Zwar ist der Emerg-E erst einmal nur ein Traum auf dem Reißbrett, eine Studie ohne konkrete Produktionsabsichten. Doch zum einen beweisen bereits abgesegnete Stromer wie der Porsche 918 RS Spyder oder der Jaguar CX-75, dass Wunsch und Wirklichkeit bei elektrischen Luxus-Sportwagen nicht weit auseinander liegen müssen. Und zum anderen stehen die Japaner von Nissan in der Pflicht: Weil sie das weitgehend in England abgewickelte Projekt zum Teil mit Staatsmitteln aus London finanziert haben, müssen sie jetzt Taten liefern - und zumindest zwei fahrfähige Prototypen auf die Räder stellen. Spätestens dann wird auch François Bancon ausprobieren können, wie schnell die Stille wirklich klingt.

