25.03.2012
Spektakulärer Rennwagenprototyp
Mit Vollgas nach Übermorgen
Von Tom GrünwegIst es ein Düsenjäger? Ist es das Batmobil? Nein, es ist die Zukunft des Rennsports! Zumindest vielleicht. Schwarz, spitz und aggressiv ist der Prototyp, den Nissan-Ingenieure gemeinsam mit dem amerikanischen Motorsport-Impresario Don Panoz und der Organisation All American Racers um Formel-1-Veteran Dan Gurney auf die Räder gestellt haben.
Es eine Art Rennwagen für übermorgen. Um die Ernsthaftigkeit des Projekts zu demonstrieren, soll der düstere Bolide am 16. Juni bei dem Langstrecken-Klassiker in Le Mans starten. Zwei Dinge machen den Wagen revolutionär: die Form und das Gewicht. Lang und schlank auf den Asphalt gestreckt, sieht er aus wie eine Kreuzung aus Überschallflugzeug und den Raketenautos, mit denen Geschwindigkeitsweltrekorde gefahren werden. Die Karosserie mit dem riesigen Leitwerk am Heck besteht aus Karbon. Deshalb wiegt der Wagen lediglich 575 Kilogramm. Damit bringt er etwa 30 Prozent weniger auf die Waage als die Prototypen, mit denen Audi oder Toyota in Le Mans ins Rennen gehen.
Das Fliegengewicht lässt sich entsprechend spärlich motorisieren. Ein 1,6-Liter-Vierzylinder-Motor soll Rundenzeiten ermöglichen, die zwischen jenen der beiden Top-Typklassen LMP1 und LMP2 liegen - nur dass dieses Autos in der Regel fast doppelt so stark sind. Während etwa der neue Audi R18 auf einen Dieselmotor mit 510 PS und zusätzlichem Hybridantrieb setzt, kommt der Deltawing mit rund 300 PS aus.
Als Antrieb kommt ein 1,6-Liter-Vierzylinder zum Einsatz
Nissan implantiert für diese Leistung keinen überzüchteten Rennmotor, sondern setzt einen aufgeladenen Vierzylinder aus dem Kompakt-SUV Juke ein. Getunt wurde das Aggregat allerdings schon, denn im Serienmodell mobilisiert die Maschine lediglich 190 PS. Einer der Vorteile des vergleichsweise bescheidenen Deltawing-Antriebs: Das Auto soll mit halb so viel Sprit auskommen wie die normalen Renner und sich deshalb zahlreiche Boxenstopps sparen. Außerdem halten die Reifen bei einem leichteren Auto länger - und auch weniger Reifenwechsel sparen bei 24 Stunden Renndauer wertvolle Sekunden.
Für das Fahrerteam, zu dem unter anderem der deutsche FIA GT1-Weltmeister Michael Krumm zählt, bedeutet das ungewöhnliche Auto eine gehörige Umstellung. Die Sitzposition beispielsweise ist ungewöhnlich weit hinten für einen Rennwagen. Hinzu kommt, dass der Wagen aufgrund der schmalen vorderen Spur und der Motorplatzierung weit hinten im Heck extrem agil sein soll. Das Kurvenverhalten jedenfalls sei völlig anders, heißt es.
Was soll das Projekt Deltawing überhaupt? Zum einen erhofft sich Nissan von dem Prototypen ein paar Hinweise darauf, wie der Motorsport der Zukunft umweltverträglicher und dennoch rasant wie eh und je gestaltet werden könnte. Und zum anderen erwarten sich die Entwickler durchaus auch neue Erkenntnisse für künftige Straßenautos.
In den Le-Mans-Siegerlisten wird der Deltawing nicht auftauchen
"Das Reglement im Rennsport ist über die Jahre immer enger geworden, mit der Folge, dass sich die Rennwagen zunehmend ähnlich sehen und die eingesetzte Technologie immer weniger Bedeutung für die Entwicklung von Straßenfahrzeugen besitzt", klagt Nissan-Chef Andy Palmer. "Das wollen wir mit dem Deltawing wieder ändern." Leichtbau, Aerodynamik und Downsizing sind Entwicklungsansätze, die auch beim Kleinwagen Micra oder beim Kompaktmodell Qashqai weiterhelfen.
Der Start in Le Mans übrigens ist für den Nissan Deltawing sportlich absolut unbedeutend. Weil das Auto mit allen Konventionen bricht, passt es nicht ins Reglement und fährt deshalb außer Konkurrenz und ohne Wertung. In diesem Falle gilt der alte Spruch mal wirklich: Dabei sein ist alles.

