06.05.2012
Lada-Versteher
Kalte Krieger mit Rostflecken
SPIEGEL ONLINE: Herr Delfosse, was hat Sie nach Zentralasien gezogen?
Ich wollte mit der Kamera dokumentieren, welche Überreste der Sowjetunion in den ehemaligen Sowjetstaaten Usbekistan und Kasachstan zu finden sind. Hauptsächlich war ich an den alten Anlagen interessiert, wo früher Atomwaffentests durchgeführt wurden.
SPIEGEL ONLINE: Und wie sind Sie auf die Idee gekommen, alte russische Autos zu fotografieren?
Zuerst aus reinem Zeitvertreib. Wir mussten oft wochenlang auf Papiere und Genehmigungen von Behörden warten. Nach und nach kamen immer mehr Auto-Motive zusammen. Dann wurde mir bewusst, dass diese Fahrzeuge zu meinem Projekt passen - ich war ja auf der Suche nach den Hinterlassenschaften der Sowjetrepublik.
SPIEGEL ONLINE: Welche Automarken sind auf den Bildern zu sehen?
Das sind Modelle der Marken Wolga, Moskvitsch und Sziguli - also Lada. Sie wurden alle während der Sowjetzeit gebaut, vor 1991. Einige stammten sogar aus den siebziger Jahren. Die Fahrzeuge sieht man aber kaum in den größeren Städten, es gibt sie fast nur noch auf dem Land.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie selbst mal mit so einem Auto gefahren?
Ja, einmal. Es war irgendwo in der Steppe, und ich war mit zwei kasachischen Trinkern unterwegs. Sie haben mich ans Steuer gelassen, aber ich bin nur ein paar hundert Meter gefahren - das Auto war eine echte Schrottkiste. Die beiden sagten mir: "Man muss dieses Auto kennen, um damit umgehen zu können." Für mich war es jedenfalls unmöglich.
SPIEGEL ONLINE: Keine Lust gehabt, mit einem alten Sowjet-Auto einen Road-Trip durch die Steppe zu unternehmen?
Ha! Ich hatte sogar kurz überlegt, mit einem dieser Autos zurück nach Belgien zu fahren - aber es dann doch sein lassen.
SPIEGEL ONLINE: Ihnen waren die Fahrzeuge wohl zu unzuverlässig.
Ja, sie bleiben wirklich oft liegen. Außerdem verlieren sie eine Menge Öl. Für die Fahrer scheint das aber kein Problem zu sein, die wussten immer sofort, wie man sie repariert. Diese Autos sind nicht totzukriegen - aber ständig muss irgendwas geflickt werden!
SPIEGEL ONLINE: Betrachten die Besitzer ihre Oldies als Gebrauchsgegenstände oder pflegen sie eine Liebe zu ihren Autos?
Für die meisten waren die alten Autos Alltagsgegenstände. Einige hatten aber richtig schöne Schlitten und zeigten sie mit Stolz.
SPIEGEL ONLINE: Einige der Bilder erinnern an Motive aus Kuba, wo prächtige alte Straßenkreuzer durch heruntergekommene Gegenden fahren.
Ja, an solche Szenen musste ich komischerweise auch denken, als ich in Zentralasien war. Aber in Kuba haben die Oldtimer einen anderen Stellenwert - in Kasachstan fragten die Leute zum Beispiel oft, warum ich die alten Autos fotografiere. "Mach doch lieber Bilder von den neuen!", sagten sie dann.
Das Interview führte Christoph Stockburger

