15.05.2012
Haptisches Gaspedal
Widerstand gegen das Rasen
Von Tom GrünwegMercedes arbeitet am "haptischen Gaspedal", das sich mit sanftem Druck gegen den Gasfuß stemmt und im Schnitt zu einer Verbrauchsminderung von zehn Prozent führt. Bislang allerdings nur in einem Prototypen.
Ein zusätzlicher Elektromotor wirkt unterschiedlich stark gegen die Bewegungsrichtung des Gaspedals, der Fahrer spürt dadurch einen Druckpunkt - und zwar je nach Programmierung des Systems schon bei wenig oder erst bei stärker getretenem Pedal. Außerdem kann dieser Motor ein Pulsieren oder Klopfen des Pedals erzeugen. Beides ist als dezenter Hinweis an den Fahrer gedacht, den Fuß etwas leichter zu machen und dadurch Kraftstoff zu sparen.
Mit Hilfe des verschiebbaren Druckpunkts beispielsweise plant Mercedes, das Beschleunigungsverhalten der Kunden zu beeinflussen. Wer beim Ampelstart, auf der Autobahnauffahrt oder am Ortsausgang kräftig aufs Gas tritt, spürt in diesem Fall jene kleine Hemmschwelle, die den Sparer vom Heizer trennt.
"Dieser Punkt wird für jede Situation so berechnet, dass man am effizientesten beschleunigt", sagt Entwicklungsingenieur Benjamin Lippert. Wer trotzdem mehr Gas gibt, gewinnt vielleicht ein paar Zehntelsekunden, zahlt dafür aber später an der Tankstelle. Trotzdem kann man das System natürlich - wie jeden konventionellen Tempomat auch - durch einen beherzten Tritt mühelos übersteuern.
Wenn das Gaspedal zweimal anklopft
Das dezente Anklopfen des Pedals an der rechten Fußsohle soll dazu dienen, vorausschauend Gas wegzunehmen. Etwa auf einer Gefällestrecke, in einer Zone mit Tempolimit und vor allem, wenn das Abstandsradar einen langsameren Vorausfahrenden ausgemacht hat. Immer dann ist das leichte Ruckeln des Pedals zu spüren und man lupft fast instinktiv den Fuß. Das Auto wird situationsgerecht langsamer und spart dabei wieder etwas Sprit.
Bislang nutzen die Schwaben für die Steuerung des haptische Fahrpedals das Abstandsradar und die Basisinformationen aus der Navigation. "Weitere Ausbaustufen sind denkbar", sagt Lippert. So könnte das Klopfen künftig auch vor Kreuzungen, Geschwindigkeitsbegrenzungen oder Abbiegevorgängen zum leichten Gasfuß mahnen und der verschiebbare Druckpunkt einen Sprint kurz vor dem Ortseingang erschweren, skizziert der Ingenieur die Möglichkeiten.
Das Forschungsprojekt läuft seit vier Jahren. Lippert hat schon Dutzende von Probanden ans Steuer der umgebauten S-Klasse oder in den Simulator gebeten. "Die Ergebnisse waren dabei immer sehr ähnlich", sagt der Entwickler. "Im Schnitt ist der Verbrauch um zehn Prozent gesunken."
Die Idee gab es schon einmal, aber da war Benzin noch zu billig
Wann und in welchen Modell das System erstmals zum Serieneinsatz kommt, sagt Lippert noch nicht. Doch weil bis auf den Stellmotor am Pedal nur Komponenten und Sensoren genutzt werden, die bereits in Autos verbaut werden, wäre die Serienentwicklung kein Hexenwerk.
Ganz neu ist die Idee vom haptischen Gaspedal übrigens nicht. Konkurrent Infiniti hat eine technisch vergleichbare, in der Praxis jedoch weniger feinfühlige Lösung in der M-Serie bereits im Einsatz und Porsche nutzt einen ähnlichen Ansatz für einen weitgehend autonomen Tempomaten.
Auch Mercedes hat am aktiven Gaspedal schon einmal geforscht - vor mehr als zehn Jahren. Wer wissen will, warum die Technik damals nicht zu Ende entwickelt wurde, den verweist Lippert auf die Spritpreise. "Benzin war zu billig, und das Augenmerk bei der Entwicklung lag vor allem auf der Leistung. Deshalb hatte dieses Projekt irgendwann nicht mehr die nötige Priorität." Jetzt reicht ein Blick zur Tankstelle, und der Entwickler weiß: "Das wird diesmal wohl nicht wieder passieren."

