25.05.2012
Renault-Alpine-Studie
Plattfisch ist zurück
Von Jürgen PanderIn der Formel 1 mischt Renault ganz vorne mit, die Serienautos der französischen Marke gelten jedoch als weitgehend unrasant und durchschnittlich. Vielleicht ändert sich das in Zukunft, denn vor dem Formel-1-Spektakel in Monaco an diesem Wochenende stellte Renault einen Prototypen vor, der alles hat, was man von einem Klasse-Sportwagen erwartet: satten Wumms, fortschrittliche Technik und Sexappeal.
Eine beeindruckende Rennhistorie kommt noch obendrauf. Denn Renault lanciert die Studie unter dem Namen Alpine A110-50 und stellt das Auto damit in die Ahnenreihe des spektakulären Rallye-Renners aus Dieppe, der ab 1962 für mehr als ein Jahrzehnt die Vollgas-Szene in Europa aufmischte.
So weit gehen die Pläne mit dem neuen Modell noch nicht. Technisch basiert der Wagen auf dem Renault-Wettbewerbsfahrzeug Mégane Trophy (Rennserie: Formel Renault 3.5). Das bedeutet: Gitterrohrrahmen, Mittelmotor-Konzept, 3,5-Liter-V6 mit 400 PS und ein sequenzielles Sechsgang-Getriebe. Darüber wölbt sich in rassigen Rundungen eine Karosserie aus Karbon, die mit allen Tricks der Aerodynamik spielt - unter anderem dank eines verstellbaren Heckspoilers. Insgesamt wiegt der Zweisitzer 880 Kilogramm, was in Kombination mit den 400 PS höchst erfrischende Fahrleistungen ergeben dürfte.
Ob der Wagen lediglich ein PR-Gag zum Alpine-Jubiläum ist oder tatsächlich der Vorbote eines Supersportwagens von Renault, ist aktuell offenbar noch nicht ganz klar. Immerhin deutete bereits vor zwei Jahren die Elektro-Sportwagen-Studie Dézir darauf hin, dass die französische Marke ernsthaft über ein Auto abseits der Großserien-Modellreihen nachdenkt.
Ein Verdienst, das der Studie Alpine A110-50 allerdings schon jetzt gebührt, ist die Auffrischung des Andenkens an einen außergewöhnlichen Sportwagen, nämlich den "A110 Berlinette Tour de France" - wie das Auto bei seinem Debüt 1962 mit vollem Namen hieß.
Jean Rédélé, Ex-Rallyefahrer und Renault-Händler aus Dieppe, entwickelte und baute seit 1955 Rennwagen auf Renault-Basis; der Alpine A100 wurde sein Meisterstück. Das Auto mit Zentralrohrrahmen und Kunststoffkarosserie wog nur 575 Kilogramm, im Heck ballerte der 956-Kubik-Vierzylinder-Motor aus dem Renault 8, von Rédélé auf eine Leistung von 52 PS getunt, was den blauen Renner mit dem Spitznamen "le turbot" (der Plattfisch) 170 km/h schnell machte.
Der österreichische Journalist Herbert Völker schrieb über das Alpine-Konzept: "Eines Tages kam man in Frankreich auf die Idee, zwei liegende Männer mit Kunststoff zu überziehen und auf Räder zu stellen." Genau so war es. Puristischer als der A110 konnte ein Sportwagen kaum sein. Es gab nur vier Extras für das Auto, nämlich Nebelscheinwerfer, eine beheizbare Windschutzscheibe, ein Sportlenkrad und Liegesitze. Der Rest war Vollgas pur.
Der blaue Pistenschreck aus Dieppe
Hunderte von Rennsiegen fuhren Alpine-Piloten ein. Die größten davon: 1971 gewann der A110 die Internationale Markenmeisterschaft, 1973 die damals erstmals ausgetragene Rallye-Weltmeisterschaft; und in beiden Jahren, 1971 und 1973, gelang A110-Teams jeweils ein Dreifachsieg bei der Rallye Monte Carlo. Mit den Jahren wurden die Motoren immer größer und stärker. Die Aufrüstung gipfelte 1972 im Einsatz eines Turbomotors mit 240 PS. Der so befeuerte A110 fuhr gleich im ersten Rennen zum Sieg - es war der erste Triumph eines Turbofahrzeugs im europäischen Motorsport.
Obwohl das Nachfolgemodell, der A310 mit futuristischer Keilform und extravaganter Scheinwerferbatterie bereits 1971 auf den Markt kam, blieb der A110 das Maß der Dinge und der Bestseller der kleinen Marke aus Dieppe. Erst im Juli 1977 kam das Aus für die legendäre Flunder, nach 7489 gebauten Exemplaren. Das letzte Auto übrigens wurde nicht im typischen Alpine-Blau lackiert, sondern in grün. Grün wie Hoffnung - vielleicht ist das ein gutes Omen für den neuen Renner.

