04.06.2012
Autogramm Chevrolet Camaro ZL1
Wo bitte geht's zum Dragstrip?
Von Tom GrünwegDER ERSTE EINDRUCK: Boah, ey! Angesichts des Camaro ZL1 wirkt selbst die aktuelle Corvette filigran und zivilisiert. Die Chevrolet-Haustuner haben den Wagen zum "stärksten Camaro aller Zeiten" aufgemotzt. Wenn man die lange Motorhaube mit der von vier riesigen Nüstern durchbrochene Hutze aus Karbon zum ersten Mal sieht, bekommt man es fast mit der Angst zu tun.
DAS SAGT DER HERSTELLER: Chevrolet knüpft mit dem ZL1 an eine alte Tradition an. Schon die erste Camaro-Generation war unter diesem Kürzel ab 1969 Dauergast auf den Dragstrips zwischen Miami und Santa Monica. Heute kontert der Bodybuilder unter den Muscle-Cars nicht nur direkte Konkurrenten wie den Ford Mustang Boss oder den Dodge Challenger SRT-8, sondern fährt mit 580 PS Leistung und 754 Nm Drehmoment durchaus auch Typen wie dem Audi R8 und dem Mercedes SLS in die Parade - nur dass diese Autos glatt doppelt so teuer sind. Obwohl sich der Preis für den Camaro mit dem Werkstuning fast verdoppelt, kostet der ZL1 in den USA 54.950 Dollar, umgerechnet weniger als 45.000 Euro.
Von diesem Schnäppchen profitieren die Europäer allerdings nicht. Weil Chevrolet den Camaro aufgrund des einfacheren Zulassungprocederes als Kleinseriemodell nach Europa importiert, dürfen nur tausend Autos eingeführt werden. "Dieses Kontingent reicht kaum für die normalen Coupés und Cabrios", sagt Chevrolet-Sprecher Rej Husetovic. Wer absolut will, kann den ZL1 bei einem freien Importeur kaufen - aber bei denen kostet der Wagen schnell mehr als 75.000 Euro.
DAS IST UNS AUFGEFALLEN: Dass man dieses Auto kaum normal und zivilisiert fahren kann. Fast automatisch spielt der rechte Fuß mit dem Gaspedal und lässt den Drehzahlmesser nach oben schnellen. Selbst im Stand klackert man ständig die Gänge durchs eng gestufte Getriebe. Und jede gewöhnliche Lichtzeichenanlage wird zur Startampel eines imaginären Dragstrips. Gang einlegen, Gas geben, Kupplung kommen lassen - und dann nichts als Vortrieb, Schall und Rauch. Mit so einem Fahrstil muss man die 305er Walzen auf der Hinterachse wahrscheinlich schon nach einer Woche wechseln, doch in diesem Auto kann man einfach nicht anders.
Der ZL1 beschleunigt nicht nur gut (in vier Sekunden von 0 auf 100), sondern das Teil versteht sich auch auf Kurven. Dank einer für US-Verhältnisse sehr direkten Lenkung, einem so genannten Magnetic-Ride-Fahrwerk (siehe TECHNIK ERKLÄRT) und Bremsen mit Scheiben in der Dimension einer Familienpizza ist der Wagen fahrerisch wirklich schwer in Ordnung. GM-Ingenieure melden für die Nürburgring-Nordschleife eine Rundenzeit von 7:41:27 Minuten für den Camaro ZL1.
Was bei aller Begeisterung allerdings auch auffällt: Innen ist der Wagen eine lieblose Plastikhütte. Auch schlecht vernähte Alcantara-Bezüge an Lenkrad und Armaturentafel oder rote Nähte an den Ledersitzen können nicht über die bescheidene Materialauswahl und die liederliche Verarbeitung hinwegtäuschen. Klappernde Konsolen, krumme Nähte im unmittelbaren Blickfeld und billige Plastikschalter hat dieses Auto nicht verdient.
DAS MUSS MAN WISSEN: Seine sportliche Schärfe verdankt der ZL1 der Corvette. Von ihr hat er nicht nur das adaptive Fahrwerk, sondern auch den Kompressor für den 6,2 Liter großen V8-Motor. Er macht dem Motor so viel Druck, dass die Leistung um beinahe 150 PS und das Drehmoment um fast 200 Nm steigt und der Camaro die Fahrleistung eines Supersportwagens erreicht.
Weil solche Autos zumindest in Amerika tatsächlich auf Rennstrecken und Dragstrips gefahren werden, kann man das Setup des ZL1 auf Knopfdruck verändern. Fahrwerk, Lenkung, Stabilitätssystem und Motorsteuerung lassen sich in fünf Stufen so variieren, dass man immer den perfekten Kavalierstart hinlegt. Außer um die Reifen muss man sich dabei um nichts sorgen. Das Hinterachsdifferential und die Kupplung sind so verstärkt, dass sie mindestens tausend Vollgasstarts aushalten.
DAS WERDEN WIR NICHT VERGESSEN: Den unbändigen Spaß bei jedem Ampelstart und das ebenfalls stets präsente, schlechte Gewissen. Außerdem ist da ja noch die Polizei; einem Cop möchte man mit diesem Wagen nun wirklich nicht vor die Radarpistole kommen.

