22.07.2012
Autogramm BMW 750 Li
Krieg der Knöpfe
Von Tom GrünwegDer erste Eindruck: Alt oder neu? Diese Frage kann man beim neuen BMW 7er nicht so leicht beantworten. Von außen ist der Feinschliff am Flaggschiff selbst für Kenner kaum ersichtlich. Innen hingegen hat sich doch einiges getan, vor allem die Bordelektronik erfuhr eine umfassende Aufrüstung.
Das sagt der Hersteller: Die BMW-Leute betonen, an dem äußerlich kaum veränderten Auto sei unterm Blech "mehr verändert worden als bei jeder anderen Überarbeitung dieser Art". Der neue Entwicklungsvorstand Herbert Diess feiert das Flaggschiff als Technologierträger: "In diesem Auto steckt alles, was einen BMW ausmacht."
Künftig gehört dazu offenbar auch die Hightech-Elektronik. Das Kombi-Instrument besteht nicht mehr aus Tacho und Drehzahlmesser, sondern aus einem großen TFT-Bildschirm. Es gibt einen Bordcomputer, dessen Grafik jeden Tablet-Computer aussticht. Es gibt LED-Scheinwerfer, die auf Fußgänger aufmerksam machen und den Gegenverkehr nicht mehr blenden. Und es gibt eine Sprachsteuerung, die nahezu freie Dialoge versteht und sich auch E-Mails oder Kurznachrichten diktieren lässt. Laut Diess wollen offensichtlich auch 7er-Kunden "ständig vernetzt sein".
Das ist uns aufgefallen: Wie schnell einen die eigene Neugier immer tiefer in die Untermenüs lotst. Die Wettervorhersage fürs Zielgebiet, aktuelle Nachrichten und Fotos von bestimmten Stationen der Reise? Natürlich bringt einen das dem Reiseziel keinen Meter näher - aber zusätzliche Informationen haben ja noch keinen dümmer gemacht. Und es ist immer noch besser, während der Fahrt dem Auto eine E-Mail zu diktieren, als heimlich zum Handy zu greifen, eine Kurznachricht tippen und einen Punkt in Flensburg oder gar einen Unfall zu riskieren.
Andererseits hat BMW die Idee des iPhones auf Rädern nicht ganz zu Ende gedacht. Zwar lässt sich der digitale Schnickschnack über den Dreh-Drückknopf einfach und intuitiv bedienen - aber für den echten Aha-Effekt fehlt die sensitive Steuerung über einen Touchscreen oder ein berührungsempfindliches Bedienfeld.
Und auch das Kombi-Instrument ist ein Beleg dafür, dass man auf dem Weg in die digitale Zukunft noch irgendwo zwischen den Welten hängt - wenn auch in diesem Falle unfreiwillig: Denn obwohl das Instrument im Grunde genommen nur ein einziger, großer Bildschirm ist, auf dem die Instrumente angezeigt werden, kleben mitten darauf immer noch zwei Skalenringe aus Kunststoff.
Und auch der Hintergrund, also die Anzeige von Tacho und Drehzahlmesser, ist nicht frei wählbar, sondern es gibt lediglich drei an den jeweiligen Fahrmodus gekoppelte Ansichten. Mehr sei derzeit nicht machbar, sagt ein Entwickler und verweist auf die strikten Vorgaben des Gesetzgebers, der etwa bei der Geschwindigkeitsanzeige "ganz, ganz wenig Spaß versteht".
Ja, der 7er ist ein Rechner auf Rädern, doch auch der V8-Benziner wurde überarbeitet und leistet jetzt 450 PS. Drehfreudig und spurtstark ist der Motor, in 4,8 Sekunden treibt er den Zweitonner von null auf Tempo hundert. Der Verbrauch wurde gesenkt, laut Prüfstandswert um 25 Prozent. Am Ende einer fast 300 Kilometer langen Runde mit Stadt-, Überland- und Autobahnfahrt meldet der Bordcomputer jedoch rund zwölf Liter Durchschnittsverbrauch - 7,9 Liter nennt BMW als Referenzwert.
Das muss man wissen: Der überarbeitete 7er kommt dieser Tage in den Handel. Die Preise beginnen bei 74.900 Euro für den 730d, der billigste Benziner kostet 80.700 Euro. Für die Langversion mit 14 Zentimetern mehr Radstand verlangt BMW 4800 Euro Aufpreis, für weitere 3400 Euro Zuschlag gibt es einige Varianten auch mit Allradantrieb. Bei den Selbstzündern handelt es sich um Drei-Liter-Sechszylinder mit 258, 313 oder 381 PS. Bei den Benzinern hat man die Wahl zwischen dem 320 PS starken Sechszylinder im 740i, dem von uns gefahrenen 750i und dem unveränderten V12 mit 544 PS im 760i.
Das werden wir nicht vergessen: Den Schrecken beim Blick auf die Inventarliste des Testwagens, dessen Grundpreis schon bei 99.900 Euro liegt. Offenbar kommt er für diese Summe nahezu nackt aus dem Werk. Sonst ließen sich die mehr als 50 Extras ja wohl kaum erklären, die in diesem Modell stecken; die Finessen der Individualabteilung noch gar nicht mitgerechnet.
Klar, dass ein Soundsystem von B&O nicht zum Standard gehört. Und dass die Fernsehbildschirme im Fond nicht zum Nulltarif eingebaut werden, ist selbst bei einem Oberklasse-Auto verständlich. Aber Innovationen wie LED-Scheinwerfer mit Fußgängerwarnung und blendfreiem Fernlicht oder das TFT-Cockpit muss man entweder serienmäßig einbauen - oder ganz weglassen.

