18.08.2012
Oldtimer-Gala in Pebble Beach
Gipfeltreffen der Auto-Egos
Einmal im Jahr verwandelt sich ein Golfplatz an der amerikanischen Westküste in den Olymp der Oldtimer. In Pebble Beach treffen sich Besitzer und Bewunderer alter Autos zum Concours d'Elegance. Wer bei dem automobilen Schönheitswettbewerb einen Preis abräumt, darf sich sicher sein, den Wert seines Wagens vervielfacht zu haben - 2011 kam hier ein beispielsweise ein 1957er Ferrari Testa Rossa für rund zwölf Millionen Euro unter den Hammer.
Edward Herrmann ist seit Jahrzehnten Stammgast in Pebble Beach. Der Hollywood-Schauspieler ("Der große Gatsby", "The Lost Boys", "Gilmore Girls") nahm zuerst mit seinen Oldtimern aus Vorkriegsjahren an der Veranstaltung teil, dann als Master of Ceremony - also als Moderator. Seine Aufgaben sind es, den Zuschauern die verschiedenen Wettbewerbskategorien zu erläutern, die Sieger zu küren und bei einer Tombola Geld für wohltätige Zwecke zu sammeln.
"In diesem Jahr stehe ich, glaube ich, zum 14. Mal auf der Bühne", sagt er beim Telefoninterview mit SPIEGEL ONLINE. "Zum 15. Mal", hört man seine Frau aus dem Hintergrund rufen. Umso besser - der 69-Jährige soll schließlich einen Einblick in das Geschehen am Pebble Beach geben.
SPIEGEL ONLINE: Was war der schlimmste Augenblick, den Sie auf der Bühne in Pebble Beach erlebt haben?
Herrmann: Das war bei der Siegerehrung 2002. Ausgerechnet beim wichtigsten Preis, dem "Best Show Car", hatte ich den Zettel mit dem Namen des Gewinners so zerknüllt, dass ich ihn nicht mehr lesen konnte. Ich drehte mich also zu Concours-Chefin Sandra Button um und fragte bei ihr nach. Ihre Antwort war dann so laut, dass die Menge von ihr erfahren hat, wer die Trophäe bekommt.
SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich der typische Aussteller beim Concours d'Elegance beschreiben?
Herrmann: Man trifft die unterschiedlichsten Leute. Die gezeigten Autos sind kostspielig, dementsprechend ist ein Großteil der Aussteller sehr wohlhabend. Aber oftmals sieht man auch Autoliebhaber, die 15 Jahre lang selbst an ihrem Fahrzeug geschraubt haben und sich schon ihr ganzes Leben auf eine Teilnahme am Concours freuen. Einige der Teilnehmer sind sehr selbstbezogen, aber man muss das verstehen: Die großen Egos dieser Menschen spiegeln sich in ihren Fahrzeugen.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch richtig Ärger, wenn diese Leute ihre Autos nicht angemessen gewürdigt fühlen?
Herrmann: Klar, manchmal gibt es Streit mit der Jury. Da treffen zwei Seiten mit extrem großem Sachverstand aufeinander, und man zankt sich um Details. Es kommt vor, dass die Besitzer die originalen Konstruktionspläne auf den Tisch legen, um zu beweisen, dass ein bestimmtes Bauteil zwar seltsam aussehen mag, aber eben genau so von den Ingenieuren vorgesehen war. Aber die meisten verhalten sich wie Gentlemen und spülen ihren Ärger auf der Aftershow-Party hinunter.
SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von Leuten, die sich nicht für Autokultur interessieren und Oldtimer als eine Geldanlage betrachten und sie in Garagen bunkern?
Herrmann: Ich finde das entsetzlich, weil die Autos meiner Meinung nach gefahren werden müssen. Aber die Investoren suchen nach sicheren Anlagemöglichkeiten für ihr Geld und legen es oftmals lieber in einen Bugatti Royale als in Euro an. Mir gefällt diese Entwicklung nicht, aber sie lässt sich nicht aufhalten. Oldtimer halten ihren Wert eben sehr stabil, derzeit noch besser als Gold.
SPIEGEL ONLINE: Gleichzeitig verliert das Auto als Statussymbol aber auch an Bedeutung. Laut einer Studie machen in den USA heute nur noch 60 Prozent der jungen Erwachsenen ihren Führerschein, vor 30 Jahren waren es noch 80 Prozent.
Herrmann: Ich erlebe das auch in meiner eigenen Familie: Meine 16 Jahre alte Tochter mag Autos, sie interessiert sich sogar dafür, wie man Reifen wechselt. Aber sie macht sich eigentlich keinen Kopf darum, was sie mal fahren wird. Zu meiner Zeit als Schüler und Student wollte man sich unbedingt in einem Volvo oder VW Käfer blicken lassen, um als angesagt zu gelten.
SPIEGEL ONLINE: Welche großen Veränderungen haben Sie denn in Pebble Beach in den vergangen Jahren festgestellt?
Herrmann: Dass der Kommerz sehr stark Einzug gehalten hat. Die Automobilhersteller und Zulieferer haben schon lange erkannt, welches enorme Interesse solche Veranstaltungen erzeugen und wie wohlhabend die Teilnehmer sind. Also haben sie sich durch ein üppiges Sponsoring ihren Einfluss gesichert.
SPIEGEL ONLINE: Welche Konsequenzen hat das?
Herrmann: Die Atmosphäre hat sich verändert. Aus einem kleinen Treffen einiger Enthusiasten ist ein Massenereignis geworden. Für ausführliche Gespräche mit Leuten, die von Autos fasziniert sind, bleibt kaum Zeit.
SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von Oldtimern, die nach der Restaurierung wie frisch aus der Fabrik aussehen?
Herrmann: Ah, das alte Schreckgespenst Überrestaurierung Man sollte aus einem Auto nicht mehr machen, als es ist. Wer sein Fahrzeug zu krass aufhübscht, steht schnell im Verdacht, eine Trailerqueen zu sein. Das sind Sammler, die ihre Oldtimer in Anhängern von Show zu Show umherkutschieren und gerade mal so viel Benzin in den Tank füllen, um die paar hundert Meter zum Ausstellungsplatz rollen zu können.
SPIEGEL ONLINE: Teilen die Organisatoren ihre Meinung?
Herrmann: Ja, Überrestaurierungen schmälern den Wert eines Fahrzeugs heute eher. Ein poliertes Fahrgestell hat schließlich nichts mehr mit dem Originalzustand zu tun. In Pebbles Beach gibt es deswegen auch einen Preis für das beste unrestaurierte Auto. Und es wird eine 50-Meilen-Tour veranstaltet, auf der die Autos richtig ausgefahren werden.
SPIEGEL ONLINE: Wie oft kommt es vor, dass jemand diese Ausfahrt bereut, weil sein Auto dabei Schaden nimmt?
Herrmann: Das kann durchaus passieren. Ich erinnere mich daran, dass ein Rolls-Royce mal ein Rad verloren hat, weil es offenbar nicht ordentlich an der Achse befestigt war. Der Fahrer war ein Auktionator, der Wagen gehörte ihm nicht. Der Mann betreibt nebenbei ein Bestattungsinstitut. Er drückte dem Chef-Mechaniker also seine Visitenkarte in die Hand und sagte: 'Wen auch immer du wegen dieses Fehlers killen musst - bring ihn zu mir, ich beerdige ihn dann'.
SPIEGEL ONLINE: Die Mechaniker scheinen ja ein dickes Fell zu benötigen.
Herrmann: Bei der Ausfahrt sieht man hin und wieder mal dichten Qualm aus teuren Motoren aufsteigen. Und daneben stehen Besitzer mit roten Köpfen, die ihre armen Mechaniker anbrüllen.
SPIEGEL ONLINE: Wagen Sie für uns einen Blick in die Zukunft des Concours d'Elegance: Welche Autos werden 2050 in Pebble Beach gezeigt werden?
Herrmann: Der eine oder andere Klassiker aus den Baujahren zwischen 2000 und 2010 wird zu finden sein. Ich schaue gerade aus dem Hotelfenster und sehe dort einen Mercedes SLK. Der könnte dazugehören. Die Modelle aus den Vorkriegsjahren werden aber trotzdem nicht an Faszination verlieren. Jedes neue Kia-Modell ist technisch gesehen einem 1932er Packard völlig überlegen. Trotzdem haben die alten Autos einen romantischen Charme, an den moderne Fahrzeuge nicht herankommen. Das liegt einfach an der Geschichte und der Formschönheit der Oldtimer. Und irgendwie habe ich so meine Zweifel, ob moderne Autos diesen Charme jemals erreichen werden.
Das Interview führte Christoph Stockburger

