18.11.2012
Autogramm Seat Leon
Kompakter mit Charakter
Von Tom GrünwegDer erste Eindruck: Vorsicht, scharf! Wer den neuen Seat Leon nicht nur mit Blicken, sondern mit den Fingern abtastet, hat das Gefühl, an manchen Kanten der Karosserie etwas vorsichtiger sein zu müssen, so schneidig wirken die. Dazu erinnern die LED-Signaturen der Scheinwerfer an spitze Scherben.
Das sagt der Hersteller: Seat-Chef James Muir feiert den Leon als "Beginn einer neuen Ära" und spricht vom besten Auto, das die Spanier je gebaut haben. Es vereine wie kein anderes Modell in der Palette des Herstellers die Leidenschaft der Südländer und die Ingenieurskunst des deutschen Großkonzerns. Damit hat Muir wahrscheinlich sogar recht. Aber muss man das gleich in den selten dämlichen Markenclaim "Enjoyneering" pressen?
Das ist uns aufgefallen: Wo der VW Golf auf der Suche nach dem Durchschnittsgeschmack den nüchternen Biedermann gibt, ist der Leon so etwas wie sein Bruder mit Gefühl: Man sieht ihm aus jedem Blickwinkel die Leidenschaft an, mit der Design-Chef Alejandro Mesonero den Fünftürer gezeichnet hat.
Außerdem fährt der Leon so gut, wie er aussieht, federt ruhig und entspannt auch über schlechte Straßen und poltert nicht mehr so knochentrocken über die Bodenwellen wie früher. Der Dieselmotor unseres Testwagens bleibt auch bei hohen Drehzahlen flüsterleise, und wenn bei flotterer Gangart nicht die lästigen Windgeräusche am Spiegel auffallen würden, könnte man sich glatt in einer Limousine der gehobenen Mittelklasse wähnen.
Sobald man allerdings auf die Landstraße wechselt, zeigt der eben noch so gediegene Leon ein anderes Gesicht. So fühlt es sich also an, wenn der brave Golf plötzlich einen feurigen Flamenco tanzt. Mit den nahezu identischen Komponenten hat Seat irgendwie das viel leidenschaftlichere Auto gebaut als VW.
Was noch auffällt am neuen Leon, ist der deutliche Abstand zum Golf bei der Gestaltung des spürbar geräumigeren Innenraums. Auf der einen Seite ist das sehr angenehm, weil man bis auf ein paar einzelne Schalter wie den für die Scheinwerfer oder die Klimaregelung keinerlei Parallelen zum Millionenseller aus Wolfsburg findet und sich die Spanier auch beim Interieur ein bisschen mehr Lust und Leidenschaft erlaubt haben.
Deshalb hat die Armaturentafel bei Seat ein wenig mehr Schwung und das Ambiente ein bisschen mehr Pepp als bei VW. Aber auf der anderen Seite leidet der Leon auch, weil er nicht an die Qualitätsanmutung und die Noblesse des Golfs herankommt. Zwar hat Entwicklungsvorstand Matthias Rabe recht, wenn er von einem riesigen Schritt zum letzten Modell spricht - die neuen Instrumente zum Beispiel sind tatsächlich eine Augenweide.
Aber die Kunststoffrähmchen und Zierleisten wirken weniger wertig als bei VW, und der kleine, pixelige Touchscreen in der Mittelkonsole passt nicht so recht zur Generation iPhone. Aber dafür ist der Seat auch 2500 Euro billiger als der vergleichbare VW.
Das muss man wissen: Für die spanische Marke aus dem VW-Konzern ist der Leon ein Schicksalsmodell; wenn es wieder kein Bestseller wird, könnten im Seat-Stammwerk Martorell vielleicht die Lichter ausgehen. Der Leon startet nicht in Spanien, sondern kommt Ende November zuerst in Deutschland in den Handel.
Hier gibt es das Auto mittelfristig mit vier Dieselmotorisierungen von 90 bis 184 PS und fünf Benziner-Varianten, die eine Leistungsspanne von 86 bis 180 PS abdecken. Selbst der langsamste Leon schafft 178 km/h, der schnellste kommt auf 229 Sachen.
Durch die Leichtbautechnik des modularen Querbaukastens, die fast durchgängig verfügbare Start-Stopp-Automatik, ein rekuperatives Bremssystem und neue oder optimierte Motoren geht der Verbrauch um bis zu 22 Prozent zurück. So verbraucht der sparsamste Leon jetzt nur noch 3,8 Liter, und die Benziner bleiben deutlich unter sechs Liter - das alles natürlich in der Theorie des Normzyklus. Später soll es auch noch einen Spardiesel mit 3,3 Litern Verbrauch geben. Außerdem sollen ein Erdgasmodell, eine Cupra-Sportvariante sowie ein Modell mit Allradantrieb folgen.
Auch bei den Karosserievarianten werde es Nachschub geben, sagt Firmenchef Muir. Im Frühjahr kommt ein noch sportlicher designter Dreitürer, und im Herbst gibt es erstmals bei Seat einen kompakten Kombi. Mit allen drei Varianten will Muir eine Jahresproduktion von 200.000 Autos erreichen. Das wären mehr als doppelt so viel wie die 80.000 Leon, die Seat zuletzt pro Jahr fertigte.
Allein auf das neue Design, die bessere Technik, die größere Variantenvielfalt und das ominöse Enjoyneering will sich Seat beim Leon allerdings nicht verlassen. Damit der Schuss auch wirklich sitzt, wurde auch am Preis gefeilt: Das Einstiegsmodell kostet 15.390 Euro und ist damit 200 Euro billiger als bislang.
Das werden wir nicht vergessen: Die strahlenden Augen der Seat-Leute, wenn sie über den neuen Leon sprechen. Die Spanier wissen, dass sie mit diesem Auto einen großen Schritt nach vorn gemacht haben - und zeigen das auch ganz selbstbewusst.

