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19.12.2012
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Umweltschädliche Substanz für Klimaanlagen

Daimler riskiert Strafe im Kältemittel-Streit

Daimler

Klimaanlage: Die Bedieneinheit der Fahrzeugkühlung in einem Mercedes

Daimler weigert sich, das Kältemittel R 1234yf einzusetzen. Ab 2013 ist die Verwendung der Substanz für Klimaanlagen laut EU-Vorschrift jedoch Pflicht. Die Sicherheitsbedenken, mit denen die Stuttgarter ihre Haltung begründen, werden angezweifelt. Trotzdem will der Konzern eine Geldstrafe riskieren.

Wie geht es weiter im Streit um Kältemittel für Klimaanlagen? Die EU schreibt ab 2013 die Substanz mit dem sperrigen Namen R 1234yf vor. Doch Daimler hält dieses Mittel für hochgefährlich und will es nicht in den Fahrzeugen der A- und B-Klasse einsetzen. Bei simulierten Unfällen soll sich nach Angaben des Stuttgarter Herstellers R1234yf im Motorraum entzündet haben und ein schädliches Gas freigesetzt worden sein.

Daimler riskiert mit dem Schritt möglicherweise eine saftige Strafe. Denn die EU verpflichtet die Autoindustrie dazu, nur noch solche Kältemittel zu verwenden, die maximal 150-mal so klimaschädlich sind wie CO2. Das gilt für R 1234yf - nicht aber für das Mittel R 134a, das Daimler derzeit verwendet und an dem die Schwaben festhalten wollen.

"Aus unserer Sicht geht Sicherheit vor Klimaschutz", sagte ein Konzernsprecher am Mittwoch. Auch andere Hersteller treibt die Kühlmittel-Frage um. So hatte Hyundai das neue Mittel zwischenzeitlich in seinem i30 verwendet - ob der Konzern es auch 2013 benutzt, ist laut einer Sprecherin noch offen.

Um Sanktionen abzuwenden, die nach einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" bis hin zur Aberkennung der Typgenehmigung führen könnten, machen vor allem Daimler und der Branchenverband VDA Druck bei der Politik. Ihr Ziel: Eine Ausnahmegenehmigung für das alte Kältemittel R134a zu verlängern, die am 31. Dezember ausläuft. Man sei zuversichtlich, zu einer Einigung zu kommen, heißt es bei Daimler. Mindestens sechs Monate will die Branche so herausschlagen. Sollte dies nicht gelingen, wären Autos, deren Typgenehmigung nach dem 1. Januar 2011 erfolgte, nach Angaben des Kraftfahrtbundesamts nicht "genehmigungskonform".

Zweifel an den Daimler-Tests

Ob das neue Mittel tatsächlich so gefährlich ist wie Daimler behauptet, bezweifeln manche Experten. So hat etwa der weltweite Verband der Automobilingenieure (SAE) den angeblich gefährlichen Stoff erneut untersucht - und Entwarnung gegeben. Das Fazit der Prüfer: R 1234yf ist für den Einsatz im Pkw sicher.

Dass es bei dem Boykott in Wahrheit nur um Geld geht, bestreitet man bei Daimler. Man habe für die Umstellung auf R 1234yf bereits viel in die Umrüstung von Werken und Maschinen investiert, sagt ein Sprecher. So käme eine Abkehr womöglich teurer als ein Festhalten an dem neuen Mittel. Wolfgang Lohbeck von der Umweltorganisation Greenpeace weist dagegen darauf hin, dass "ein Kilogramm R134a zwischen fünf und zehn Euro, ein Kilogramm des neuen R1234yf aber mindestens 150 Euro kostet". Rund 650 Gramm benötigt Daimler nach eigenen Angaben für eine Klimaanlage. Das wären also rund 100 Euro Differenz.

Und Umweltschützer Lohbeck hat noch einen zusätzlichen Punkt, der aus Sicht der Autobranche gegen das neue Produkt sprechen dürfte: Während das Patent für R 134a bereits abgelaufen ist, wird der Nachfolger R 1234yf lediglich von einem Gemeinschaftsunternehmen der US-Hersteller Dupont und Honeywell angeboten. Die hätten damit ein Monopol und könnten die Preise weitgehend frei bestimmen.

Greenpeace fordert die komplette Abkehr von Kältemitteln, die wie R 134a und R 1234yf mit Fluorkohlenwasserstoffen (FKW) arbeiten - und bringt stattdessen eine Kühlung mit CO2 ins Spiel. Diese Technologie stand bereits vor einigen Jahren kurz vor der Serienreife. Der Branchenverband VDA sprach sich schon im September 2007 für die CO2-Kühlung aus und bekam sogar Beifall von den Umweltschützern. Doch am Ende schwenkte die Industrie auf die FKW-Variante um. Wohl vor allem auf Druck aus den USA, wie es heißt.

Daimler und VW in einem Boot

Aber nun will nicht nur Daimler die CO2-Kühlung wieder auspacken. "Wir schauen uns alle Optionen an", sagte der Sprecher. Dazu gehöre auch CO2. Allerdings müssten für eine Umrüstung noch mehrere technische Aspekte geklärt werden. So arbeiteten CO2-Klimaanlagen mit ganz anderen Druckverhältnissen. Auch dürfe die CO2-Konzentration im Wageninneren nicht zu hoch werden.

Aus Wolfsburg hört man ähnliche Töne: VW-Chefaufseher Ferdinand Piëch erklärte CO2 kürzlich zum "richtigen Kältemittel". Bis das komme, werde man aber weiter auf das alte R134a setzen. Durch einen cleveren Schachzug hat VW nicht den Zeitdruck wie Daimler: Denn die EU-Regel gilt vorerst nur für Autos, die ihre Typzulassung nach dem 1. Januar 2011 bekamen. Dazu gehören zwar Daimlers A- und B-Klasse - nicht aber Volkswagens Golf 7, der noch mit R134a zugelassen wurde. Er fällt erst 2017 unter die EU-Richtlinie.

rom/dpa-AFX

Forum

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insgesamt 9 Beiträge
1.
morlakar 20.12.2012
Wieso wieder so unpräzise? Der SPON hat doch auch schon mehr Details hier preisgegeben. R1234yf ist leicht entzündlich und bei der Verbrennung entsteht Flusssäure. Irgendwo ist es auch nachvollziehbar das der [...]
Wieso wieder so unpräzise? Der SPON hat doch auch schon mehr Details hier preisgegeben. R1234yf ist leicht entzündlich und bei der Verbrennung entsteht Flusssäure. Irgendwo ist es auch nachvollziehbar das der Kühlmittelkreislauf durch einen Unfall leckt. Das es im Motorraum genügend heiße Teile gibt sollte auch jeder wissen. Wenn wir jetzt noch drüber nachdenken wo die Klimaanlage die Frischluft ansaugt und wo die hingeleitet wird, sollte jedem klar sein warum dieses Zeug ne dumme Idee ist. Zumindest wenn man weiß wie Flusssäure auf Menschen wirkt.
2. monopol
thseeling 20.12.2012
da war wohl intensive Lobbyarbeit im Spiel, und die Gefährlichkeit wurde auch vorher schon diskutiert. Die Autoindustrie wollte aber wegen der Kosten der Umstellung lieber R1234yf, weil für CO2 stabilere Druckleitungen und [...]
da war wohl intensive Lobbyarbeit im Spiel, und die Gefährlichkeit wurde auch vorher schon diskutiert. Die Autoindustrie wollte aber wegen der Kosten der Umstellung lieber R1234yf, weil für CO2 stabilere Druckleitungen und einige andere technische Änderungen nötig gewesen wären. CO2 ist aber bei Unfällen mit Lecks natürlich wesentlich unkritischer (abgesehen vom hohen Druck).
3. Handtellergrößer
dr.edi 20.12.2012
veräzter Fleckt mit Flusssäure = Exodus. Ganz nettes Zeug diese Flusssäure. Kein Feuerwehrmann traut sich mehr an so eine Karre ohne ABC Schutzausrüstung. Ich weiß nicht was alle immer mit dem Druck haben. Es fahren heute [...]
veräzter Fleckt mit Flusssäure = Exodus. Ganz nettes Zeug diese Flusssäure. Kein Feuerwehrmann traut sich mehr an so eine Karre ohne ABC Schutzausrüstung. Ich weiß nicht was alle immer mit dem Druck haben. Es fahren heute zig Autos mit Gastanks spazieren die 200Bar belastet sind. Wir reden ich von nicht mal einem Liter Füllungsvolumen. Auch Propan wäre eine sinnvolle Kältemittelalternative.
4. optional
Medienkenner 20.12.2012
Es gibt tödliche Risiken im Falle von Verkehrsunfällen, in die Fahrzeuge mit "1234yf" verwickelt sind. Wie oft entsteht ein Brand im Motorraum eines Fahrzeuges? Wie oft werden durch Unfälle mit Blechschäden [...]
Es gibt tödliche Risiken im Falle von Verkehrsunfällen, in die Fahrzeuge mit "1234yf" verwickelt sind. Wie oft entsteht ein Brand im Motorraum eines Fahrzeuges? Wie oft werden durch Unfälle mit Blechschäden Leitungen und Verbindungen beschädigt, wie oft treten dabei Flüssigkeiten aus? Wenn "1234yf" verbrennt, kann Flussäure entstehen. Das hat eine Untersuchung der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) im Auftrag des Umweltbundesamtes bestätigt. Fluorwasserstoffsäure ist extrem tückisch. Die farblose Flüssigkeit, auch Flusssäure genannt, kann schwere Verätzungen verursachen, wird über Haut und Schleimhäute rasch aufgenommen, kann bis in den Knochen dringen und dort ohne ein äußeres Zeichen das Gewebe zersetzen. Schmerzen setzen erst Stunden später ein - für Hilfemaßnahmen zu spät. Weil die Fluorionen im Körper mit Calcium und Magnesium reagieren, bringen sie den Stoffwechsel des Körpers durcheinander: Leber und Niere können geschädigt werden, es kann zu Kammerflimmern kommen. Schon kleine Mengen können einen Menschen töten. Es ist offensichtlich, daß im Falle eines Verkehrsunfalles sich niemand mehr dem "1234yf-Fahrzeug nähern kann, ohne ein möglicherweise tödliches Risiko einzugehen. Auch Rettungskräfte würden aufwendige Schutzmaßnahmen (Schutzanzüge, Atemmasken) benötigen, um sich diesem Risiko nicht auszusetzen. Bei "1234yf" und seinen tödlichen Nebenwirkungen geht es um Milliarden-schwere Interessen der Chemieindustrie. Milliarden könnte diese nämlich verlieren, wenn ihr Markt für Pkw-Kältemittel zusammenbricht. Deshalb wurde der Nachfolger "1234yf" präsentiert. Dieser kann einfach in die alten Klimaanlagen eingefüllt werden. Mit tödlichem Risiko.
5. flusssäure
brain0naut 20.12.2012
da schreibt SPON einige tage vorher einen aufklärenden artikel mit vorstellung einer klimaanlage, die sogar komplett auf kältemittel verzichten kann, und nun wird in diesem hier noch nicht mal mehr ERWÄHNT, daß es sich bei [...]
Zitat von sysopDaimlerDer Autokonzern Daimler weigert sich, das von der EU vorgeschriebene Kältemittel R 1234yf einzusetzen. Ab Anfang 2013 muss es jedoch in Klimaanlagen neuer Autos eingesetzt werden. Damit riskiert der Stuttgarter Hersteller möglicherweise eine Geldstrafe. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/daimler-riskiert-strafe-im-kaeltemittel-streit-a-873895.html
da schreibt SPON einige tage vorher einen aufklärenden artikel mit vorstellung einer klimaanlage, die sogar komplett auf kältemittel verzichten kann, und nun wird in diesem hier noch nicht mal mehr ERWÄHNT, daß es sich bei dem "gefährlichen gas", daß bei der verbrennung von R1234yf (geschweige denn überhaupt weiter die BRENNBARKEIT des stoffes thematisiert) entsteht, es sich um flusssäure handelt, einer der gefährlichsten und tödlichsten stoffe überhaupt: Flusssäure (http://de.wikipedia.org/wiki/Flusss%C3%A4ure) auch quasi kein wort in diesem artikel über die allgemeine ablehnung von R1234yf durch sämtliche umweltverbände; sollte das jetzt die gegenposition zu diesem artikel Daimler schert aus Industrie-Vereinbarung für neues Kältemittel aus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/daimler-schert-aus-industrie-vereinbarung-fuer-neues-kaeltemittel-aus-a-857835.html) hier sein, oder was soll das? man kann daimler eigentlich nur dankbar für die harte haltung gegenüber R1234yf sein, besser spät als nie.

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