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15.01.2013
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Plasberg-Talk

Ganz schön out, die Autofahrer

Von
Oliver Ziebe / WDR

Für Deutsche war das Auto einst Lustobjekt, Statussymbol, Wirtschaftsfaktor. Doch die Zeiten ändern sich, die junge Generation kann mit dem Kult ums heilige Blech nicht mehr viel anfangen. Bei ARD-Talker Plasberg trafen nun Autofahrer auf Autogegner - ein viel zu schlicht gestricktes Konstrukt.

Sie ernten im besten Falle ein verständnisloses Lächeln, höfliches Desinteresse und nicht selten auch höhnische Kommentare, wenn sie von ihrem Hobby erzählen - passionierte Autofahrer entwickeln sich allmählich zu den Außenseitern vom Dienst. In Umfragen gelten sie als aussterbende Spezies, abgelöst von Großstadt-Indianern, die eigentlich nicht mehr brauchen als ihr Smartphone und einen Latte Macchiato. Glaubt man den Demoskopen, dann ist das Auto auf dem besten Wege, eine Art Antistatus zu entwickeln, wie McDonald's oder Club-Med-Urlaub.

Im Fernsehen liefern eigentlich nur Spartenkanäle ganze Sendungen rund ums Auto - solche, die auf der Fernbedienung ganz unten in der Senderliste abgespeichert sind. Vorbei die Zeiten, in denen die neue Limousine schnell zum Gesprächsthema der ganzen Straße wurde, kommentiert mit einem gerüttelt Maß Neid.

Wenn die ARD sich dem Thema Auto widmet, dann getarnt als Markencheck des Großkonzerns ADAC, jenes Autoclubs, der mit 18 Millionen Mitgliedern das derzeit bei weitem am besten organisierte Netzwerk der Republik darstellt. Als Tester und Gelbe Engel bekommt der Club sogar gute Noten von den Rechercheuren. Aber die Mitglieder sind in ihren Augen nicht mehr als Stimmvieh. Obwohl knapp die Hälfte von ihnen ein Tempolimit durchaus befürwortet, stemmen sich die Altvorderen mit aller Macht dagegen. Vertrauen? Nein, das habe der Club nicht verdient, resümieren die Journalisten.

Dass die ARD den Autofahrer für recht schlicht gestrickt hält, lässt sich auch an der Talkrunde von Frank Plasberg ablesen, die am Montagabend im Anschluss an den großen Markencheck lief. "Blitzer, Steuern, City-Maut - freie Fahrt nur für reiche Bürger?", hieß der Titel der Sendung, was durchaus Stoff für eine hochpolitische Diskussion hätte liefern können, um die Verteilung von Ressourcen oder die Übergriffigkeit des Staates.

Führerschein-Neuling und Porsche-Fahrer

Die Gästeliste bot sogar Anlass zur Hoffnung auf eine lebhafte Debatte: Auf der einen Seite Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer und die Berliner Autohausbesitzerin Heidi Hetzer als Vertreterin der "Freie Fahrt für freie Bürger"-Fraktion, auf der anderen Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer und der Journalist Manuel Andrack, ehemals Beisitzer von Harald Schmidt, als Vertreter der "Das Auto ist doch von gestern"-Fraktion. Dazwischen der RTL-Moderator Kai Ebel, der sich lässig lächelnd als Besitzer eines Porsche Cayenne vorstellen ließ.

Doch allzu kompliziert wollte man es für die Zuschauer dann nicht machen. Komplexere Sachverhalte als das Verhältnis von Rasern und Richtgeschwindigkeitsfahrern auf der Autobahn (Andrack: "Ich fühle mich bedrängt, wenn von hinten einer dicht auffährt und die Lichthupe betätigt") wären wohl zu schwierig gewesen. Zwischendurch bissen sich Palmer und Ramsauer ein bisschen, es ging um die Frage, ob denn der Bund den Gemeinden erlauben darf, eine City-Maut einzurichten. ("Fällt nicht in seine Regelungskompetenz", sagt Ramsauer. "Muss er endlich regeln", fordert Palmer). Und weil das eher Feinheiten des Staatsrechts betrifft, wollte Plasberg auch nicht weiter darüber reden.

Auch die anderen drei gaben munter erwartbare Statements ab. Andrack demonstrierte Desinteresse und schien zeitweise sogar stolz auf seine Ahnungslosigkeit, Ebel konnte nicht verstehen, warum man nicht dort schnell fahren dürfen sollte, wo es niemanden gefährdet, Hetzer schließlich lobte die Ampelstarttalente ihres Opel Ampera. Und alle drei versicherten gleich mehrfach, dass sie nie vor einer Schule oder in der Nähe eines Blindenheims rasen würden. Nicht ein Gedanke, der in der Sendung formuliert wurde, war neu oder auch nur irgendwie anders, originell oder gar witzig.

Schenkelklopfer aus dem Archiv

Die einzigen Farbtupfer in der grauen Ödnis setzte Frau Hetzer. Die 75-Jährige plauderte ein wenig aus dem Nähkästchen ("Ich nehme Fahrstunden, um ein paar Punkte abzubauen") und stichelte mit Berliner Charme gegen Blitzer im Dienste der Staatskasse und Regelungswut der Politik. Weit weniger Distanz zu sich selbst bewies Ex-Entertainer Andrack, der eher zähneknirschend als freimütig seine gering ausgeprägten Fahrkünste einräumte. Der Arme musste auch für den Schenkelklopfer am Ende der Sendung herhalten: Ein Kurzbeitrag über seine harte Zeit in der Fahrschule, die er erst vor kurzem absolviert hatte.

Das belanglose Geplänkel wurde allenfalls noch von einem der berüchtigten Einspieler in den Schatten gestellt. Die Redaktion hatte dafür einen "7. Sinn" aus den achtziger Jahren ausgegraben und ihm eine kleine aktuelle Straßenumfrage gegenübergestellt. Der "7. Sinn" lieferte damals im Abendprogramm nach dem Krimi ein paar Tipps und Tricks für gutes Autofahren. In der gezeigten Folge kamen einige Autofahrer zu Wort, die sich recht unverblümt zu den Fahrtalenten von Frauen äußerten. Zur erkennbaren Freude der Filmemacher lieferten die Herren der Schöpfung auch bei der aktuellen Umfrage die gleichen albernen Sprüche.

Mehr also schien das Team von Plasberg dem Publikum an intellektueller Anspannung nicht zumuten zu wollen. Schade eigentlich. Es gibt nämlich nicht wenige Autofahrer, die der Frage gerne auf den Grund gehen würden, wie sich das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Auto inzwischen darstellt. Und warum es, in Gottes Namen, denn blöd ist, Autos gut zu finden.

Forum

Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 181 Beiträge
1.
strauch 15.01.2013
Der letzte Satz klingt nach beleidigtem Redakteur, wurde der gute Michael Kröger ins Unrecht gestellt und findet Autos gut und das geht heute nicht mehr und hat eine Antwort auf sein persönliches Dilemma in der Sendung erwartet? [...]
Der letzte Satz klingt nach beleidigtem Redakteur, wurde der gute Michael Kröger ins Unrecht gestellt und findet Autos gut und das geht heute nicht mehr und hat eine Antwort auf sein persönliches Dilemma in der Sendung erwartet? Ich hab die Sendung nicht gesehen. Ich habe kein Auto, ich brauch auch kein Auto, aber ich mag auch Autos. Was wer gut findet sei jedem selbst überlassen. Ich fahre lieber auf Ausländischen Autobahnen als auf deutschen, ich finde das entspannter. Aber da ich eh selten Auto fahre, ist mir das auch egal was die Deutschen auf Ihren Autobahnen veranstalten..... Was gibts eigtl. neues von der Bahn?
2. ist doch super
Luke1973 15.01.2013
wenn Autos nicht mehr so in sind. Dann wird die AB wenigstens wieder etwas leerer und man kann nochmal so richtig Gas geben!
wenn Autos nicht mehr so in sind. Dann wird die AB wenigstens wieder etwas leerer und man kann nochmal so richtig Gas geben!
3. ist doch super
Bengurion 15.01.2013
wenn Autos nicht mehr so in sind und damit endlich eine Höchstgeschwindigkeit von 120/130 km/h auf Autobahnen durchgesetzt werden kann. Dazu die Strafen für deutlich überhöhte Geschwindigkeit drastisch erhöht werden bis hin [...]
Zitat von Luke1973wenn Autos nicht mehr so in sind. Dann wird die AB wenigstens wieder etwas leerer und man kann nochmal so richtig Gas geben!
wenn Autos nicht mehr so in sind und damit endlich eine Höchstgeschwindigkeit von 120/130 km/h auf Autobahnen durchgesetzt werden kann. Dazu die Strafen für deutlich überhöhte Geschwindigkeit drastisch erhöht werden bis hin zum strafbewehrten Versuch der schweren Körperverletzung. Damit die Einnahmen aus Geschwindigkeitsvergehen nicht sinken. Dafür haben dann die Leute, die nochmal so richtig Gas geben wollen, zu sorgen.
4.
saschad 15.01.2013
Andracks Auftritt war irgendwie leicht bizarr, oder? Wäre die Sendung auf RTL gelaufen, hätte ich an scripted reality geglaubt als er schließlich verkündete "in der Fahrschule habe ich gelernt, dass rechts-vor-links auch für [...]
Andracks Auftritt war irgendwie leicht bizarr, oder? Wäre die Sendung auf RTL gelaufen, hätte ich an scripted reality geglaubt als er schließlich verkündete "in der Fahrschule habe ich gelernt, dass rechts-vor-links auch für Radfahrer gilt". Aber wenigstens hat er aufs Neue meine These bestätigt, dass die meisten Gehwegradler dies aus falsch verstandenem Sicherheitsempfinden tun. Ein wenig Aufklärung täte da gut...
5. Standpunkt
flachlandgebirge 15.01.2013
Autos sind zwar nicht mehr die Statussymbole die sie mal waren, aber als Fortbewegungsmittel sind sie aber immer noch ganz brauchbar...
Autos sind zwar nicht mehr die Statussymbole die sie mal waren, aber als Fortbewegungsmittel sind sie aber immer noch ganz brauchbar...
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