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16.01.2013
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Detroit Auto Show

Amerika im Größenwahn

Aus Detroit berichtet
DPA

Der amerikanische Automarkt boomt - und die Autohersteller folgen dem Geschmack der breiten US-Käuferschaft. Statt innovativer Spritsparmobile werden auf der Detroit Auto Show in erster Linie alte Tugenden gefeiert: Luxus und Leistung.

Kleinwagen statt Pick-up und Akku statt Achtzylinder? Von derlei neumodischen Ideen haben sich die US-Amerikaner wieder verabschiedet. Diesen Eindruck gewinnt man zumindest auf der gerade eröffneten Autoshow in Detroit, der größten Pkw-Messe der USA. Kaum eine der rund zwei Dutzend Weltpremieren, die dort gefeiert werden, gibt einen innovativen Trend vor. Stattdessen wird vor allem der Geschmack der breiten US-Käuferschaft bedient. Und die mag es nun einmal groß und stark.

Besonders die US-Hersteller, die zuletzt wieder steigende Absatzzahlen vermelden konnten, sorgen in Detroit mit Heavy Metal für Schlagzeilen. Beispiele dafür sind die neue Corvette, deren siebte Modellgeneration am Montag debütierte, genauso wie die Lincoln-Geländewagen-Studie MK C oder der rundum überarbeitete Jeep Grand Cherokee.

Außerdem sind da ja noch die Pick-up-Trucks, die als moderne Interpretation des Planwagens ähnlich tief in der amerikanischen Volksseele verankert sind wie Burger und Baseball. In den vergangenen Jahren waren die Pritschenwagen in den Keller des Cobo-Centers in Detroit verbannt, jetzt stehen sie plötzlich wieder mitten im Rampenlicht.

Mit einer gründlichen Modellpflege für den Chevrolet Silverado und einer Studie des nächsten Ford F-150 beginnt etwas, das die US-Kommentatoren freudig "Battle of Trucks" nennen und mit Kriegsmetaphern beschreiben. Denn Silverado und F-150 zusammen sind mit mehr als einer Million Neuzulassungen pro Jahr für die Amerikaner noch wichtiger als hierzulande VW Golf und Opel Astra.

Die deutschen Hersteller geben nur allzu gerne Vollgas

Die europäischen und vor allem die deutschen Hersteller profitieren allerdings auch vom Stimmungswechsel in der Motor City und bedienen geradezu euphorisch die wieder erwachte Lust an Luxus und Leistung. In den Reden der Herren Zetsche, Winterkorn oder Stadler tauchen zwar irgendwo auch noch die Vokabeln Intelligenz und Effizienz auf, doch die Realität sieht anders aus.

Bei der Weltpremiere der überarbeiteten E-Klasse bollert als Höhepunkt der E 63 AMG auf die Bühne, ein 585-PS-Bolide, der als stärkste E-Klasse aller Zeiten gefeiert wird. Nebenan bei Audi dreht sich alles um den 560 PS starken RS7 und den aufgemotzten Geländewagen SQ5 mit einem 354 PS starken V6-Benziner; Porsche feiert die Premiere des 550 PS starken Cayenne Turbo S und auch das seriennahe Konzept des BMW 4ers, der im Herbst das 3er-Coupé beerben soll, ist nicht gerade ein zurückhaltendes Vernunftauto.

VW beteiligt sich auf andere Art an diesem Wettrüsten. Die Wolfsburger verzichten auf PS-Orgien, lassen sich aber voll auf den US-Geschmack ein. Nachdem für den US-Markt bereits ein eigener, größerer Passat aufgelegt wurde, der sich verkauft wie geschnitten Brot, soll demnächst ein SUV im Großformat folgen. Cross-Blue heißt die Studie, die mit knapp fünf Metern Länge deutlich größer ist als der Touareg. Das Serienmodell wird in wohl spätestens drei Jahren als siebensitzige Familienkutsche auf den Markt kommen und das Boom-Segment der Midsize-SUV bedienen.

Die florierende Automarkt in den USA lässt aber auch die asiatischen Hersteller wieder frohlocken. In Detroit jedenfalls präsentieren sie sich stark wie schon lange nicht mehr. Dass Kia und Hyundai groß auffahren, ist inzwischen normal. Diesmal punkten aber auch die Japaner: Honda etwa mit einem attraktiven und schon für die Serie freigegebenen Stadtgeländewagen, Toyota mit einem mutigen Entwurf für den nächsten Corolla, Lexus mit dem neuen IS und Infiniti mit dem Modell Q50 - so viele Neuheiten aus Nippon waren in Detroit zuletzt selten zu sehen.

Ein bisschen Spritsparen ist dann doch erwünscht

Der anhaltende Erfolg japanischer Hersteller ist ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass sich die zwischenzeitliche Kurskorrektur des US-Automarktes in Richtung Nachhaltigkeit noch nicht ganz erledigt hat - genau wie auch kleine Details, die im Getöse der Messe aber untergehen.

So zählt bei den Pick-up-Trucks zum Beispiel nicht mehr nur Leistung und Zugkraft, sondern auch der Verbrauch. Der Ram 1500 aus dem Chrysler-Konzern wurde dank seiner Spritspartechnik zum "Truck of the Year" gewählt. Die E-Klasse gibt es, erstmals in den USA, auch mit Vierzylindermotor; die SUV-Studie aus Wolfsburg ist mit einem Diesel-Hybridantrieb bestückt; der geliftete Jeep Grand Cherokee wird jetzt auch in Amerika mit Dieselmotor angeboten und der neue V8-Motor der Corvette verfügt über eine Zylinderabschaltung. Das sind zwar nur kleine Schritte, führen aber wenigstens in die richtige Richtung.

Nur beim Thema Elektroauto ist die Luft völlig raus. Der Cadillac ELR, eine Art Luxusvariante der Hybrid-Zwillinge Opel Ampera und Chevrolet Volt, ist zwar eine Messeneuheit, findet aber nur wenig Beachtung. Das Elektroauto Nissan Leaf wird jetzt auch in den USA gebaut; außerdem wurde der Preis um 20 Prozent gesenkt, so dass der Wagen jetzt in manchen US-Staaten nach Abzug der lokalen Förderungen für 18.800 Dollar angeboten wird. Wäre die Nachfrage groß genug, könnten sich die Japaner den krassen Rabatt sparen.

Noch eindrucksvoller demonstriert aber ein anderes Auto das Ende der E-Euphorie: der VL Destino. Der für eine Kleinserie vorgesehene Luxussportwagen ist nichts anderes als ein umgebauter Fisker Karma, bei dem der Elektroantrieb mit Range Extender durch einen uramerikanischen Motor ersetzt wurde, nämlich den 6,2 Liter großen V8 der auslaufenden Corvette ZR-1. Achtzylinder statt Akku - vor kurzem wäre man für solch ein Konzept noch an den Öko-Pranger gestellt worden.

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insgesamt 34 Beiträge
1. Spätrömische Dekadenz
dapmr75 16.01.2013
Mit USD 16.4 Billionen Staatsschulden, hoher struktureller Arbeitslosigkeit, ohne funktionierende Industriestrukturen und verfallender Infrastruktur fahren die Amerikaner in ihren lächerlichen Planwagen dem (Sonnen)Untergang [...]
Mit USD 16.4 Billionen Staatsschulden, hoher struktureller Arbeitslosigkeit, ohne funktionierende Industriestrukturen und verfallender Infrastruktur fahren die Amerikaner in ihren lächerlichen Planwagen dem (Sonnen)Untergang entgegen. Wann übernimmt wieder Intelligenz die Führung in der westliche Welt von den EU und US Politik-Versagern?
2. hmmm
VoiceOfReason 16.01.2013
interessanter satzbau, herr praktikant.
interessanter satzbau, herr praktikant.
3. 'Heavy Metal'
campyonly 16.01.2013
... im Zusammenhang mit der neuen Corvette? Wie schön, daß die Artikel hier von Fachleuten geschrieben werden! Schon die alte Corvette C6 war in der Z06-Ausführung in einem Test der Sport-Auto leichter, als ein zum Vergleich [...]
Zitat von sysopDer amerikanische Automarkt boomt - und die Autohersteller folgen dem Geschmack der breiten US-Käuferschaft. Statt innovativer Spritsparmobile werden auf der Detroit Auto Show in erster Linie alte Tugenden gefeiert: Luxus und Leistung. Messerundgang in Detroit: Die Trends und Neuheiten der Autoshow 2013 - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/messerundgang-in-detroit-die-trends-und-neuheiten-der-autoshow-2013-a-877577.html)
... im Zusammenhang mit der neuen Corvette? Wie schön, daß die Artikel hier von Fachleuten geschrieben werden! Schon die alte Corvette C6 war in der Z06-Ausführung in einem Test der Sport-Auto leichter, als ein zum Vergleich angetretener Porsche GT3-RS (!!!) und hat obendrein - trotz 'Heavy-Metal' V8 mit über 7L Hubraum WENIGER verbraucht. Von der neuen Corvette C7 weiß man noch nicht viel, aber zumindest, daß das Gewicht gegenüber der C6 durch den Einsatz eines Voll-Aluminium-Rahmens und Carbon-Bauteilen weiter gesenkt werden konnte und der Verbrauch z.B. durch Zylinderabschaltung und eine (Ja - das reicht durchaus - viele Wege führen nach Rom...) verstellbare Nockenwelle weiter gesenkt werden konnte. Im Vergleich mit der Corvette ist fast alles, was sich Sportwagen nennt und aus Deutschland kommt 'Heavy Metal'....
4. Abhängigkeiten
mori1982 16.01.2013
An diesem Beispiel sieht man schön, die wahren Gründe für den Ökoboom der letzten jahre, zumindest in Amerika. Durch die Finanzkrise musste der eigene Konsum nachhaktig geprägt sein, das Auto also möglichst sparsam. Jetzt wo es [...]
An diesem Beispiel sieht man schön, die wahren Gründe für den Ökoboom der letzten jahre, zumindest in Amerika. Durch die Finanzkrise musste der eigene Konsum nachhaktig geprägt sein, das Auto also möglichst sparsam. Jetzt wo es den Anschein macht, das es wieder Aufwärts geht mit der Wirtschaft (in Dtl ja für die 2. Jahreshälfte auch prognostiziert), da kann auch wieder zügelloser konsumiert werden. Nach meiner Meinung ging es in Amerika nie darum die Umwelt zu schonen, sondern nur den Geldbeutel. Jetzt kann man sich halt wieder die Spritschlucker leisten, da werden sie auch wieder gekauft. Die Hersteller bedienen nur die Nachfrage.
5. Lustig
hansmaus 16.01.2013
Sehr lustig das die Industrie mit erhobenem Zeigefinger für das verurteilt wird für was sie eigentlich da ist: das zu produzieren was der Verbraucher will. Da wird nach Politikern krakehlt, den Firmen ein Vorwurf gemacht [...]
Sehr lustig das die Industrie mit erhobenem Zeigefinger für das verurteilt wird für was sie eigentlich da ist: das zu produzieren was der Verbraucher will. Da wird nach Politikern krakehlt, den Firmen ein Vorwurf gemacht blablabla. Seht es ein Leute das ist Marktwirtschaft! In der DDR gabs solche "Probleme" nicht, da gabs das Auto was die Politik wünschte.....genau das sehenen sich anscheinend wieder viele herbei.

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