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18.01.2013
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Elektro-Umbauten in Detroit

Alles zurück auf Groß

Aus Detroit berichtet
Tom Grünweg

Selten zeigte sich die Orientierungslosigkeit auf dem Weg zur Elektromobilität so krass wie auf der Detroit Auto Show. Statt kluger Konzepte werden dort bizarre Projekte wie ein gigantischer Strom-Pick-up präsentiert - und ein Öko-Sportwagen gar zum Spritsäufer umgewandelt.

Auf den ersten Blick sieht der Via X-Truck aus wie der neue Dienstwagen von Rambo. Groß wie ein Lastwagen, lackiert in mattem Aluminium-Farbton und vorneweg mit martialischem Kühlergrill, passt der Pick-up eher auf das Filmset von Armageddon II als auf eine Automesse. Doch der X-Truck beeindruckt nicht nur durch seine schiere Größe, sondern auch durch ein modernes Innenleben. Denn unter dem Blechberg verstecken sich auf einem traditionellen Leiterrahmen Lithium-Ionen-Akkupakete und zwei Elektro-Maschinen mit einer Gesamtleistung von 804 PS.

"Wenn wir mit Strom Sprit sparen wollen, dann müssen wir bei den richtig durstigen Autos ansetzen", sagt Gabriel Hern. Er ist ein Sprecher des Herstellers, der die Idee zum Via vor etwa drei Jahren entwickelte. Der X-Truck ist übrigens lediglich ein Prototyp, der Aufmerksamkeit erregen soll. Neben dem Hingucker auf dem Messestand in Detroit stehen jedoch drei weitere Elektro-Umbauten: Der Pick-up Chevrolet Silverado, der auch als Basis für den X-Truck diente, der Geländewagen Chevrolet Suburban und ein Lieferwagen auf der gleichen Plattform. Und diese Autos möchte Via ab sofort verkaufen.

Die Technik der drei Typen ist identisch und orientiert sich am X-Truck - nur dass in der Serienversion lediglich ein Elektromotor mit einer Leistung von 402 PS zum Einsatz kommt. Weil der bei einem Fahrzeuggewicht von gut 2,5 Tonnen und einem Spitzentempo von beinahe 140 km/h die Akkus im Eiltempo leert und kein Mensch ein Auto mit weniger als 50 Meilen Reichweite kaufen würde, nutzt Via den originalen V6-Motor von Chevrolet als sogenannten Range Extender. Der treibt immer dann einen Generator an, wenn die Energie in den Batterien zur Neige geht. "So kommen wir zu einem Pick-up mit den Verbrauchswerten eines Toyota Prius", sagt Hern und nennt einen Normwert von 100 Miles per Gallon - umgerechnet nicht einmal drei Liter auf 100 Kilometer.

Die elektrische Allzweck-Waffe

Mit dem konventionellen Hilfsmotor steigt nicht nur die Reichweite auf mehr als 300 Meilen, sondern er macht die Via-Elektroautos auch zu mobilen Kleinkraftwerken. "Gewerbliche Kunden können mit einem solchen Auto auch dort Schweißgeräte, Beleuchtungsanlagen oder andere Werkzeuge benutzen, wo es keine Steckdosen gibt", sagt Hern und erinnert sich an eine besonders skurrile Begebenheit bei den Testfahrten. "Einmal haben wir mit einem Via-Modell sogar einen elektrischen Nissan Leaf aufgeladen."

Noch lieber als solche Geschichten trägt der Via-Sprecher große Zahlen vor. "Wir haben eine Fertigungskapazität von 20.000 Fahrzeugen im Jahr installiert", sagt er und prophezeit für dieses Jahr mehr als 5000 Auslieferungen. Knapp 2000 Vorbestellungen lägen bereits auf dem Tisch. Doch wenn es konkret wird, muss Mister Hern ein paar Nullen streichen: Denn bislang hat Via nur 30 Fahrzeuge umgebaut, die derzeit im Testbetrieb laufen.

Ob die Via-Modelle wirklich zu Verkaufsschlagern werden, ist auch angesichts der hohen Anschaffungskosten zweifelhaft. Denn durch den Umbau wird der Preis der Autos im Vergleich zu konventionell motorisierten Varianten glatt verdoppelt. Nach Abzug der jeweiligen Subventionen der einzelnen US-Bundesstaaten kostet also jedes der Via-Modelle noch mindestens 80.000 Dollar.

Das Luxus-Hybrid Fisker Karma jetzt auch mit V8-Ballermann

Die riesigen Trucks aus Utah sind aber nur ein Beispiel, das die allgemeine Orientierungslosigkeit rund um das Thema Elektroauto in Detroit greifbar macht. Ein weiteres Paradoxon trägt den Namen VL Destino, steht im Flur vor der Cobo Hall und bedient das andere Extrem. Denn auf den ersten Blick sieht das flotte Modell aus wie der ebenfalls mit einem Range Extender ausgerüstete Öko-Sportwagen Fisker Karma. Technisch aber handelt es sich eher um eine Corvette mit vier Türen. "Der Karma sieht schnell aus", sagt VL-Mitarbeiter Tom Sudberg, "und wir sorgen jetzt dafür, dass er auch schnell fährt."

Fürs Schnellfahren eignet sich nach Überzeugung von VL-Chef Gilbert Villareal Benzin sehr viel besser als Strom. Deshalb ließ er sämtlichen elektrischen Ballast aus dem Karma entfernen und stattdessen einen Motor einsetzen, wie ihn die Vollgasfraktion liebt. Es handelt sich um den 6,2 Liter großen und 650 PS starken V8 aus der Corvette ZR1. Das Aggregat soll den Destino zu einer der stärksten und schnellsten Luxuslimousinen der Welt machen. Von 0 auf 100 km/h in weniger als vier Sekunden und rund 320 km/h Höchstgeschwindigkeit, so lauten die Zielvorgaben für die Entwickler.

PS-Veteran Bob Lutz zieht in beiden Unternehmen die Strippen

Villareals Rolle rückwärts ist nicht nur aus technischer Sicht ein Treppenwitz, sondern auch aus finanziellen Gründen. Denn der originale Fisker Karma ist aufgrund der Hightech-Akkus ohnehin deutlich teurer als konventionell motorisierte Konkurrenten wie etwa Audi A7 oder Porsche Panamera; und nun packt VL mit dem Corvette-Motor einen weiteren Preisbaustein drauf: Statt etwa 100.000 Dollar wie der Fisker soll der VL Destino rund 180.000 Dollar kosten. VL-Mann Sudberg sagt lässig: "Mehr als 500 Autos im Jahr wollen wir ja gar nicht bauen."

Als wären die beiden Ansätze von Via und VL nicht schon eigenwillig genug, wird die Angelegenheit völlig abstrus, wenn man einen Blick auf die im Hintergrund handelnde Person wirft. Denn in beiden Unternehmen gehört der PS-Veteran Bob Lutz zu den maßgeblichen Strippenziehern.

Lutz, 81 Jahre alt, ein Ex-Marine und Management-Haudegen der Autoindustrie, kann auf eine bewegte Karriere zurückblicken. Er arbeitete für BMW, Ford, Chrysler und GM und brachte Autos wie den ersten 3er, den Ford Sierra, die Dodge Viper oder den Chevrolet Volt mit auf den Weg. Inzwischen hat er jedoch offenbar den Überblick verloren. Auf der Auto Show referierte er zunächst bei Via den Weg ins Elektro-Zeitalter und pries nur wenig später auf dem Messestand von VL den Sound eines V8-Motors.

Forum

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insgesamt 81 Beiträge
1. Nachfrage steigt
MarkWürdig 18.01.2013
In den Artikeln von Herrn Grünweg fehlt immer die Information, dass die Nachfrage nach Elektroautos in den USA stark steigt. Klar, passt ja auch nicht zu seiner Sichtweise.
In den Artikeln von Herrn Grünweg fehlt immer die Information, dass die Nachfrage nach Elektroautos in den USA stark steigt. Klar, passt ja auch nicht zu seiner Sichtweise.
2. ... und Model X
Ingo @ SGP 18.01.2013
... kein Wort über Tessla Model X oder Model S ? Wohl eine der wenigen Firmen die ernsthaft an Elektromobilität arbeiten.
... kein Wort über Tessla Model X oder Model S ? Wohl eine der wenigen Firmen die ernsthaft an Elektromobilität arbeiten.
3. Die spinnen die Amis
chaps 18.01.2013
In ein Elektroauto wieder einen Benzinmotor einbauen und ein V6 als Range-Extender für einen 2,5 Tonnen Truck. Ich dachte es geht um Sprit sparen.
In ein Elektroauto wieder einen Benzinmotor einbauen und ein V6 als Range-Extender für einen 2,5 Tonnen Truck. Ich dachte es geht um Sprit sparen.
4.
l.augenstein 18.01.2013
Das Fracking macht's möglich. So einfach ist das.
Zitat von sysopTom GrünwegSelten zeigte sich die Orientierungslosigkeit auf dem Weg zur Elektromobilität so krass wie auf der Detroit Auto Show. Statt kluger Konzepte werden dort bizarre Projekte wie ein gigantischer Strom-Pick-Up präsentiert - und ein Öko-Sportwagen gar zum Spritsäufer umgewandelt. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/detroit-premieren-e-pick-up-mit-800-ps-und-oeko-flitzer-mit-v8-motor-a-878113.html
Das Fracking macht's möglich. So einfach ist das.
5. Ev1
regensommer 18.01.2013
Dabei hatten die Amerikaner ein tolles E-Auto, den EV1. Der wurde dann nach 3 Jahren verschrottet, weil er ein reines Leasingfahrzeug war. Warum wurde er verschrottet? Weil er nicht ins politische Bild passte. Er wurde [...]
Dabei hatten die Amerikaner ein tolles E-Auto, den EV1. Der wurde dann nach 3 Jahren verschrottet, weil er ein reines Leasingfahrzeug war. Warum wurde er verschrottet? Weil er nicht ins politische Bild passte. Er wurde entwickelt um den Grenzwerten in Kalifornien gerecht zu werden. Diese Grenzwerte mussten aber wieder gekippt werden, so dass Auto- und Öllobby sich wieder frei bewegen konnten.

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