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Mobilität

Stickoxidemissionen

So will Bosch den Diesel retten

"Emissionen sind bald kein Thema mehr", behauptet Bosch-Chef Volkmar Denner. Angeblich konnten Ingenieure des Unternehmens den Stickoxidausstoß von Dieselmotoren drastisch reduzieren.

Bosch
Von Jürgen Pander und Christian Frahm
Mittwoch, 25.04.2018   12:47 Uhr

"Heute wollen wir die Debatte um das Ende des Diesels endgültig ad acta legen", sagte Bosch-Chef Volkmar Denner. Der Zulieferer hatte zur Bilanzvorlage nach Renningen geladen, doch außer den Zahlen des abgelaufenen Geschäftsjahres präsentierte Denner auch einen Blick in die Zukunft. Und die soll golden sein für den Dieselmotor.

Ausgerechnet der Diesel soll eine Zukunft haben? Jene Technik, die zurzeit großen Teilen der Autoindustrie schwer zu schaffen macht?

Die Geschichte, die Denner erzählt, geht so: Bosch-Ingenieuren sei es gelungen, die bekannten Technologien zur Abgasreinigung derart zu verbessern und aufeinander abzustimmen, dass Testfahrzeuge erheblich unter dem ab dem Jahr 2020 geltenden Grenzwert von 120 Milligramm Stickoxid pro Kilometer blieben.

Bei Fahrten nach dem neuen, genormten RDE-Zyklus (Real Drive Emission) drückte die neue Technik den Stickoxidausstoß demnach teilweise auf den Rekordwert von 13 Milligramm pro Kilometer, im Stadtverkehr wurden im Schnitt 40 Milligramm emittiert - in jedem Fall aber erheblich weniger als künftig erlaubt.

Und das ist noch nicht die ganze frohe Bosch-Botschaft: Die neue Technik soll die Autos angeblich nicht teurer machen - und zudem den Verbrauch und damit den CO2-Ausstoß so gut wie gar nicht beeinflussen.

Kann das wirklich sein? Kriegt der Diesel als Pkw-Antrieb noch einmal die Kurve? Bosch-Chef Denner gibt sich überzeugt: "Der Diesel wird seinen Platz im urbanen Verkehr behalten. Ob für Handwerker oder Pendler."

Der Durchbruch in Sachen Stickoxidausstoß sei erst in den vergangenen Monaten gelungen. Und zwar durch "eine Kombination aus ausgeklügelter Einspritztechnik, neu entwickeltem Luftsystem und intelligentem Temperaturmanagement", wie Andreas Kufferath erklärt, bei Bosch verantwortlich für die Diesel-Systementwicklung. Eine Nachrüstungslösung für von Fahrverboten bedrohte Diesel-Autos ist die neue Technik allerdings auch nicht.

Weniger Schadstoffe mit gängiger Technik

Die einzelnen Komponenten seien prinzipiell nicht neu, wohl aber deren Zusammenspiel, sagt Kufferath, und nennt ein Beispiel. "Bis nach einem Kaltstart die Abgasnachbehandlung ihre Betriebstemperatur von mindestens 200 Grad Celsius erreicht hat, übernimmt der Motor die Aufgabe, möglichst wenig Schadstoffe überhaupt erst entstehen zu lassen. Sobald das Abgassystem heiß genug ist und die Schadstoffe minimieren kann, konzentriert sich der Motor wieder ganz auf Spriteffizienz."

Das klingt erst einmal banal, aber Kufferath sagt, dass in den vergangenen vier Jahren rund hundert Ingenieure an diesen und zahlreichen anderen Details gearbeitet haben, um die jetzt erzielte Schadstoffreduzierung zu realisieren. Wäre das nicht schon früher möglich gewesen? Zum Teil ist die geeignete Messtechnik für die RDE-Fahrten erst seit einigen Jahren verfügbar, zum Teil wurden gesetzliche Vorgaben erst noch verabschiedet (etwa 2016 jene für den Kaltstart). Jetzt jedenfalls ist die Technik grundsätzlich verfügbar, Serienautos mit dieser Art von Abgasreinigung könnten in etwa zwei Jahren auf die Straße kommen.

Dass Bosch genau jetzt mit der neuen Technik um die Ecke kommt, scheint kein Zufall zu sein, geraten die Stuttgarter doch zunehmend unter Druck. Denn welche Rolle der Zulieferer im Diesel-Skandal spielt, ist noch nicht abschließend geklärt. Derzeit wird untersucht, ob Bosch als Lieferant elektronischer Bauteile und der Steuerungssoftware von der Manipulation der Abgassysteme gewusst oder sogar aktiv daran mitgewirkt haben könnte.

Fest steht, dass Bosch bereits seit 2001 für Hersteller wie VW, Porsche, Audi, Mercedes und Opel das Motorsteuergerät EDC17 entwickelt hat. In den kleinen Boxen haben die Bosch-Ingenieure eine Software untergebracht, die neben dem kompletten Motormanagement, der Zündung und der Einspritzung eben auch das Abgasverhalten des Autos überwacht und regelt. Experten entdeckten in der Box zudem Funktionen zur Drosselung der Abgasreinigung, Abschalteinrichtungen oder Software, die erkennt, wenn ein Auto auf dem Prüfstand steht.

Rolle von Bosch noch unklar

Bosch selbst will davon nichts gewusst haben. Zwar habe man diese Komponenten geliefert und auch die Software programmiert, wofür diese aber genutzt wurde, entziehe sich der Erkenntnis des Zulieferers - so heißt es bei Bosch. Verantwortlich seien allein die Hersteller. Interne Protokolle von Treffen zwischen Bosch mit VW, BMW, Daimler und Audi deuten aber darauf hin, das Bosch eine weitaus aktivere Rolle in Sachen Betrugssoftware gespielt hat, als bislang bekannt. Demnach haben sich Bosch-Manager umfangreich mit den Autobauern über die Manipulationsfunktionen in der Software abgestimmt wie der SPIEGEL in der aktuellen Ausgabe berichtet.

Mehr dazu im SPIEGEL

Derzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen acht Bosch-Mitarbeiter. Neben den bereits bekannten Fällen überprüfen die Staatsanwälte nun, ob Bosch die Betrugssoftware auch an Fiat, Ford, Hyundai und GM geliefert haben könnte. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

Damit so etwas künftig nicht mehr vorkommt, verkündete Bosch-Chef Denner zusammen mit der neuen Abgas-Technik auch einen neuen "Produktentwicklungskodex" des Unternehmens. Darin heißt es unter anderem, dass Bosch-Entwicklern künftig der "Einbau von Funktionen, die Testzyklen automatisch erkennen, verboten" sei. Ebenso dürften Bosch-Produkte nicht mehr für Testsituationen optimiert werden und ganz generell sollten sie menschliches Leben und die Umwelt bestmöglich schützen. Eigentlich Selbstverständlichkeiten - bei Bosch, und vermutlich vielen anderen Unternehmen, bislang allerdings offenkundig nicht.

Als Beleg, dass es Bosch ernst meint mit den neuen Regeln, kündigte Denner an, dass "im Zweifelsfall die Bosch-Werte vor Kundenwunsch" gehen würden.

insgesamt 107 Beiträge
Zündkerze 25.04.2018
1. wenn das so schnell und einfach geht
dann fühle ich mich als Kunde doch doppelt betrogen. Das zeigt ganz eindeutig das Versagen der Politik, immer auf die Freiwilligkeit der Industrie zu setzen. Es hat sich in der Vergangenheit gezeigt, das es nur mit Druck [...]
dann fühle ich mich als Kunde doch doppelt betrogen. Das zeigt ganz eindeutig das Versagen der Politik, immer auf die Freiwilligkeit der Industrie zu setzen. Es hat sich in der Vergangenheit gezeigt, das es nur mit Druck (Androhung von Strafen) und Kontrollen geht. Die oberen Industrieetage ist von seinem Verhalten her nichts anderes als ein Kindergarten.
112211 25.04.2018
2. Neu
Sieht irgendwie nach einer Abwackprämie 2.0 aus. Nur dieses Mal ohne Prämie, dafür nach ausweglosen Neukauf, da Nachrüstung angeblich (!) nicht geht.
Sieht irgendwie nach einer Abwackprämie 2.0 aus. Nur dieses Mal ohne Prämie, dafür nach ausweglosen Neukauf, da Nachrüstung angeblich (!) nicht geht.
helmut.alt 25.04.2018
3. Wenn diese Bosch-Ankündigungen stimmen,
dann steht dem Dieselmotor eine unverbaubare Zukunft bevor. sparsam, unabhängig vom Strom, überall einsetzbar.
dann steht dem Dieselmotor eine unverbaubare Zukunft bevor. sparsam, unabhängig vom Strom, überall einsetzbar.
ganzeinfach 25.04.2018
4. Bla Bla von der Bosch Konzernleitung
Die wissen ganz genau, was in den vergangenen Jahren illegal über ihre Adresse gewerkelt aka programmiert wurde. Man lasse sich nicht für dumm verkaufen: Bosch wird noch Jahre am angerichteten Schaden zu beissen haben. Und noch [...]
Die wissen ganz genau, was in den vergangenen Jahren illegal über ihre Adresse gewerkelt aka programmiert wurde. Man lasse sich nicht für dumm verkaufen: Bosch wird noch Jahre am angerichteten Schaden zu beissen haben. Und noch einige Milliarden als Bussen gewärtigen - ganzeinfach
toll_er 25.04.2018
5.
Wenn diese Bosch-Ankündigen nicht stimmen, wenn Sie nur heiße Luft sind, wenn das ein lautes Singen im dunklen Wald ist, dann, dann, werter helmut.alt.... ist der Diesel weg vom Fenster... was er sowieso ist, weil über kurz [...]
Zitat von helmut.altdann steht dem Dieselmotor eine unverbaubare Zukunft bevor. sparsam, unabhängig vom Strom, überall einsetzbar.
Wenn diese Bosch-Ankündigen nicht stimmen, wenn Sie nur heiße Luft sind, wenn das ein lautes Singen im dunklen Wald ist, dann, dann, werter helmut.alt.... ist der Diesel weg vom Fenster... was er sowieso ist, weil über kurz oder lang, falls nicht schon geschehen (siehe Toyota, siehe Volvo), die großen Firmen die Weiterentwicklung des Dieselmotors einstellen. Was ich als passionierter Dieselfahrer sehr bedaure. Aber: Der Zug ist abgefahren. Den Lügnern und Software-Betrügern von Bosch kann ich nicht mehr glauben.
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