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Mobilität

Produktionsverbot für 553 Automodelle

"Chinas Regierung gibt einen Warnschuss ab"

Zum Jahresstart hat Peking den Bau von 553 Modellen untersagt, die nicht die staatlichen Verbrauchsvorgaben erfüllen - auch deutsche Hersteller sind betroffen. China-Experte Jochen Siebert erklärt, warum.

REUTERS

Luftverschmutzung in Peking

Ein Interview von
Dienstag, 02.01.2018   16:42 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Herr Siebert, China hat die Produktion von 553 Automodellen untersagt. Warum?

Siebert: Die gestoppten Modelle verbrauchen aus Sicht des Staats zu viel Sprit. Hintergrund ist eine Vorschrift, die festlegt wie viel Benzin oder Diesel ein Fahrzeug auf einer bestimmten Strecke verbrennen darf. In China ist das unter anderem vom Gewicht und der Anzahl der Sitzreihen abhängig - ein Kleinbus darf also mehr Benzin konsumieren als beispielsweise ein Pkw.

SPIEGEL ONLINE: Konnten sich die Hersteller darauf nicht einstellen?

Siebert: Das Produktionsverbot kam ohne Vorwarnung. Zwar wurde das Gesetz, auf dem dieser harte Schritt basiert, schon vor drei Jahren verabschiedet. Doch der mehr als hundert Seiten umfassende Text sah einen sanktionierenden Fertigungsstopp erst für 2020 vor. Dass dieser nun um zwei Jahre vorgezogen wird, zeigt einmal mehr das Regulierungsrisiko für ausländische Hersteller in China. In der Vergangenheit gab es immer wieder überraschende Vorstöße, die entweder über Nacht oder innerhalb von wenigen Monaten als Gesetz in Kraft getreten sind - beispielsweise, dass nur noch eine bestimmte Anzahl an Fahrzeugen in einer Stadt zugelassen werden durfte.

SPIEGEL ONLINE: Inwieweit sind denn deutsche Hersteller von der Willkür aus Peking betroffen?

Siebert: Das Verbot trifft jede Marke - allerdings die deutschen Hersteller nicht so schlimm wie es zunächst ausgesehen hat. Auf der Liste steht unter anderem eine Mercedes E-Klasse, jedoch nur in einer bestimmten Variante, deren Produktion bereits ausgelaufen ist. Auch ein Audi-Modell ist nur mit einer von mehreren Motorisierungen genannt und wird laut Volkswagen nicht mehr hergestellt.

SPIEGEL ONLINE: Welches Kalkül könnte hinter dem vorgezogenen Produktionsverbot stecken?

Siebert: Die chinesische Regierung hat der drastischen Luftverschmutzung im Land den Kampf angesagt. In erster Linie scheint mir das Produktionsverbot ein Signal an die Bevölkerung zu sein, dass der Staat etwas dagegen unternimmt. Über Weihnachten waren die Werte für die Abgasbelastung in Städten wie Shanghai nämlich wieder angestiegen. Dort sitzt aber eine Mittelschicht, die ihre Unzufriedenheit auch öffentlich äußert. Das bringt ungewollte Unruhe.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das Verbot für die Hersteller?

Siebert: Die Regierung gibt einen Warnschuss ab, dass sie es ernst meint mit den Verbrauchsvorschriften. Mittel- und langfristige Modellplanungen der Autoindustrie müssen jetzt noch einmal schnellstens überdacht werden und der ein oder andere Motor fällt künftig sicherlich weg. Industriegefährdend ist das Produktionsverbot nicht - das wäre ein Schuss ins eigene Knie. An der Hälfte der Unternehmen ist Peking nämlich selbst beteiligt. So produziert VW etwa im Joint Venture mit dem Staatskonzern FAW (First Automotive Works).

insgesamt 105 Beiträge
UnitedEurope 02.01.2018
1.
Immerhin tun sie etwas. Ich weiss es ist eine Diktatur, aber so viel Entschlossenheit wünscht man sich auch hierzulande manchmal. Man hat doch zu oft das Gefühl, dass die Politik vor der Wirtschaft kuscht.
Immerhin tun sie etwas. Ich weiss es ist eine Diktatur, aber so viel Entschlossenheit wünscht man sich auch hierzulande manchmal. Man hat doch zu oft das Gefühl, dass die Politik vor der Wirtschaft kuscht.
optimist2030 02.01.2018
2.
Ist mal ein gutes Signal finde ich, die machen wirklich ernst. Das im Prinzip so gut wie keine oder eigentlich keine deutschen Autos betroffen sind, zeigt doch die deutsche Qualität. Die Maßnahme zwingt aber Autohersteller [...]
Ist mal ein gutes Signal finde ich, die machen wirklich ernst. Das im Prinzip so gut wie keine oder eigentlich keine deutschen Autos betroffen sind, zeigt doch die deutsche Qualität. Die Maßnahme zwingt aber Autohersteller mehr in die Forschung und in Innovationen zu stecken. Und das wäre auch für uns gut.
hoppla_h 02.01.2018
3. Gute Idee!
Für PKW bis 3,5 t: Spritverbrauch pro 100 km deckeln. Extra-Luxussteuer für Neuwagen, die 'mehr' verbrauchen, Extra-Aufschlag auf die KFZ-Steuer für extreme Spritfresser.
Für PKW bis 3,5 t: Spritverbrauch pro 100 km deckeln. Extra-Luxussteuer für Neuwagen, die 'mehr' verbrauchen, Extra-Aufschlag auf die KFZ-Steuer für extreme Spritfresser.
brille000 02.01.2018
4. Na so was
"Das Produktionsverbot kam ohne Vorwarnung." - Ja aber auch. Das entsprechende Gesetz gibt es schon seit 3 Jahren. Anders als in Deutschland hätten das die Automobilbauer mal ernst nehmen sollen. Gut, dass die [...]
"Das Produktionsverbot kam ohne Vorwarnung." - Ja aber auch. Das entsprechende Gesetz gibt es schon seit 3 Jahren. Anders als in Deutschland hätten das die Automobilbauer mal ernst nehmen sollen. Gut, dass die chinesische Regierung das konsequent durchzieht. In Deutschland hätte man vorher VW gefragt. Übrigens ist es nicht ganz richtig zu behaupten, dass in Deutschland die Politik vor der Wirtschaft kuscht, nein, die Politik wird von der Wirtschaft gemacht, leider.
equigen 02.01.2018
5. Ja und, was Ist jetzt die Schlagzeile?
In der EU gibt es solche Vorschriften doch seit langem. Daran dass kein aktuelles deutsches Auto betroffen ist sieht man dass unsere Vorschriften mindestens genauso streng sind. Betroffen sind eher die alten Stinker von Joint [...]
In der EU gibt es solche Vorschriften doch seit langem. Daran dass kein aktuelles deutsches Auto betroffen ist sieht man dass unsere Vorschriften mindestens genauso streng sind. Betroffen sind eher die alten Stinker von Joint Ventures die in wiederverwerten Fabriken produziert werden und chinesische Karren.

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