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Mobilität

Lohnen sich die Dieselprämien?

Schummelei, Teil zwei

Autohersteller ködern Dieselfahrer mit üppigen Rabatten von bis zu 10.000 Euro. Das Problem: So richtig üppig sind die gar nicht. Und für weniger Abgase werden sie auch kaum sorgen. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

DPA

Zulassungsbescheinigung eines Dieselautos

Von und
Donnerstag, 04.10.2018   20:36 Uhr

Wer kann seinen Wagen eintauschen?

Nach dem Koalitionsgipfel zur Zukunft dreckiger Dieselautos definiert die Bundesregierung den Kreis der Berechtigten so: In den Genuss der Eintauschrabatte sollen Besitzer eines Dieselautos der Schadstoffklassen Euro 4 bis 5 kommen. Das Angebot gilt aber nur für Halter, deren Fahrzeuge in einer von 14 besonders abgasgeplagten Städten, den angrenzenden Landkreisen oder Frankfurt am Main gemeldet sind. Dazu kommen Fernpendler in die Städte sowie Selbstständige mit Firmensitz dort. Außerdem können Härtefälle festgelegt werden.

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Hohe Abgasbelastung: In diesen Städten gelten die Diesel-Rabatte

Die 14 "Intensivstädte" sind: München, Stuttgart, Köln, Reutlingen, Düren, Hamburg, Limburg an der Lahn, Düsseldorf, Kiel, Heilbronn, Backnang, Darmstadt, Bochum und Ludwigsburg.

Manche Autohersteller weiten das Angebot aber aus. So gewährt Renault die Rabatte in ganz Deutschland. Zusätzlich gewähren einige Hersteller den Rabatt auch beim Tausch eines Dieselfahrzeugs der Schadstoffklassen Euro 1, 2 und 3, zum Beispiel Ford, Renault und VW.

Wie viel Prämie zahlen die einzelnen Hersteller?

Die einzelnen Angebote unterscheiden sich sehr stark. Oft hängt die Prämie vom Preis des abgegebenen Altwagens ab. So bekommen Kunden bei VW im Durchschnitt 4000 Euro für das Eintauschen eines Diesels der Klassen Euro 1 bis Euro 4, bei einem Auto der Schadstoffklasse Euro 5 rund 5000 Euro. Wer sich einen kleinen Neuwagen zulegt, bekommt weniger Rabatt als der Durchschnitt; wer einen großen kauft, mehr.

Bei Ford erhalten Kunden bis zu 8000 Euro, dabei darf jedoch auch ein Fahrzeug der Schadstoffklassen Euro 1 bis 3 eingetauscht werden. Diese Regelung gilt auch bei Renault, dort erhalten Kunden bis zu 10.000 Euro. Auch bei Daimler gibt es bis zu 10.000 Euro Nachlass, allerdings nur für Besitzer eines Dieselautos der Schadstoffklassen Euro 4 und 5.

Üblicherweise haben solche modellabhängigen Prämien jedoch einen Haken, denn die Höhe der Rabatte orientiert sich am Preis des Neuwagens: Je teurer das Auto, desto höher die Prämie. So gibt es beispielsweise bei Renault die volle Prämie in Höhe von 10.000 Euro nur beim Kauf der Modelle Talisman, Espace und Koleos, wer sich für den Kleinwagen Twingo entscheidet, bekommt dagegen nur 2000 Euro.

BMW bietet Kunden einen Pauschalbetrag von 6000 Euro - allerdings nur, wenn man einen BMW oder Mini mit Dieselmotor der Abgasnormen Euro 4 oder 5 eintauscht.

Auch wer einen jungen Gebrauchtwagen von den Herstellern kauft, soll einen Rabatt bekommen. Daimler gewährt beispielsweise bis zu 5000 Euro, BMW bis zu 4500 Euro.

Wie gut sind die Rabatte im Vergleich zu üblichen Nachlässen?

Hersteller gewährten bereits vor der Entscheidung der Bundesregierung Rabatte in ähnlicher Höhe. So erhielten laut einer Studie der Universität Duisburg-Essen Neuwagenkäufer im Internet im September durchschnittlich 5100 Euro Rabatt auf den Listenpreis der meistverkauften Neuwagen wie Audi A3, BMW 1er oder den VW Golf.

Als sicher gilt, dass die in Aussicht gestellten Rabatte auf den jeweiligen Listenpreis angerechnet werden, wie etwa VW deutlich macht. Das heißt, die häufig üblichen Rabatte beim Neukauf kommen nicht zusätzlich zum Tragen. So erwartet es auch Ferdinand Dudenhöffer, einer der Autoren der Duisburg-Essener Studie: "Vermutlich wird man dann die heutigen Rabatte zu einem Teil verrechnen."

Mit anderen Worten: Es droht ein Etikettenschwindel, bei dem Hersteller im besten Fall einen Bruchteil der Rabatte zusätzlich gewähren.

Bekommen Halter für ihr Altauto einen angemessenen Preis?

Das ist nicht sicher. Denn es ist Sache der Hersteller, Autobesitzern nach eigenem Ermessen ein Angebot für ihren alten Diesel zu machen. Die Regierung hat dazu keine verbindliche Handhabung gefordert.

Problematisch daran ist, dass nun auch Euro-5-Diesel eingetauscht werden können, die erst wenige Jahre alt und möglicherweise noch 10.000 Euro oder mehr wert sind. Dagegen richteten sich bisherige Umtauschprogramme an Besitzer von Autos, die meist zehn Jahre und älter waren (Euro 1 bis 4) und für die auf dem Gebrauchtmarkt meist nur ein niedriger vierstelliger Betrag oder gar nichts mehr zu bekommen war.

Volkswagen immerhin will sich bei den gebotenen Preisen an der Schwacke-Liste orientieren, wie ein Sprecher auf Nachfrage sagte. Diese Liste gibt den ungefähren Restwert von Autos an. Wertverluste, die Dieselautos durch den Abgasskandal in den vergangenen Jahren bereits erlitten haben, sollen über die Umtauschprämie abgegolten sein.

Bekommt die Prämie nur, wer seinen Diesel durch ein umweltfreundliches Auto ersetzt?

Nein. Die Bundesregierung überlässt den Herstellern erneut großen Spielraum bei der Entscheidung, welche Neufahrzeuge sie gegen alte Diesel anbieten. Benziner, Hybrid- und Elektroautos sind in der Regel dabei - aber auch neue, nur zum Teil saubere Dieselautos.

Genau wie bei der ersten Auflage der sogenannten Umweltprämie haben die Unternehmen Gelegenheit, schwer verkäufliche, schmutzige Euro-6-Diesel loszuschlagen. Diese stoßen in vielen Fällen extrem viel Stickoxide aus. Sie sind nach Einschätzung von Fachleuten und des Bundesumweltministeriums mittelfristig von Fahrverboten bedroht. Das Bundesverkehrsministerium bestreitet dieses Risiko.

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Abgasnorm Euro 6d-temp: Die Lieblingsautos der Deutschen - nicht alle gibt es als saubere Diesel

Mehr Sicherheit bieten Autos der Abgasnorm Euro 6d-temp, die ab September 2019 für Neufahrzeuge verbindlich ist. Sie gelten als tatsächlich saubere Diesel. Nur die wenigsten Hersteller haben ihre Dieselflotte aber vollständig auf diese Norm umgestellt. Vor allem Volkswagen hinkt hinterher.

Wer seinen Diesel gegen einen gebrauchten Benziner eintauscht, muss zudem nicht dafür Sorge tragen, dass dieser über einen Partikelfilter verfügt. So kann es sein, dass ein Dieselfahrer seinen Wagen mit Filter gegen einen ohne Filter tauscht.

Was machen die Hersteller mit den aufgekauften dreckigen Dieselautos?

Viele werden weiterfahren - allerdings woanders. So will Volkswagen Autos der Schadstoffklasse Euro 1 bis Euro 4 zwar verschrotten lassen. Aufgekaufte Euro-5-Diesel werde das Unternehmen jedoch "weitervermarkten", sagte ein Firmensprecher. Wo genau der Konzern die Gebrauchtwagen mit hohem Abgasausstoß losschlägt, werde in den kommenden Wochen festgelegt. Mit besserer Abgasreinigungshardware sollten die Wagen nicht nachgerüstet werden.

Damit hat die Bundesregierung offenbar kein Problem. Das Wichtigste sei, dass die Wagen aus den 14 abgasgeplagten Städten verschwinden, heißt es in Berlin. In "Ostfriesland auf dem Deich" oder "Masuren" (Polen) sei die Luft so gut, dass die Abgase zusätzlicher dreckiger Euro-5-Diesel kaum ins Gewicht fallen würden.

Mit Material von Reuters

insgesamt 126 Beiträge
Spiegelpfau 04.10.2018
1. Cool
Besser die ganz alten Huddeln kommen weg (und fahren dann in Polen und Ungarn nur wenige km entfernt ?), als nur Euro5-Wagen. Problem ist, wie will man z.B. Renaults aktuellen Captur loswerden? Der reißt die Latte NOx um das [...]
Besser die ganz alten Huddeln kommen weg (und fahren dann in Polen und Ungarn nur wenige km entfernt ?), als nur Euro5-Wagen. Problem ist, wie will man z.B. Renaults aktuellen Captur loswerden? Der reißt die Latte NOx um das berühmte 200fache. „Hier mein Caputr, geben Sie mir bitte den gleichen Captur nochmal“! Das wäre Nonsense.
falenay 04.10.2018
2. Kuhhandel
Allein schon, dass Normen außer 6d-temp zugelassen sind, zeigt, dass dieser Kompromiss ein Förderprogramm für statt einer klaren Ansage gegen die Autoindustrie ist. Lächerlich solche Politik. Nur nicht Innovation fördern. [...]
Allein schon, dass Normen außer 6d-temp zugelassen sind, zeigt, dass dieser Kompromiss ein Förderprogramm für statt einer klaren Ansage gegen die Autoindustrie ist. Lächerlich solche Politik. Nur nicht Innovation fördern. Weil die Wirtschaft des Status Quo ja immer schon so erfolgreich war.
rantamplan 04.10.2018
3. Keine Angst...
....das ist schon so durchdacht und berechnet das am Ende nur die Autohersteller davon profitieren. Oder glaubt noch immer einer das sei zum Wohle der Umwelt und der Betrogegen Kunden?
....das ist schon so durchdacht und berechnet das am Ende nur die Autohersteller davon profitieren. Oder glaubt noch immer einer das sei zum Wohle der Umwelt und der Betrogegen Kunden?
Grummelchen321 04.10.2018
4. Fragwürdig
Zurzeit bekommen die Hersteller nach dem WLDP Test die Fahrzeuge nicht zugelassen.Am BER stapeln sich die Fahrzeuge die nicht an die Kunden geliefert werden können. http://www.miss.at/flughafen-berlin-brandenburg-volkswagen/
Zurzeit bekommen die Hersteller nach dem WLDP Test die Fahrzeuge nicht zugelassen.Am BER stapeln sich die Fahrzeuge die nicht an die Kunden geliefert werden können. http://www.miss.at/flughafen-berlin-brandenburg-volkswagen/
Leser1000 04.10.2018
5. Guter Artikel
Sachverhalt auf den Punkt gebracht. Es geht um Aktionismus. Schön, dass die Euro 5 Autos in Ostfrieland oder Masuren noch fahren dürfen. Aber was passiert, wenn jemand aus Masuren in Stuttgart oder HH arbeitet? Oder wenn ich - [...]
Sachverhalt auf den Punkt gebracht. Es geht um Aktionismus. Schön, dass die Euro 5 Autos in Ostfrieland oder Masuren noch fahren dürfen. Aber was passiert, wenn jemand aus Masuren in Stuttgart oder HH arbeitet? Oder wenn ich - Nochbesitzer eines EURO 5 Diesels - Stuttgart oder Frankfurt a.M. u.s.w. als Städtetourist ( ich fahre in der Tat jedes Jahr mindestens einmal in eine deutsche Stadt) besuchen möchte. Sorry für die Frage. Bin ja nicht der Nabel der Welt. Auf mich können die Hoteliers sicher verzichten. Hoffentlich werden es nicht zu viele auf die die Hotellerie verzichten muss.

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