Schrift:
Ansicht Home:
Mobilität

Die Flops des Auto-Ressorts 2017

Ein Rückblick zum Wegschauen

Die Mitarbeiter des Auto-Ressorts von SPIEGEL ONLINE haben ihre größten Enttäuschungen des Jahres gewählt. Mit dabei: Chauvinismus auf Motorradmessen, übergewichtige Luxusmodelle und gescheiterte E-Mobile.

DPA
Freitag, 29.12.2017   16:47 Uhr
DPA

Motorradmesse (Archivbild)

Liebe Motorradhersteller, auch dieses Jahr haben wir uns wieder auf der Messe EICMA in Mailand getroffen. Und ich muss euch leider sagen: Wie in den vielen Jahre zuvor habe ich mich dort fürchterlich für euch geschämt.

Habt ihr es nicht mitgekriegt? Außerhalb unserer PS-geschwängerten Zweiradfilterblase wird über Themen wie Klimakatastrophe und Mobilitätswandel diskutiert - und was bringt ihr aus euren Denk- und Entwicklungsstübchen in München, in Bologna, in Mattighofen, aus England oder aus Japan mit? Nur noch mehr PS und das haltlose Versprechen, dass irgendwann in eurem Modellportfolio auch alternative Antriebe wie Elektro- und die Brennstoffzelle richtig zum Zuge kämen. Prognostiziertes Datum für die Marktreife: der Sankt-Nimmerleins-Tag.

Was ihr aber anscheinend vollends verdrängt, weil die Geschäfte ja eigentlich gut laufen und man dadurch gerne zur gedanklichen Bequemlichkeit neigt: Da draußen im wirklichen Leben hat sich etwas verändert. Es wird über #MeToo und sexuelle Nötigung am Arbeitsplatz gesprochen. Wie verstrahlt muss man da als Marketingmann oder -frau eigentlich sein, um auch 2017 noch das übliche Softporno-Messeprogramm abzufahren: Motorrad gleich Macho gleich Mädels, möglichst leichtbekleidet.

Liebe Flop-Hersteller 2017, könnt ihr mich in Zukunft vor gemachten Oberweiten, zu engen Trikots und Tabledance-Posen verschonen und bitte einfach dafür sorgen, dass die interessierten Besucher einen unverstellten und ungetrübten Blick auf eure Messeneuheiten werfen können?

von Jochen Vorfelder


REUTERS

Präsentation des Faraday Future FF 91 in Las Vegas

Es war ein verspätetes Silvesterfeuerwerk. Am 3. Januar präsentierte das Auto-Start-up Faraday Future auf der Messe CES in Las Vegas sein erstes Serienmodell, das E-Mobil FF 91. 1065 PS, von null auf Tempo 100 in 2,39 Sekunden, 700 Kilometer Reichweite. Eine Rakete mit Akku. Entsprechend größenwahnsinnig war die Show dazu.

Nacheinander rollten ein Bentley Bentayga, ein Ferrari 488 GTB, ein Tesla Model X und ein Tesla Model S auf die Bühne. Allesamt teure Luxusautos, aber hier spielten sie nur die Statistenrolle. Nachdem jedes der Fahrzeuge einmal mit Vollgas einen Start hinlegen durfte, war der FF91 an der Reihe. Natürlich um zu zeigen: die sind schnell, aber ich bin schneller.

Die Botschaft, die der chinesische Großinvestor und Internetmilliardär Jia Yueting und sein Chefentwickler Nick Sampson an diesem Abend an andere Hersteller mitgebracht hatten, lässt sich ungefähr so zusammenfassen: Wir zeigen euch jetzt mal, wie man Autos baut. Den Marktstart ihres Erstlings kündigten sie für 2018 an.

Aber daraus wird nichts. Bei Faraday Future ist die halbe Führungsriege abgesprungen, auch die deutschen Top-Manager Ulrich Kranz (der bei BMW den i3 verwirklichte) und Stefan Krause (der bei BMW Finanzvorstand war) flüchteten. Der geplante Bau einer Fabrik im US-Bundesstaat Nevada wurde nie realisiert. Alles Anzeichen dafür, dass die Gerüchte stimmen: Das Start-up soll in Geldproblemen stecken.

Häme kann man sich an dieser Stelle sparen. Von einem erfolgreichen Neuling, einem Hersteller von Elektroautos noch dazu, hätte die ganze Branche profitiert. Aber so bleiben leider nur die markigen Sprüche von Las Vegas in Erinnerung. Das Silvesterfeuerwerk hat sich längst in Rauch aufgelöst.

von Christoph Stockburger


Audi

Audi A8

Der neue A8, Audis Luxuslimousine, kann vieles besser als der Vorgänger: Er besitzt noch mehr Fahrassistenzsysteme, noch mehr Airbags, noch mehr Sicherheitsfeatures. Meist sinnvolle Entwicklungen wie eine Radfahrererkennung, die Audi sicher unter dem Slogan "Vorsprung durch Technik" verbuchen würde. Doch vor lauter Hightech tritt eine der einstigen Kernkompetenzen des Herstellers in den Hintergrund: der Leichtbau.

Der neue A8 ist ganze 50 Kilo schwerer geworden. Dabei ist für die Zukunft des Automobils kaum etwas wichtiger als der Verzicht auf Gewicht. Egal, ob für E-Autos oder sparsame Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren - weniger Pfunde garantieren eine größere Reichweite. Wer weniger Masse bewegt, kann dies mit weniger Leistung tun, ein Hochrüsten der Motoren wird damit überflüssig. Leichtere Autos bedeuten in der Regel auch für Fußgänger oder Radfahrer bessere Überlebenschancen - im Falle eines Crashes. Der Audi A8 ist nicht der einzige Wagen mit einem miesen Body-Mass-Index. Warum ihn ausgerechnet das Flop-Schicksal trifft? Audi war schon mal weiter. Rückschritt durch Technik - schade.

von Margret Hucko


REUTERS

Daimler-Chef Dieter Zetsche mit Kanzlerin Angela Merkel auf der IAA

Auch im Jahr 2017 gelang es den vier großen deutschen Herstellern nicht, ein alltagstaugliches und erschwingliches Elektroauto zu bauen. Die von VW angekündigte E-Auto-Plattform ID kommt erst 2020. Bei BMW bleibt es bei dem Bekenntnis "bis 2025 mindestens zwölf voll elektrisch betriebene Autos" auf den Markt bringen zu wollen - ebenso bei Audi. In Ingolstadt will man "bis 2025 dann 20 elektrifizierte Modelle" im Programm haben und auch Mercedes kommt erst am Ende des Jahrzehnts mit der neuen E-Plattform EQ auf den Markt.

Doch damit nicht genug. Die Hersteller verschleppen die so oft angekündigte Elektro-Revolution nicht nur, sondern stellen sich ihr mit immer größeren und leistungsstärkeren Autos entgegen. Auf der IAA 2017 konnte diese Aufrüstung beobachtet werden: Statt auch nur ein einziges fahrfertiges E-Auto zu zeigen, dominierten mal wieder dicke SUV und durstige PS-Protze. 300, 400 oder 500 PS unter der Haube waren eher die Regel als die Ausnahme in Frankfurt.

Was von der E-Mobilität im Jahr 2017 bleibt, sind Lippenbekenntnisse. Und eine klare Botschaft: Elektromobilität? Na sicher! Irgendwann einmal….

von Christian Frahm


DPA

Protestaktion von Greenpeace beim Dieselgipfel in Berlin

Ein Treffen, sie alle zu beschwichtigen - das war das Ziel des ersten Dieselgipfels im Sommer 2017. Immer lauter werdende Rufe nach Fahrverboten, Gerichtsverfahren in ganz Deutschland, die das zu erreichen scheinen, was sich die Politik nicht traute: nämlich EU-Recht wegen der Luftverschmutzung in deutschen Städten durchzusetzen. All das mündet bis heute in einer enormen Verunsicherung der Verbraucher - sollte aber im August mit einem Treffen von Industrie und Politik beiseitegefegt werden.

Dass das nicht gutgehen würde, war schon in der Besetzung des Treffens zugrunde gelegt: Kritische Stimmen wie etwa Verbraucherschützer wurden erst gar nicht geladen. Entsprechend ging der Gipfel aus, statt erwiesen wirksamer Hardware-Nachrüstungen entschieden sich Industrie und Politik für den Weg der Softwareupdates, um Diesel-Fahrzeugen der Euro-5- und Euro 6-Norm ihren hohen Stickoxidausstoß abzuerziehen.

Ob die wirklich helfen und wie viele Fahrzeuge schon upgedated sind - das weiß bis heute keiner so genau. Fest steht nur: Sollte es dann 2018 tatsächlich zu Fahrverboten kommen, hätten Industrie und Politik mit ihrer Inszenierung des Gipfels im Sommer 2017 endgültig Vertrauen verspielt.

von Michail Hengstenberg


BMW

BMW X7

Auf seiner Internetseite schreibt BMW über den neuen X7, er sei "geschaffen für den ganz großen Auftritt". Auf der IAA wurde das Trumm erstmals gezeigt, offiziell noch als "Concept", schon im nächsten Jahr soll der Wagen jedoch als Serienmodell vorfahren.

Es drängt sich dabei vor allem eine Frage auf: Was soll das?

Schon klar, es gibt Kunden, denen kann es gar nicht groß, protzig, teuer, aufmerksamkeitsheischend und dickhosig genug sein. Aber muss man als Autohersteller, der auch so schon ordentlich im Geschäft ist und einst für sportlich-spritzige Pkw bekannt war, wirklich jede Kundengier befriedigen? Selbstverständlich muss man das nicht. Unternehmerische Verantwortung heißt ja nicht nur, endlich wieder solche Autos zu bauen, die auch auf die vorhandenen Straßen und Parkplätze passen; deren Technik die geltenden Gesetzte, Normen und Vorschriften erfüllt; und deren Antriebe so konstruiert sind, dass man sich nicht dereinst vor seinen Enkeln dafür schämen muss. Sondern unternehmerische Verantwortung könnte ja auch heißen: Ab und zu mal Haltung zu zeigen und nicht jeden Irrsinn, den "der Markt" verlangt, mitzumachen.

Eine solche Haltung fehlt übrigens ausdrücklich nicht nur bei BMW, der X7 ist nur eines von vielen krassen Beispielen, sondern auch bei anderen Autoherstellern. Das könnte noch zum ganz großen Problem werden.

von Jürgen Pander


Opel

Opel Ampera E

Was für eine Ironie des Schicksals: Da hat ausgerechnet Opel mal wieder die Nase vorn und verkauft mit dem Ampera E lange vor VW und den deutschen Nobelmarken ein alltagstaugliches Elektroauto - und dann kommt der Hoffnungsträger mit verbrieften 520 Kilometern Reichweite und einem Preis von 39.330 Euro nur in homöopathischen Stückzahlen auf die Straße.

Die Gründe dafür mögen in der hohen Nachfrage nach dem amerikanischen Schwestermodell Chevrolet Bolt liegen oder daran, dass General Motors seine deutsche Tochter mittlerweile an den PSA-Konzern verkauft hat und den Franzosen den Zugang zu der vermeintlich revolutionären Technik so schwer wie möglich machen will. Und beide Varianten klingen ebenso glaubwürdig wie nachvollziehbar. Doch dem Kunden ist das herzlich egal. Der ist bereit, sich auf das Abenteuer E-Mobilität einzulassen und scheitert schon daran, sich auf der Opel-Website als Kaufinteressent zu registrieren. Denn kaum waren die Bestelllisten geöffnet, waren die knappen Kontingente auch schon wieder erschöpft und die Seiten vom Server genommen.

Egal, ob es 150 oder vielleicht 500 Ampera E sind, die es trotzdem bei uns auf die Straße schaffen: Opel fügt sich mit dem Rückzieher Schaden zu. Und die frustrierten Ampera E-Interessenten schauen doppelt in die Röhre, denn ein Konkurrenzmodell mit der Reichweite und dem Preis des Rüsselsheimer E-Mobils gibt es derzeit nicht auf dem Markt.

von Tom Grünweg

insgesamt 119 Beiträge
oli h 29.12.2017
1. Tendenziös
Der Bericht ist (mal wieder und gelinde gesagt) tendenziös: ...Die von VW angekündigte E-Auto-Plattform ID kommt erst 2020. Bei BMW bleibt es bei der Bekenntnis "bis 2025 mindestens zwölf voll elektrisch betriebene [...]
Der Bericht ist (mal wieder und gelinde gesagt) tendenziös: ...Die von VW angekündigte E-Auto-Plattform ID kommt erst 2020. Bei BMW bleibt es bei der Bekenntnis "bis 2025 mindestens zwölf voll elektrisch betriebene Autos" auf den Markt bringen zu wollen ... Sieht man sich die Zulassungszahlen an (z. B. https://www.goingelectric.de/zulassungszahlen/2017/) sind VW und BMW bei den reinen Elektroautos gut dabei (Plath 3 und 4), nimmt man die Plugins dazu, ist BMW in Deutschland Marktführer (siehe auch https://www.elektroauto-news.net/2017/bmw-i-in-der-spitzengruppe-der-weltweiten-elektromobilisierung).
winki 29.12.2017
2. BMW X7 unzeitgemäß
Was bitte schön ist an dem Auto unzeitgemäß. Es wird genug Leute geben die das Auto kaufen werden. Nur weil es dem Autor offenbar nicht gefällt ist es "unzeitgemäß"? Ich jedenfalls entscheide für mich ganz alleine [...]
Was bitte schön ist an dem Auto unzeitgemäß. Es wird genug Leute geben die das Auto kaufen werden. Nur weil es dem Autor offenbar nicht gefällt ist es "unzeitgemäß"? Ich jedenfalls entscheide für mich ganz alleine was ich als zeitgemäß betrachte, dazu brauche ich solche Experten nicht die uns ständig vorschreiben wollen was wir zu tun und zu lassen haben.
iffelsine 29.12.2017
3. #MeToo bei Autoshows ?
Also Autoshow und "nette Mädels" gehören einfach dazu und dann muss ich das eben sehen wie eine Show im Admiralspalast/Berlin. Wenn es hinter der Bühne grapschfrei zugeht, ist das doch ok, wichtig ist eine schöne [...]
Also Autoshow und "nette Mädels" gehören einfach dazu und dann muss ich das eben sehen wie eine Show im Admiralspalast/Berlin. Wenn es hinter der Bühne grapschfrei zugeht, ist das doch ok, wichtig ist eine schöne Präsentation. Sollen auf dem Oktoberfest auch Dirndl verboten werden ? Nein, Spassbremsen braucht die Welt nicht, fliegt nach Saudi-Arabien Ihr #metoofans und bleibt da !
j-db 29.12.2017
4. Was ist falsch daran ?
... wenn Autobauer Autos bauen, die der Kunde kauft ? Was ist falsch daran, wenn sie dabei den rechtlichen Rahmen ausschöpfen ? Die Bürger haben ja die Wahl soviel grün zu wählen wie sie wollen. Wollen sie aber nicht. Warum [...]
... wenn Autobauer Autos bauen, die der Kunde kauft ? Was ist falsch daran, wenn sie dabei den rechtlichen Rahmen ausschöpfen ? Die Bürger haben ja die Wahl soviel grün zu wählen wie sie wollen. Wollen sie aber nicht. Warum also diesen weinerlichen Beitrag??
medwediza 29.12.2017
5. Ja, wirklich, was ist falsch daran...?
Was ist falsch daran, wenn Journalisten Ihre Meinung äußern? Was ist falsch daran, wenn sie feststellen, dass ein Hersteller die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat, so wie einige seltsame Foristen hier auch? Die Leser haben [...]
Zitat von j-db... wenn Autobauer Autos bauen, die der Kunde kauft ? Was ist falsch daran, wenn sie dabei den rechtlichen Rahmen ausschöpfen ? Die Bürger haben ja die Wahl soviel grün zu wählen wie sie wollen. Wollen sie aber nicht. Warum also diesen weinerlichen Beitrag??
Was ist falsch daran, wenn Journalisten Ihre Meinung äußern? Was ist falsch daran, wenn sie feststellen, dass ein Hersteller die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat, so wie einige seltsame Foristen hier auch? Die Leser haben ja die Wahl, zu lesen, was ihnen passt. Zeitschriften gibt es genug. Wollen sie aber offenbar nicht. Warum also Ihr weinerlicher Kommentar?

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP