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Mobilität

Elektroauto mit Pedalen

Rakete aus Rosenthal

Auto, Fahrrad oder Hubschrauber? Das Twike besitzt einen E-Motor, Steuerknüppel und Pedale. Mit knapp 27.000 Euro ist es teurer als ein Golf Variant. Ein Besuch bei den Machern.

Christian Frahm
Von Christian Frahm
Montag, 13.08.2018   04:29 Uhr

Martin Möscheid dreht das virtuelle Fahrzeugmodell auf seinem Bildschirm in alle Richtungen. Er zoomt ran, lässt die Karosserie verschwinden, um sich den darunterliegenden Elektromotor genauer anschauen zu können. Zwei Klicks mit der Maus und schon kann man in das Innere des Antriebs schauen. Ein prüfender Blick, dann wird das Fahrzeug wieder in seine Kunststoffkarosserie gehüllt und die virtuelle Reise führt weiter ins Cockpit.

Möscheid ist Fahrzeugentwickler. Allerdings nicht bei VW, BMW oder Mercedes, sondern bei der Elektroautomanufaktur Twike. Zusammen mit neun Kollegen sitzt er in einem zweistöckigen Haus in der beschaulichen 2000-Seelen-Gemeinde Rosenthal in Hessen. Von hier aus verkauft er das Elektroauto, das noch bis vor wenigen Jahren eines der meistverkauften in ganz Europa war - das Twike 3.

"Lust auf eine Probefahrt?", fragt Möscheid und zeigt auf das dreirädrige Gefährt, das eher die Form eines Schnellzuges hat. Der Entwickler zieht die Haube hoch, die sich wie beim Cockpit eines Jets langsam hebt und Zugang ins Wageninnere ermöglicht. Nachdem man sich in die Schalensitze niedergelassen hat, blickt man auf ein zentral angeordnetes Display, einen Steuerknüppel, der auch gut in einem Helikopter verbaut sein könnte, und einen weiteren Hebel, der an eine Handbremse erinnert. Was so gar nicht ins Bild passt, sind die Fahrradpedale, die sich im Fußraum von Fahrer und Beifahrer befinden. "Die Pedale dienen zur Unterstützung des Elektromotors, wodurch die Reichweite des Twikes um bis zu 15 Prozent verlängert werden kann", erklärt Möscheid das ungewöhnliche Fahrzeugkonzept. Der 50-Jährige ist ausgebildeter Kfz-Mechaniker und studierter Maschinenbauer.

Christian Frahm

Begonnen hat die Geschichte des Leichtelektromobils mit einem Studentenprojekt. Für die Weltausstellung 1986 in Vancouver entwickelten Studenten der EHT Zürich das Ur-Twike: ein zweisitziges Fahrrad mit Karosserie, damals noch ohne E-Motor und einem Gewicht von 50 Kilogramm. Per Pedalantrieb erreichte das Twike bis zu 50 Kilometer pro Stunde. Nach Jahren der Weiterentwicklung präsentierte die neu gegründete Schweizer Twike AG 1995 das serienreife Twike 3. Obwohl sich das Gefährt gut verkauft haben soll, ging das Unternehmen 2002 Konkurs. Möscheid, der zusammen mit seinem Bruder zu den ersten Käufern des Twikes gehörte und an der Entwicklung beteiligt war, vertrieb das E-Mobil seit 1998 als Importeur in Deutschland. Er kaufte das Twike 3 auf und baute es fortan im hessischen Rosenthal in Eigenregie. "So haben wir das Twike in die Neuzeit gerettet", sagt Möscheid, löst die Handbremse, drückt den kleinen Knopf am Steuerknüppel zum Gasgeben und rollt geräuschlos aus der Halle.

Liegend über die Landstraße

Dank des Elektromotors beschleunigt das Twike zügig. Hat man sich erst mal an die ungewöhnliche Liegeposition gewöhnt, findet man schnell Gefallen daran, auf drei Rädern mit rund 60 km/h über die Landstraße zu fegen. Möscheid navigiert das Gefährt mit feinen Bewegungen am Steuerknüppel über die kurvenreiche Strecke. Drückt er den oberen Knopf, beschleunigt das Twike auf bis zu 85 km/h. Drückt er den unteren, bremst das E-Mobil langsam und gleichmäßig ab und gewinnt Energie für die Batterie zurück. Sogar ein Tempomat ist im Twike vorhanden. Wenn Möscheid eine Notbremsung einleiten muss, benutzt er dazu die Pedale - ganz so, wie bei einem Fahrrad mit Rücktrittbremse.

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Elektroauto mit Pedalen: Mensch-Maschine-Trittstelle

"Eigentlich bräuchte man die Pedale nicht. Aber wir wollten den Gedanken des ersten Twike fortführen, das ja als Fahrrad konzipiert war", so Möscheid. Der zuschaltbare Pedalantrieb habe neben der Reichweitenverlängerung noch eine Fitnessfunktion. "Viele unserer Kunden kaufen das Twike auch wegen des sportlichen Aspekts. Sie wollen sich während der Fahrt betätigen und mit dem emissionsfreien Twike nicht nur der Umwelt, sondern auch ihrem Körper etwas Gutes tun." Der Schwierigkeitsgrad lässt sich über eine Fünfgang-Schaltung regeln. Theoretisch lässt sich das Twike bis 20 km/h auch ausschließlich über die Pedale antreiben. "Angesichts des Gewichts von 270 Kilogramm wird der Pedalbetrieb aber schon ab der kleinsten Steigung zu anstrengend", sagt Möscheid, als er mit dem Twike wieder auf den Hof rollt.

Bis zu 560 Kilometer Reichweite

In der Basisversion hat das 2,65 Meter lange Twike 3 einen Akku und eine Reichweite von bis zu 80 Kilometern. Maximal finden in dem E-Mobil bis zu sieben Akkus Platz, die dann für Strecken bis zu 560 Kilometern ausreichen. Die Ladedauer an der Haushaltssteckdose gibt Moescheid mit einer Minute pro Kilometer Reichweite an. Angetrieben wird das Twike von einem Asynchronmotor mit drei Kilowatt Dauer- und sieben Kilowatt Spitzenleistung. Das Twike fällt als "dreirädriges Kraftfahrzeug über 45 km/h" in die Fahrzeugklasse L5E und kann daher mit einem normalen Pkw-Führerschein gefahren werden. Die Sicherheitsanforderungen sind jedoch andere als beim Auto, es muss beispielsweise keine Airbags haben.

Gefertigt werden die Fahrzeuge, von denen seit der Premiere 1995 weit mehr als 1000 Stück an Kunden geliefert wurden, in Handarbeit. Insgesamt zehn Mitarbeiter arbeiten in der Zentrale in Rosenthal, drei davon in der Werkstatt. "Nachdem die einzelnen Bauteile angeliefert sind, dauert die Montage vor Ort pro Twike noch einmal rund 70 Stunden", sagt Möscheid. Da die Komponenten nicht in großer Zahl produziert werden, sind sie entsprechend teuer. Der Basispreis des Twike 3 beginnt daher bei 26.849 Euro. Wer mehr Reichweite, Lackierung, eine Soundanlage oder andere Extras ordern möchte, landet auch schon mal jenseits der 50.000 Euro. Möscheids Kunden leisten sich das Twike oft als Drittgefährt, um sich auf Kurzstrecken sportlich und umweltfreundlich fortzubewegen, beispielsweise um zur Arbeit zu fahren.

Nachfolgemodell schafft 190 km/h

Langfristig planen Möscheid und sein Team, das Twike in größeren Stückzahlen zu produzieren und den Preis dadurch deutlich zu senken. Damit das gelingt, wird schon an einem Nachfolgemodell getüftelt. 2010 wurde das Twike 4 präsentiert, das von Beginn an allerdings nur als Prototyp und Erprobungsfahrzeug geplant war. Inzwischen läuft bereits die Entwicklung des Twike 5 auf Hochtouren. Das Gefährt könnte, wenn alles wie geplant läuft, im Frühjahr 2019 in den Verkauf gehen.

Die fünfte Generation soll dann deutlich mehr Leistung haben als das bisherige Modell, eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 190 km/h und eine Reichweite von 550 Kilometern. Geplant ist zunächst eine Kleinserie von 500 Exemplaren. Das Twike 6 soll dann endgültig in größeren Stückzahlen produziert und somit auch interessanter für eine breitere Käuferschicht werden. Während die Mechaniker gerade ein knallgelbes Twike 3 montieren, sitzt Möscheid ein Stockwerk höher schon wieder an seinem Rechner vor seinem virtuellen Twike. "Nummer 147", ruft Moescheid noch runter und freut sich über eine weitere Vorbestellung des Twike 5. Bei 200 Reservierungen beginnt die Produktion. "Wir haben also noch einiges zu tun."

insgesamt 49 Beiträge
HH1960 13.08.2018
1. Alternativen
Der Preis erscheint mir sehr hoch, denn für etwas mehr als 1/3 bekomme ich ein Velomobil mit E-Unterstützung das auch schnell fahren kann, als Pedelec gilt und somit auch noch auf dem Radweg fahren kann. Für weniger als 1/3 [...]
Der Preis erscheint mir sehr hoch, denn für etwas mehr als 1/3 bekomme ich ein Velomobil mit E-Unterstützung das auch schnell fahren kann, als Pedelec gilt und somit auch noch auf dem Radweg fahren kann. Für weniger als 1/3 gibt es ausgereifte Velomobile ohne E-Unterstüzung. Seit Jahren gebaut haben die Velomobile einen sehr guten Qualitätsstandard erreicht. Gut ist auch das Konzept des Podbike aus Norwegen. Starke Konkurrenz also!
28zwei27 13.08.2018
2. C5 kopiert.
Sir Clive Sinclair dürfte sich geehrt fühlen: 34 Jahre nach Verkaufsstart seines C5 wird die Idee wiederbelebt.
Sir Clive Sinclair dürfte sich geehrt fühlen: 34 Jahre nach Verkaufsstart seines C5 wird die Idee wiederbelebt.
l/d 13.08.2018
3. Schöne Sache
ist auch dank der langen Bauzeit und der Leute dahinter ausgereift. Würde man die Karosserie mit einer Lippe am stumpfen Heck 3 Zentimeter überstehen lassen, wäre der Nachlauf noch etwas weniger widerstandsreich. Und es ist die [...]
ist auch dank der langen Bauzeit und der Leute dahinter ausgereift. Würde man die Karosserie mit einer Lippe am stumpfen Heck 3 Zentimeter überstehen lassen, wäre der Nachlauf noch etwas weniger widerstandsreich. Und es ist die E T H Zürich. Buchstabendreher.
hup 13.08.2018
4. Das Spassgefährt für den Millionär, der schon alles hat
Bei dem Preis und der (geringen) Massentauglichkeit ist und bleibt das ein Nischenprodukt aus dem Kuriositätenkabinett für Menschen mit zuviel Geld und Freizeit. Ein reines Freizeitprodukt, ein Zusatz wenn man bereits [...]
Bei dem Preis und der (geringen) Massentauglichkeit ist und bleibt das ein Nischenprodukt aus dem Kuriositätenkabinett für Menschen mit zuviel Geld und Freizeit. Ein reines Freizeitprodukt, ein Zusatz wenn man bereits praxistaugliche Mobilität besitzt, also entweder ein konventionelles Auto, oder ein neueres e-Auto. Aber damit ist der ökologische Beitrag des Twikes gleich null, denn das teil spart und ersetzt nichts, es kommt als Ökobelastung immer zu etwas anderem dazu, ist also fast immer selbst eine zusätzliche Ökobelastung, die der show dient. Natürlich trotzdem schön, wenn man den öko-aspekt weglässt, dass die Manufaktur 10 Menschen ernähren kann, und unnötiger als ein Superbike in der Garage als Freizeitmaschune ist es auch nicht. Der unternehmerische Erfolg ist schon eine Leistung - ich würde es nicht schaffen das Teil zu dem Preis zu verkaufen, vor allem bei den aktuellen Alternativen.
Listkaefer 13.08.2018
5. Seit 1995 “weit” mehr als 1000 ...
...Fahrzeuge verkauft? Ein Erfolg sieht anders aus. Das Fahrzeug ist doch ziemlich unpraktisch und ähnelt einem Sarg. Dafür um die 30.000 Euro ausgeben? Nein, das wird nichts!
...Fahrzeuge verkauft? Ein Erfolg sieht anders aus. Das Fahrzeug ist doch ziemlich unpraktisch und ähnelt einem Sarg. Dafür um die 30.000 Euro ausgeben? Nein, das wird nichts!
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