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Temposünder

Privatfirmen gehen in Frankreich auf Raserjagd

Nicht mehr nur die Polizei erfasst künftig Temposünder in Frankreich, sondern auch private Sicherheitsfirmen mit Hightech-Ausrüstung. Automobilclubs machen gegen das Outsourcing mobil.

AFP
Von , Paris
Samstag, 12.05.2018   10:20 Uhr

Blitzer, Kelle, Verkehrskontrolle: Die Geschwindigkeit entlang von National- oder Departementsstraßen in Frankreich soll künftig von privaten Sicherheitsfirmen überwacht werden statt von Polizei oder Gendarmerie. Die mobilen High-Tech-Anlagen, die zum Einsatz kommen, erlauben es während der Fahrt, die Geschwindigkeit heranfahrender und sich entfernender Autos exakt und automatisch zu messen. Das erklärte Ziel der Auftragsvergabe: Bessere Auslastung der mobilen Radarfallen und damit höhere Einnahmen für die Staatskasse. Derzeit belaufen sich die Jahreseinnahmen der automatischen Blitzer auf 920 Millionen Euro.

Mit Outsourcing hoheitlicher Aufgaben wird zwar auch in Österreich und mehreren deutschen Bundesländern experimentiert. "Doch nur in sehr engem Rahmen dürfen sich Kommunen privater Firmen als Unterstützung bedienen", sagt ADAC-Experte Markus Schäpe. "Weder die Auswahl der Messstelle noch die Überwachung des Messbetriebs dürfen dabei delegiert werden", so der Leiter der juristischen Zentrale. Und versichert: Es ist nicht erkennbar, dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändert."

Die Messgeräte sind diskret neben den Autonummern versteckt

Anders sieht es in Frankreich aus, wo binnen der nächsten zwei Jahre der Betrieb mobiler Radarfallen vornehmlich an Privatfirmen übergeht. Den Anfang machte die Region Normandie.

Vorerst fünf Wagen sind dort unterwegs. "Bis zum Sommer sollen dann 26 Fahrzeuge im Einsatz sein", sagt Emmanuel Barbe, Beauftragter für Verkehrssicherheit bei der Vorstellung der Pläne in der Präfektur von Évreux. Bis 2020 werden 383 derartiger Messwagen landesweit Verkehrskontrollen fahren. "Wir wollen die Blitzer-Kapazität erhöhen", erläutert Sicherheitsbeauftragter Barbe. Und zwar acht Stunden pro Tag, an Sonn- wie Feiertagen. Bisher war das Hightech-Equipment gerade mal eineinhalb Stunden täglich in Betrieb.

Die Messgeräte sind diskret neben den Autonummern versteckt, der Bildschirm auf dem Armaturenbrett erscheint wie ein großes GPS und die rückwärtigen Kameras ähneln Lautsprecherboxen einer Stereoanlage. Der Wagenpark der privaten Radarjäger, bislang bestehend aus Peugeots 308, wird auf weitere Marken ausgedehnt: Klein- und Mittelklassemodelle wie Dacia Sandero, Renault Clio oder Citroën Berlingo.

Automobilverbände laufen Sturm gegen die private Jagd auf Verkehrssünder

Wo es bislang zweier Beamte bedurfte - einer am Lenkrad, einer zuständig für die Bedienung der Messgeräte -, sitzt bei den Sicherheitsfirmen nur eine Person im Pkw: Die neuen Radarautomaten erfassen Geschwindigkeitsübertretungen, die GPS-Daten, Zeit und Fotos gehen zur Auswertung direkt an das nationale "Zentrum für Verkehrsübertretungen" in Rennes. Eine der Firmen, die in der Normandie den Zuschlag für die Überwachung erhielt, ist die Firma Mobiom.

Frankreichs Automobilverbände laufen Sturm gegen die private Jagd auf Verkehrssünder und rügen den Betrieb der Radarfallen an externe Firmen als "Big-Brother"-Verfahren. Die Liga zur Verteidigung der Autofahrer sammelte für seine Petition 427.000 Unterschriften, der Verein "40 Millionen Autofahrer" legte beim Staatsrat Widerspruch ein: "Es geht dabei doch nur darum für den Staat wesentliche Einnahmen zu scheffeln".

insgesamt 83 Beiträge
sametime 12.05.2018
1. So wird es günstig:
Man kann sämtliche Radarfallen austricksen, indem man sich an die erlaubte Geschwindigkeit hält. Wenn der französische Staat jährlich 920 Millionen Euro über Bußgelder einnimmt, dann bedeutet es doch nur, dass sich die Leute [...]
Man kann sämtliche Radarfallen austricksen, indem man sich an die erlaubte Geschwindigkeit hält. Wenn der französische Staat jährlich 920 Millionen Euro über Bußgelder einnimmt, dann bedeutet es doch nur, dass sich die Leute nicht an die Geschwindigkeit halten. Wie wäre es denn mit einem Geschwindigkeitsboykott? Außerorts immer 10-20km/h langsamer als erlaubt fahren, innerorts 10. Dann sind auch die privaten Firmen schnell pleite und überlassen die Kontrolle lieber dem Staat.
c.gebel 12.05.2018
2.
Das wäre ja mal ein sinnvoller Privatisierungsansatz im Straßenverkehr. Aber bei uns wird das nichts – an einer ernsthaften Verfolgung von Temposündern besteht in Deutschland nun mal kein Interesse.
Das wäre ja mal ein sinnvoller Privatisierungsansatz im Straßenverkehr. Aber bei uns wird das nichts – an einer ernsthaften Verfolgung von Temposündern besteht in Deutschland nun mal kein Interesse.
sge170868 12.05.2018
3. Geld scheffeln für den Staat?
Haltet euch an die Geschwindigkeit und niemand wird abgezockt! Dann erledigt sich das von alleine,da Staat und diese privaten nix verdienen. Einfach an die bestehenden Regeln des jeweiligen Landes halten.
Haltet euch an die Geschwindigkeit und niemand wird abgezockt! Dann erledigt sich das von alleine,da Staat und diese privaten nix verdienen. Einfach an die bestehenden Regeln des jeweiligen Landes halten.
uhrentoaster 12.05.2018
4. Eine interessante Idee
Da die Polizei häufig überfordert ist, fände ich es gut, so etwas auch in Deutschland einzuführen. Allerdings sollten nicht nur Temposünder kontrolliert werden, sondern vor allem Falschparker und Leute, die während der Fahrt [...]
Da die Polizei häufig überfordert ist, fände ich es gut, so etwas auch in Deutschland einzuführen. Allerdings sollten nicht nur Temposünder kontrolliert werden, sondern vor allem Falschparker und Leute, die während der Fahrt unbedingt ihr elektronisches Spielzeug benutzen müssen.
irungold 12.05.2018
5. Verstehe den Aufschrei nicht ...
wenn man sich an die Regeln hält passiert ja nichts. Würde ich hier auch begrüßen wenn damit die Id**** welche meinem permanent zu schnell zu fahren und nur direkt vor dem bekannten Blitzer aufs Eisen zu steigen, mehr und [...]
wenn man sich an die Regeln hält passiert ja nichts. Würde ich hier auch begrüßen wenn damit die Id**** welche meinem permanent zu schnell zu fahren und nur direkt vor dem bekannten Blitzer aufs Eisen zu steigen, mehr und kräftiger vorallem öfter bestraft werden können. Bis sie es lernen, wenn sich alle dann an die Gemeinschaftlichen regeln halten, haben die Firmen nichts mehr zu tun und stellen den Betrieb wieder ein.
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