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Mobilität

Genfer Autosalon

Welche E-Autos kann man wirklich schon kaufen?

Die Hersteller geben sich auf dem Genfer Autosalon grün - und präsentieren jede Menge Elektrofahrzeuge. Aber sind die wirklich reif für den Alltagsgebrauch? Ein Messe-Rundgang mit einem Experten.

Microlino
Von Michael Specht
Freitag, 09.03.2018   17:37 Uhr

Hohe Nachfrage, lange Lieferzeiten - das klingt für Autofans immer noch nach der Luxusklasse. Nach Modellen wie dem neuen Viertürer von AMG oder einem neuen Sondermodell des Porsche 911. Richtig lange warten müssen die Kunden aber ganz woanders: nämlich beim Kauf eines Elektroautos. Die Hersteller kommen mit der Produktion einfach nicht hinterher.

Die Nachfrage ist also da, die Autos fehlen bisher. Aber haben die Autohersteller die Zeichen der Zeit erkannt? Diese Frage soll ein Rundgang durch die Messehallen beim diesjährigen Genfer Autosalon klären. Mit dabei ist Dr. Klaus Schmitz, Automotive-Berater und Partner der renommierten Unternehmensberatung Arthur D. Little.

Eine ordentliche Portion Zukunft gibt es bei Volkswagen, vier Elektrostudien drehen sich hier im Rampenlicht. "Das ist schon eine deutliche Ansage in Richtung Elektromobilität", sagt Schmitz. Nur: Kaufen kann man die Autos erst mal nicht. Zwar sind die Studien konkrete Zusagen, los geht es bei VW aber erst Ende nächsten Jahres.

Das jüngste Mitglied der I.D.-Familie von Volkswagen ist der Vizzion, eine knapp fünf Meter lange Elektrolimousine. Sie soll das neue Flaggschiff der Marke werden - ab 2022, wohlgemerkt. Drei Jahre später, so der Plan, sollen konzernweit mehr als 15 E-Autos auf der neu konstruierten MEB-Architektur stehen. "Anbieter wie VW müssen in hohen Volumina denken, sonst geht die Rechnung nicht auf", so Schmitz, "andere können da schon mit viel geringeren Stückzahlen zurechtkommen."

Starke Konkurrenz aus Südkorea

Bei Hyundai, einem der größten Konkurrenten von Volkswagen, scheint die Rechnung heute schon aufzugehen. Die Koreaner bieten den Kona mit E-Motor an, Schmitz hält das für einen geschickten Schachzug: "Hier kommen Elektroantrieb, kompakte Abmessungen, ein attraktives Design und das trendige City-SUV-Konzept optimal zusammen. So etwas brauchen die Portfolios der Hersteller."

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Genfer Autosalon: Die E-Neuheiten

Schmitz sieht die koreanischen Hersteller in der Favoritenrolle, zumindest beim elektrischen Antrieb: "Hyundai und Kia denken ebenso in großen Stückzahlen, mit dem Vorteil, in Sachen Batterietechnologie örtlich sehr nahe an großer Zell-Kompetenz zu sein." Immerhin haben mit Samsung und LG Chem zwei Batteriegiganten ihren Hauptsitz ebenfalls in Südkorea.

Doch auch bei Fahrzeugen mit Brennstoffzellenantrieb mischen die Koreaner mit, Hyundai verkauft ab Sommer mit dem Nexo bereits die zweite Generation seines Wasserstoffautos. Neben den Koreanern bietet derzeit auch Toyota ein Modell mit Brennstoffzelle an, ab Herbst dann auch Mercedes. Doch die Brennstoffzelle ist für Schmitz im Moment noch nicht die ideale Lösung: "Hier sehen wir Schwierigkeiten bei der Infrastruktur. Perfekt wäre es, man würde Wasserstoff regenerativ herstellen und wie Erdgas durch Pipelines schicken."

Tesla bleibt zu Hause

Trotz der vielen alternativen Antriebe fehlt ein wichtiger Wettbewerber auf der Messe: Tesla. Präsent sind die Kalifornier trotzdem - als Messlatte. Nach Schmitz' Meinung hat Elon Musks Firma eine "gute Starthilfe" gegeben. "Für die Branche ist Tesla mehr Segen als Fluch, wenn auch ein inzwischen sehr ernstzunehmender Wettbewerber." Einer, dem die deutschen Hersteller bisher aus dem Weg gegangen sind.

Als Erster der etablierten Hersteller steigt nun Jaguar gegen den Neuling in den Ring: Die Briten präsentieren zur Überraschung vieler Beobachter einen verkaufsfertigen Elektro-Crossover. Der I-Pace wird knapp 80.000 Euro kosten, wenn er im Sommer auf den Markt kommt und damit der erste wirkliche Tesla-Gegner aus Europa sein.

Deutsche E-Autos lassen auf sich warten

Die deutschen Herausforderer laufen sich bis dahin noch warm, als Erster wird der Audi e-tron bei den Händlern stehen, vermutlich auf gleichem Preisniveau. Die Ingolstädter haben den Allrad-Crossover zwar noch im Tarnkleid zur Messe gebracht, er soll aber ebenfalls ab der zweiten Jahreshälfte zu kaufen sein. 2019 folgt aus deutscher Sicht Mercedes mit ECQ und EQA, 2020 dann BMW mit dem i4.

In einem Dilemma steckt dagegen Porsche. Wie bei Audi fehlt es noch an einer einheitlichen Architektur für künftige E-Modelle. Die soll PPE (Premium Plattform Elektrik) heißen und von beiden Herstellern gemeinsam entwickelt werden. Bis dahin stehen die E-Modelle auf Solitär-Plattformen, so auch der Mission E Cross Turismo, den Porsche mit nach Genf brachte. Offiziell gilt die Mischung aus Outdoor-Kombi, SUV und Sportwagen als Studie, soll aber zu 80 Prozent der Serie entsprechen. Für Schmitz ist es nur logisch, dass die Zuffenhausener dem ersten Mission E schnell ein zweites Modell folgen lassen: "Porsche muss glaubhaft rüberbringen, wie man sein Sport- und Rennwagen-Image in die Zukunft transferiert. In Sachen Beschleunigung sind Elektroautos ja unschlagbar, das hat fast Suchtpotenzial."

Genau dieses Suchtpotenzial möchte LYCHI ansprechen. Die Marke kommt aus China, das Land ist mittlerweile die Nummer eins, was die Neuzulassung von E-Autos betrifft. Ihr Name bedeutet übersetzt so viel wie "schnelles grünes Auto". Und genau das bietet die ausgestellte Limousine "Venere": Sie misst über fünf Meter und bringt es mit ihren vier Motoren auf knapp 1000 PS, der Preis soll bei rund 250.000 Euro liegen. Für Schmitz der falsche Ansatz: "Der Durchbruch der Chinesen kommt nicht von Exoten mit astronomischen Leistungen. Es braucht massen- und stadttaugliche Lösungen."

Ein neuer Herausforderer kommt aus der Schweiz

So eine Lösung hat ausgerechnet eine Firma aus der Schweiz parat: Microlino will für rund 13.000 Euro einen knuffigen Stromer vertreiben, der viele ältere Bürger an die BMW Isetta aus den 50er-Jahren erinnern dürfte. Von diesem Konzept ist Schmitz jedoch nicht überzeugt: "Retro mag ja attraktiv und emotional sein, das haben Mini und Fiat mit 500 gezeigt, aber billig läuft nicht. Aus Kundensicht darf das Elektroauto aber auf keinen Fall ein Verzichtsauto sein, ganz zu schweigen von Sicherheitsaspekten. Da ist für viele beispielsweise ein Smart EQ das deutlich sinnvollere Gefährt, auch wenn er etwas mehr kostet."

Diese Haltung werden vor allem die deutschen Hersteller teilen, von denen manche auch Auftraggeber von Schmitz sind. Bei Mercedes, BMW, Audi und auch bei Volkswagen hat E-Mobilität immer einen starken Hang zu luxuriöser Ausprägung. Einerseits verständlich - immerhin lässt sich mit so positionierten Fahrzeugen die größere Marge machen. Gleichzeitig zeigt der Erfolg des Elektrolastwagens Streetscooter, der von der RWTH Aachen entwickelt wurde und längst ein Verkaufsschlager ist, dass es durchaus einen Markt für zweckorientierte E-Mobile gibt.

Und, Stichwort Microlino: In überfüllten Großstädten quer in die Parklücke zirkeln zu können und dann über die Fronttür direkt auf den Bürgersteig aussteigen zu können - das ist eine zeitgemäße Interpretation von Luxus.

Beim Smart müssen die Kunden vor allem auf eines verzichten - das Auto. Wer heute einen elektrischen Smart kauft, bekommt ihn frühestens zu Weihnachten, vollelektrisch wird die Marke erst 2020. Den Microlino soll es dagegen wie den Jaguar I-Pace bereits ab Sommer zu kaufen geben. Wer ein E-Auto kaufen will, braucht also auch weiterhin Geduld - vor allem bei den deutschen Herstellern.

insgesamt 118 Beiträge
transatco 09.03.2018
1. Das ist mir Alles zu herkömmlich gedacht!
Die Autos sehen eben aus wie sonstige Stylingstudien von Verbrennern!! Ich hatte es schon einmal geschrieben!, ein Elektroauto braucht keine Motorhaube mehr! Allenfalls eine aerodynamische Front. Und komme mir keiner mit [...]
Die Autos sehen eben aus wie sonstige Stylingstudien von Verbrennern!! Ich hatte es schon einmal geschrieben!, ein Elektroauto braucht keine Motorhaube mehr! Allenfalls eine aerodynamische Front. Und komme mir keiner mit ungefederten Massen durch Motoren direkt am Rad! Diese könnten vom Rad selbst hydraulisch oder pneumatisch entkoppelt sein und hätten trotzdem locker im Felgeninnenraum Platz! Auch Knautschzonen sind kein Argument, da in Zukunft elektronische Systeme jedes Hindernis ob fest oder vorausfahrend leicht erkennen und rechtzeitig verzögern können! Auch die Karosserieüberhänge sind nicht mehr notwendig, da es keine Antriebsstränge mehr gibt! Dadurch hätten im Bodenbereich also im tiefstmöglichen Schwerpunkt die größtmöglichen Batterien Platz. Mir kommen die Entwürfe von der Isetta mal abgesehen (und die ist ja auch nicht neu sondern nur zufällig eben eine für E-Autos besser geeignete Form) so vor wie die ersten Automobile mit Verbrenner die letztendlich nur Kutschen mit Motor und Lenkrad waren! Innovativ ist das hier nicht wirklich! Styling halt, aber keine echte Neukonzeption Tut mir leid!
HISXX 09.03.2018
2. Man glaubt es nicht
Seit 30 Jahren wird über Elektroautos geredet, aber bis heute haben die deutschen Massenhersteller anscheinend absolut nichts, was man kaufen könnte. Immer nur Studien, Studien, Studien und großspurige Ankündigungen. Es [...]
Seit 30 Jahren wird über Elektroautos geredet, aber bis heute haben die deutschen Massenhersteller anscheinend absolut nichts, was man kaufen könnte. Immer nur Studien, Studien, Studien und großspurige Ankündigungen. Es müste doch möglich sein, einen E-Polo mit 300 km Reichweite für 25000€ anzubieten. Es muss doch kein High Tech mit allem Luxus sein, einfach ein Alltagsauto für den Weg zur Arbeit. Kürzlich war ich in China. Die erste Fahrt meines Lebens in einem richtigen Elektroauto - das Taxi vom Flughafen. Normale Limousine, chinesisches Produkt, 270 km Reichweite. Sah nicht allzu teuer aus. In China eine Alltäglichkeit, da redet man gar nicht mehr drüber. Es ist zum verzweifeln!
lex1976 09.03.2018
3.
EIn Viersitzerfür 80.000 - 2 Mio. €, klasse Sache. Schade dass jeder Fünfte Hierzulande jeden € zweimal umdrehen muss oder schon verarmt ist. Wird wohl doch ein benzinbetriebener Golf 4 eher in Frage kommen bei einer [...]
EIn Viersitzerfür 80.000 - 2 Mio. €, klasse Sache. Schade dass jeder Fünfte Hierzulande jeden € zweimal umdrehen muss oder schon verarmt ist. Wird wohl doch ein benzinbetriebener Golf 4 eher in Frage kommen bei einer Neuanschaffung.
xyz890 09.03.2018
4.
Deutschland ist eben auch genau so wie beim digitalen Neuland des Internets, Neuland des E-Autos. Die Zukunft ist schon seit Langem in Asian dank verschlafender, Lobby hörender, deutscher Politiker.
Deutschland ist eben auch genau so wie beim digitalen Neuland des Internets, Neuland des E-Autos. Die Zukunft ist schon seit Langem in Asian dank verschlafender, Lobby hörender, deutscher Politiker.
solna 09.03.2018
5. China
Wir sind abgemeldet. Bei Hobby-Drohnen, E-Scootern und -Autos haben uns die Chinesen längst überholt. Gut so, mehr Zeit, um Bücher zu lesen und Sprachen zu lernen. Dann wird uns auch auffallen, dass "Lychi" nicht [...]
Wir sind abgemeldet. Bei Hobby-Drohnen, E-Scootern und -Autos haben uns die Chinesen längst überholt. Gut so, mehr Zeit, um Bücher zu lesen und Sprachen zu lernen. Dann wird uns auch auffallen, dass "Lychi" nicht 'schnelles grünes Auto' heißt, sondern 'grünes Auto' (Pinyin-Umschrift: lü che, analog zu grünem Tee, lü cha).
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