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Mobilität

Unfälle mit Lkw

Diese Technik kann Radfahrer schützen

Jedes Jahr sterben im Schnitt 28 Radfahrer in Deutschland, weil Lkw-Fahrer sie beim Abbiegen übersehen. Dabei gibt es längst Möglichkeiten, die Gefahr deutlich zu senken.

DPA
Von Sabine Franz
Mittwoch, 09.05.2018   03:56 Uhr

Die Serie reißt seit Jahren nicht ab, das Muster ist immer das gleiche - tödliche Unfälle durch abbiegende Lkw. In Hamburg starb am Montag eine 33-jährige Mutter auf dem Weg zur Arbeit. Die junge Frau befand sich mit ihrem Fahrrad auf dem Radstreifen, fuhr geradeaus, als ein Lkw nach rechts abbiegen wollte - und sie dabei überrollte.

Durchschnittlich 3200 Kollisionen von Lkw und Fahrradfahrern jährlich vermeldet die Unfallforschung der Versicherer (UDV). Nüchtern lautet die Opfer-Statistik jedes Jahr: rund 660 verletzte Radfahrer und 70 Tote, etwa ein Drittel von ihnen kommt bei Abbiegeunfällen ums Leben. Viele der tragischen Zusammenstöße wären vermeidbar, denn es gibt bereits technische Mittel, die - besonders in Kombination - Leben retten können:

Elektronischer Abbiegeassistent beim Lkw

Über 40 Prozent aller Unfälle zwischen Lkw und Radfahrern könnte ein elektronischer Abbiegeassistent verhindern und mehr als jedem dritten Unfallopfer das Leben retten. Dies hat die UDV in einem mehrjährigen Forschungsprojekt ermittelt und fordert diese Technologie für Lkw in Kombination mit einer Notbremsfunktion. Seit 2016 bietet bislang nur Daimler den Totwinkelwarner für rund 2500 Euro bei einigen Modellreihen an. Per Radar überwacht dieser seitlich einen 3,75 Meter breiten sowie bis zu 18,85 Meter langen Streifen.

Erfasst der Abbiegeassistent einen Radfahrer, schaltet sich auf der Beifahrerseite eine gelbe Warnleuchte ein. Droht Kollisionsgefahr, blinkt eine rote Leuchte und ein akustisches Warnsignal ertönt zusätzlich. Bremsen muss der Fahrer dann allerdings selbst, eine automatische Notbremsfunktion gibt es nicht. Mercedes Benz hat 2017 jeden vierten Lkw in Deutschland mit Abbiegeassistent ausgeliefert.

Selbst aktiv wurde die Lebensmittelkette Edeka Südbayern. Dort rüstete der technische Leiter Anton Klott die Lkw-Flotte mit einem eigens entwickelten Abbiegeassistenten aus. Per Kamera an der Zugmaschine und Bildschirm im Führerhaus kann der Fahrer den toten Winkel komplett einsehen und wird bei Gefahr optisch und zusätzlich durch zwei Sensoren an der rechten Seite akustisch gewarnt. Abbiegeassistent und Kamera werden bei einer Geschwindigkeit unter 30 km/h über den Blinker sowie bei jeder Lenkbewegung nach rechts aktiviert. Kosten: 500 Euro (ohne Einbau) pro Fahrzeug.

bike flash

Warnleuchte Bike-Flash

Bike-Flash - Wärmesensor erkennt Radfahrer

Vier gewinnt - nach diesem Motto entwickelte der Flensburger Martin Budde das System Bike-Flash zur Installation an Kreuzungen und Ampelmasten. Vier LED-Warnleuchten blinken in unterschiedlichen Höhenstufen, sobald ein Radfahrer im toten Winkel per Wärmesensorik in einer Zone bis zu 16 Meter Entfernung erkannt wird. Die vier blinkenden Leuchtbügel sind sowohl von Pkw-Fahrern, deren Sicht zum Beispiel durch breite B-Säulen behindert ist, als auch vom erhöhten Lkw-Führerhaus während des kompletten Abbiegevorgangs gut zu sehen. Also auch dann, wenn das Fahrzeug bereits losgefahren ist.

In umfangreichen Langzeittests habe sich Bike-Flash unter verschiedensten Witterungsbedingungen wie Kälte, Schnee, Regen oder bei gleißendem Sonnenlicht ohne Ausfälle bewährt, garantiert der Macher. Das Warnsystem ist TÜV-zertifiziert. Vertrieben wird Bike-Flash vom Husumer Unternehmen MRS Mobile Road Safety, etwa 15.000 Euro kostet eine Anlage, Budde sagt eine Lebensdauer von zirka 20 Jahren voraus. Aktuell will der nordfriesische Kurort Sankt Peter Ording Bike-Flash in einem Testlauf erproben.

DPA

Eine Ampel mit eingebautem Spiegel

Trixi-Spiegel für mehr Rück-Sicht

Benannt ist der Spiegel nach der Tochter seines Erfinders Ulrich Willburger. Denn auch Beatrix wurde 1994 auf ihrem Fahrrad von einem rechts abbiegenden Lkw überrollt und überlebte schwer verletzt.

Willburgers Idee: Ein Konvexspiegel oberhalb der Ampelanlage soll den toten Winkel schlicht verschwinden lassen. In Freiburg wurden 2007 circa 160 Kreuzungen mit Trixi-Spiegeln ausgestattet. Detaillierte Auswertungen liegen zwar bislang nicht vor, doch seit Einführung gab es nur noch einen Abbiegeunfall mit tödlichem Ausgang. Zuvor starben innerhalb von sechs Jahren neun Radfahrer.

Eine Umfrage der TU Kaiserslautern bestätigte außerdem, dass für 90 Prozent der Brummifahrer die Spiegel eine gute Hilfe waren, trotz der meist vier vorhandenen Außenspiegel nutzten die Fahrer auch den zusätzlichen Trixi-Spiegel. Martin Haag, Leiter des Forschungsprojekts, weist jedoch darauf hin, dass die Spiegel vor allem vor dem Abbiegevorgang hilfreich sind, einmal angefahren würden sie keine zusätzliche Sicht verschaffen.

Trixis seien daher ein Baustein von mehreren zur Verkehrssicherheit. Die Stadt Osnabrück rüstete jüngst Kreuzungen um 50 weitere Spiegel eines anderen Herstellers auf, 70 waren vor gut zwei Jahren montiert worden. Die Spiegel seien nicht nur ein Instrument, um die Sichtbarkeit von Radfahrern zu erhöhen, sondern auch ein Symbol für Verkehrsteilnehmer, dass besondere Vorsicht geboten sei, betont der Osnabrücker Stadtbaurat Frank Otte.

insgesamt 114 Beiträge
StefanieTolop 09.05.2018
1. Nicht nur ein LKW-Problem
In Japan gibt es eine sehr clevere Lösung: dort schreibt der Gesetzgeber vor, dass die Fenster auf der Beifahrerseite bis zum Boden runter reichen müssen. Damit sieht der LKW-Fahrer Fußgänger und Radfahrer deutlich besser. Es [...]
In Japan gibt es eine sehr clevere Lösung: dort schreibt der Gesetzgeber vor, dass die Fenster auf der Beifahrerseite bis zum Boden runter reichen müssen. Damit sieht der LKW-Fahrer Fußgänger und Radfahrer deutlich besser. Es gibt auch einige andere Techniken, die sich deutsche Automobilhersteller patentrechtlich sichern haben lassen und die Nutzung der technischen Lösung nun blockieren. Das Überfahren von Fußgängern und Radlern ist aber nicht nur ein Problem der LKWs. Es gibt eine ganze Menge rücksichtsloser Autofahrer, die beim Abbiegen keinen Schulterblick riskieren, sondern einfach mit Karacho um die Ecke fahren. Da würde auch die beste Technik nicht helfen.
dasfred 09.05.2018
2. Spiegel sind noch die schnellste Lösung
Sie sind preiswert herzustellen, können schnell montiert werden und es ist egal, wie modern der Lastwagen ausgerüstet ist.
Sie sind preiswert herzustellen, können schnell montiert werden und es ist egal, wie modern der Lastwagen ausgerüstet ist.
yehoudin 09.05.2018
3. Technik?
Wenn mich der andere überfährt ist er selber schuld. Also überhole ich rechts weil es mein Recht ist. Und das ist tatsächlich das Recht des Radfahrers. Vielleicht geht es viel einfacher als mit all der Technik: die StVO [...]
Wenn mich der andere überfährt ist er selber schuld. Also überhole ich rechts weil es mein Recht ist. Und das ist tatsächlich das Recht des Radfahrers. Vielleicht geht es viel einfacher als mit all der Technik: die StVO einfach der Realität anpassen und Kampfradler in sichere Schranken verweisen.
fritzberg11 09.05.2018
4. Viel einfacher
Es gibt schon immer eine viel einfachere, wesentlich sichere und viel billigere Methode solche Unfällezu verhindern: Als Radfahrer einfach mal den Kopf drehen und schauen. Man sollte sich nicht immer nur darauf verlassen dass [...]
Es gibt schon immer eine viel einfachere, wesentlich sichere und viel billigere Methode solche Unfällezu verhindern: Als Radfahrer einfach mal den Kopf drehen und schauen. Man sollte sich nicht immer nur darauf verlassen dass andere alles richtig machen sondern auch mal selbst denken.
baghira1 09.05.2018
5. Zweiter Fahrer und Tempo 30 Innerstädtisch
Warum wird in Städten nicht ein zweiter Fahrer verpflichtend vorgeschrieben? Das gibt mehr Sicherheit, als alle teure Technik. Auch gut wäre eine Senkung der Geschwindigkeitsbegrenzung in Städten, damit wäre auch viel [...]
Warum wird in Städten nicht ein zweiter Fahrer verpflichtend vorgeschrieben? Das gibt mehr Sicherheit, als alle teure Technik. Auch gut wäre eine Senkung der Geschwindigkeitsbegrenzung in Städten, damit wäre auch viel geholfen.
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