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Mobilität

Motorisierter Mord

Die Jedermann-Waffe

Die Amokfahrt von Münster zeigt, wie leicht sich Autos zu Mordwerkzeugen machen lassen. Neu ist das leider nicht - ein Rückblick.

DPA

Täterfahrzeug von Münster

Von
Mittwoch, 11.04.2018   13:26 Uhr

Dieser Text erschien zuerst auf unserem Angebot SPIEGEL DAILY.

Am 10. Juli 1973 erkannte Olga Hepnarová ihre Chance. Anders als wenige Tage zuvor, als die Lkw-Fahrerin erstmals suchend mit ihrem Lastwagen durch Prag kreiste, fand sie im siebten Bezirk eine große Gruppe Menschen dicht an dicht an einer Straßenbahnhaltestelle stehend.

Sie gab Gas und fuhr mitten hinein in die Menge. Ihr Motiv hatte sie vorab zu Papier gebracht: psychische Probleme, für die sie die Gesellschaft verantwortlich machte. Deshalb wolle sie so viele Menschen wie möglich töten. Acht Opfer verloren ihr Leben.

Der Fall gilt als erste Mordattacke mit einem Lkw, doch es ist wahrscheinlich, dass es auch schon frühere gab.

Dass Autos und Lkw auch tödliche Waffen sein können, ist keine neue Erkenntnis. 3.177 Menschen starben 2017 auf Deutschlands Straßen, die meisten in oder durch Autos.

Die Absicht macht den Unterschied

Die eigentlich erschreckende Zahl gilt als erfreulich, weil es die niedrigste seit über 60 Jahren ist. Aber sie erschreckt uns vor allem deshalb nicht, weil sie für Unfälle steht, für meist als schicksalhaft verbuchte Unglücke - und nicht etwa für gezielt ausgeführte Mordtaten.

Doch auch die gibt es, immer wieder und seit langer Zeit. Und am Steuer sitzen dann beileibe nicht unbedingt Terroristen, sondern auch Kriminelle, psychisch Kranke, durchgedrehte Choleriker oder Menschen, die den Tod suchen, ihn zugleich aber auch anderen bringen wollen.

Die Mär von der "islamistischen Waffe"

Nach der erschütternden Attacke von Münster irritierte die AfD-Abgeordnete Beatrix von Storch durch eine Reihe von Tweets. Zuerst hatte sie die Attacke per Tweet der Flüchtlingspolitik Angela Merkels angelastet.

Als klar wurde, dass der Täter weder Islamist noch Immigrant war, sondern psychisch krank und Sauerländer, erklärte sie dessen Tat zur "Nachahmung" einer vermeintlich islamistischen Terrormethode.

Von der Wahrheit könnte auch das kaum weiter entfernt sein. Denn es ist zwar richtig, dass solche Attacken, meist im Verbund mit Sprengsätzen, sehr früh auch von Aufständischen oder Terroristen als niederschwellige Möglichkeit entdeckt wurden, Tod und Zerstörung zu verursachen.

Gerade die Attacken durch Rammen und Überfahren waren aber über Jahrzehnte eher das Merkmal von Affekttaten oder solcher psychisch kranker Täter.

Das Auto als rammendes Mordwerkzeug

Olga Hepnarová steht mit ihren Rachegelüsten gegen die Gesellschaft fast schon prototypisch für einen häufigen Tätertypus, der Autos zur Mordwaffe macht. Psychologen sehen solche Taten oft als "erweiterten Suizid", bei dem ein Selbstmordwilliger andere willentlich mit in den Tod reißt.

So war das offenbar auch im Fall der fürchterlichen Attacke von Münster. Nach SPIEGEL-Informationen meldete der Vater des Täters bereits im Jahr 2015 dem sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt, dass sein Sohn suizidgefährdet sei. Doch der erkannte weder da noch bei späteren Kontakten in den Jahren 2016 und 2017 eine akute Selbstmordgefahr.

Auch warnende Hinweise von Bekannten des späteren Münsteraner Täters an die Polizei blieben ohne Folgen. Am 7. April raste der schließlich mit seinem VW-Bus in ein Café in Münster, tötete 2 Menschen, verletzte 32 weitere und erschoss sich selbst.

Im Englischen spricht man in solchen Fällen wenig beschönigend von "murder-suicide", also mörderischem Selbstmord. Viele davon scheinen durch außer Kontrolle geratene Wut oder Rachegelüste motiviert zu sein, manche geschehen unter Drogeneinfluss, aber sehr oft stehen eben Depressionserkrankungen oder Psychosen dahinter.

Solche Fälle kennt man aus allen Ländern und Kulturen:

Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Allein 2017 kam es zu mindestens 14 Attacken, bei denen Täter ohne terroristische, religiöse oder politische Motive Kraftfahrzeuge dazu missbrauchten, gezielt Menschen zu töten oder zu verletzen.

Betroffen waren unter anderem Brasilien, Belgien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Guatemala, die USA und Venezuela. Schwer zu erfassen sind Fälle, in denen Suizidale willentlich andere Autos rammen, um ihrem Leben ein Ende zu setzen: Man kann davon ausgehen, dass es jedes Jahr Hunderte solcher Fälle gibt.

Insgesamt sind sogenannte erweiterte Suizide jedoch äußerst selten. Sie erschrecken nur ganz besonders, weil wir sie als außergewöhnlich willkürliche, brutale Taten empfinden - ganz ähnlich wie Terrorakte.

Das Kraftfahrzeug als Terrorwaffe

Fahrzeuge gehören seit Jahrhunderten auch zum Waffenarsenal von Attentätern, Aufständischen und Terroristen.

Anfänglich waren sie meist Träger von Sprengfallen: Auf die Idee kamen wahrscheinlich die Belgier, als sie in der Nacht zum 5. April 1585 sprengstoffbeladene Schiffe nutzten, die mithilfe von Zeitzündern zur Explosion gebracht wurden, um die Blockade des Antwerpener Hafens durch die spanische Flotte zu brechen.

Am Heiligen Abend 1800 versuchten Oppositionelle, die Herrschaft von Kaiser Napoleon mithilfe einer sprengstoffgeladenen Kutsche zu beenden. Als erste Autobombe gilt das Gefährt des Amokläufers, der am 18. Mai 1927 in Bath, Michigan, 44 Schulkinder und sich selbst in die Luft sprengte.

Als billige, überall verfügbare und unauffällige Terrorwaffe erkannte die paramilitärische Lehi-Gruppe das Auto, das sie in den frühen Vierzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts als Bombenträger gegen Palästinenser und britische Besatzungstruppen in Palästina einsetzte.

Das Beispiel machte Schule: Keine Terrororganisation des 20. und 21. Jahrhunderts verzichtete seitdem auf Autobomben - zunächst als Sprengfallen abgestellt, später auch für Selbstmordeinsätze, bei dem auch die kinetische Energie des sich bewegenden Vehikels genutzt wird, um beispielsweise vor Sprengung Absperrungen oder Mauern zu durchbrechen.

Das Auto als Waffe des "Mikro-Terrorismus"

Relativ neu ist allerdings der terroristische Einsatz des Kraftfahrzeugs als rammende Mordwaffe. Als erste dokumentierte Attacke dieses Typs gilt die Azor-Attacke vom Februar 2001 - auch das sehr deutlich vor Einsetzen des aktuellen islamistischen Terrors. Damals fuhr ein palästinensischer Terrorist gezielt mit einem Bus in eine Gruppe israelischer Soldaten und tötete acht Menschen. Seitdem kam es zu mindestens 26 solcher Attacken, die meisten davon in Israel.

Zuletzt stieg die Frequenz solcher Angriffe, nachdem der sogenannte Islamische Staat die Taktik 2014 übernahm. Seitdem häufen sich diese Attacken auch in den westlichen Ländern. Sie sind also prinzipiell nichts Neues: Neu ist nur, dass sie nun auch uns betreffen.

Terrorexperten sehen Kraftfahrzeugattacken wie den Angriff auf den Berliner Weihnachtsmarkt als Merkmal eines neuen, niedrigschwelligen "Mikro-Terrorismus". Der ist ganz besonders erschreckend, weil er prinzipiell ohne jede Vorbereitung, ohne Waffen oder aufwendige Sprengstoffbesorgung von jedem Täter umzusetzen ist.

Video: Amokfahrt in Münster

Foto: SPIEGEL TV
insgesamt 19 Beiträge
rumpelstilzchen1980 11.04.2018
1. Alltag in Deutschland - Kalter motorisierte Krieg
Bedrohen, nötigen, abdrängen und rammen ist Altlag auf der Straße. Am Ende sind es fast 400.000 Verletzte pro Jahr auf den Straßen. Konsquente Amokfahrten sind dda nur die skurile Spitze, in Münster waren es 2 der [...]
Bedrohen, nötigen, abdrängen und rammen ist Altlag auf der Straße. Am Ende sind es fast 400.000 Verletzte pro Jahr auf den Straßen. Konsquente Amokfahrten sind dda nur die skurile Spitze, in Münster waren es 2 der täglich rund 10 Toten an einem spektakulären Ort. Mehr nicht. Und wir haben uns alle an den Wahnsinn gewöhnt. Das Auto als Waffe: In jeder Minute auf der Autobahn herrscht kalter Krieg der schnell heiß werden kann.
vox veritas 11.04.2018
2. Ratlos
Wenn in Münster nicht ein Auto, sondern eine Schußwaffe verwendet worden wäre, hätte ich gesagt: "Verschärft das Waffengesetz". Aber so, ...... ?
Wenn in Münster nicht ein Auto, sondern eine Schußwaffe verwendet worden wäre, hätte ich gesagt: "Verschärft das Waffengesetz". Aber so, ...... ?
SPONU 11.04.2018
3. Ein Verbrecher
...wird immer Mittel und Wege finden, sein Verbrechen zu verüben. Und wenn er sich vom Einsatz eines Werkzeugs eine grössere Wirkung verspricht, so wird er dies auch anwenden. Ein Verbrecher lässt sich weder von der [...]
...wird immer Mittel und Wege finden, sein Verbrechen zu verüben. Und wenn er sich vom Einsatz eines Werkzeugs eine grössere Wirkung verspricht, so wird er dies auch anwenden. Ein Verbrecher lässt sich weder von der Unrechtmässigkeit und Strafbarkeit seiner Tat abhalten. Noch interessieren ihn diverse Beschränkungen die derzeit in aller Munde sind: Messer, Barrieren, Schusswaffen. In Grossbritannien ist der legale Erwerb und Besitz von Schusswaffen erheblich eingeschränkt. Was ist die Konsequenz daraus: Verbrecher weichen auf andere Tatwerkzeuge aus. Verböte mal theoretisch die Nutzung von Kleintransportern wiche man auf PKWs aus. Verbannt man zweischneidige Messer wird eben das normale Küchenmesser benutzt. Man sagt zwar wir sollen uns unbeeindruckt zeigen von solchen Events, von Amok, von Terror....aber de facto geben wir Stück um Stück ehemals unproblematische Freiheiten auf.
andraschek 11.04.2018
4. Prizipell ein guter Artikel
mich stört daran nur das immer von Selbstmord die Rede ist, dabei sollte es doch Freitod heißen. Schließlich ermordet die betreffende Person sich nicht (Mord=Straftat) sondern scheidet freiwillig aus dem Leben ich und das ist [...]
mich stört daran nur das immer von Selbstmord die Rede ist, dabei sollte es doch Freitod heißen. Schließlich ermordet die betreffende Person sich nicht (Mord=Straftat) sondern scheidet freiwillig aus dem Leben ich und das ist nicht strafbar und selbst wenn, was soll's?
C-Hochwald 11.04.2018
5. Ca. 4000 Verkehrstote pro Jahr
Tot ist tot, egal aus welchen Gründen ein Wagen einen Fußgänger oder anderen Wagen rammt, und als Folge dessen Menschen sterben. Das Leid haben die Hinterbliebenen. Ich kann nicht ermessen, ob es ein Trost ist, wenn die Gründe [...]
Tot ist tot, egal aus welchen Gründen ein Wagen einen Fußgänger oder anderen Wagen rammt, und als Folge dessen Menschen sterben. Das Leid haben die Hinterbliebenen. Ich kann nicht ermessen, ob es ein Trost ist, wenn die Gründe menschliches oder technisches Versagen sind, anstelle einer gezielten Tat. Privatrennen, bei denen es zu Personenschäden kommt, sind immerhin von einem Gericht 2017 als Mord gewertet worden. Todesfahrten wie in Münster werden, da spektakulär, medial besonders ausgiebig behandelt. Dabei müßte die Verkehrssicherheit ständig in den Nachrichten an erster Stelle stehen, bei durchschnittlich ca. 10 Verkehrstoten pro Tag.

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