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Mobilität

Per App zur freien Parklücke

Platz da

Mehrere Tage verbringen die Deutschen pro Jahr mit der Parkplatzsuche. Damit das in Zukunft schneller geht, arbeiten verschiedene Hersteller an Softwarelösungen. Obwohl die Datenlage noch schlecht ist, scheint der Plan aufzugehen.

Foto: SPIEGEL ONLINE
Donnerstag, 12.07.2018   17:48 Uhr

Die Mittagszeit kann für Autofahrer am Berliner Kurfürstendamm zur Leidenszeit werden. Egal ob im Kleinwagen oder im SUV - "Parkplatzsuche nervt alle Autofahrer", erklärt Nico Schlegel, Geschäftsführer von Easypark. Genau an diesem Punkt möchte die schwedische Firma ansetzen. Ihre App soll bei der Parkplatzsuche helfen - besonders in Gegenden mit hoher Verkehrsdichte.

An der Rankestraße in Berlin setzt sich Alexej Schmidt, einer der Entwickler der Anwendung, ans Steuer eines schwarzen Kombi. Auf seinem Smartphone gibt er als Ziel den rund einen Kilometer entfernten Savignyplatz ein. Um 14:58 Uhr geht es los, zunächst führt die App den Wagen ganz normal in Richtung Ziel, voraussichtliche Ankunft 15:05 Uhr.

Kleiner Umweg für den Parkplatz

Kurz vor dem Ziel schlägt die App dann einen kleinen Umweg durch mehrere Seitenstraßen vor, die, anders als der orange eingefärbte direkte Weg, gelb oder grün leuchten. Die Farben signalisieren, wie gut die Chancen auf eine freie Parklücke auf dieser Strecke gerade stehen, erklärt Schmidt. Ob dort wirklich Parkplätze frei sind, weiß die App aber nicht. Die Karte zeigt lediglich, wo man um diese Uhrzeit am ehesten einen freien Parkplatz findet.

Per Wahrscheinlichkeitsrechnung zum Parkplatz - diesen Weg gehen auch Autohersteller, zum Beispiel Mercedes-Benz. Fahrer können sich über das Navigationssystem oder die "Mercedes Me"-App zu einem Parkplatz in der Nähe ihres Ziels führen lassen. Hier gibt es zwei mögliche Farben: Ein helles und ein dunkles Blau, also gute oder sehr gute Chancen auf eine freie Parklücke - ist eine Straße dunkelblau markiert, liegt die Wahrscheinlichkeit für einen Parkplatz bei mehr als 90 Prozent. Die nötigen Daten für die Prognose liefert der Dienstleister Parkopedia, ursprünglich stammen sie von Navi-Herstellern und aus eigenen Erhebungen.

Daimler

Leuchtet eine Straße bei Mercedes-Benz dunkelblau, ist eine freie Parklücke sehr wahrscheinlich

Easypark nutzt dagegen ausschließlich eigene Daten: Die Firma verdient ihr Geld mit digitalen Parkscheinen. Dabei lösen Autofahrer das Parkticket nicht mit Kleingeld am Automaten, sondern per Anruf, SMS oder Smartphone-App. In über 40 deutschen Städten können Parkgebühren mittlerweile digital bezahlt werden. Durch die Parkscheinkäufe seiner Kunden erhält Easypark die Daten, auf deren Basis der Anbieter dann abschätzen kann, wie viele Parkvorgänge in den einzelnen Straßen zur entsprechenden Uhrzeit stattfinden.

Wie viele Kunden diese digitalen Parkservices nutzen, will Geschäftsführer Nico Schlegel nicht verraten. Die Mehrheit ist es jedoch nicht: So werden beispielsweise im Bezirk Berlin-Mitte 14 Prozent der Parkscheine per Handy bezahlt - allerdings bei verschiedenen Anbietern. Wie groß der Datensatz von Easypark tatsächlich ist, bleibt daher unklar.

SPIEGEL ONLINE

Hinweis auf das Handyparken an einem Hamburger Parkscheinautomaten

Anscheinend aber reichen die Daten aus, um ein Verständnis für die Umgebung und das Parkverhalten vor Ort zu erhalten. Für den Savignyplatz sagt die Easypark-App keine guten Chancen voraus - die Straßen im Umkreis leuchten allesamt gelb. Trotzdem fordert die App Schmidt auf, rechts abzubiegen und liegt richtig: eine große Parklücke ist frei. Um 15:04 Uhr steht der Kombi - 170 Meter vom Ziel entfernt und rund eine Minute früher als erwartet.

62 Stunden Parkplatzsuche pro Jahr

Das sei nicht ungewöhnlich, sagt Entwickler Alexej Schmidt. "Auch Leute, die sich vor Ort gut auskennen, waren bei Tests überrascht", erklärt er nicht ohne Stolz. Im Durchschnitt findet die App deutlich schneller als der durchschnittliche Autofahrer in Berlin eine Abstellmöglichkeit - rund neun Minuten dauert dem Verkehrsdatenanbieter Inrix zufolge die Suche nach einem Parkplatz in der Hauptstadt normalerweise, pro Fahrer macht das 62 Stunden im Jahr.

Foto: SPIEGEL ONLINE

Der Parkplatzfinder kann in zugeparkten Innenstädten also durchaus Zeit sparen, Easypark will damit die Parksuchdauer um 50 Prozent verringern - und das Feature ist sogar kostenlos. Bisher gibt es den Parkplatzfinder jedoch erst in Berlin, noch in diesem Jahr sollen Hamburg, Köln und Hannover folgen. So gut die Wahrscheinlichkeitsrechnung auch zu funktionieren scheint: Wenn es nach Mercedes-Benz geht, soll sie bald überflüssig sein. Möglich wird das durch vernetzte Fahrzeuge und die hohe Verbreitung von Parkassistenten.

Vorbeifahrende Autos erfassen Parklücken

Denn bald erfassen die Sensoren aller Daimler-Fahrzeuge im Vorbeifahren automatisch freie Parklücken und laden sie dann in eine Datenbank hoch. Diese bildet die Basis für die Vorhersagen des Parkplatzfinders. Bis die gut genug sind, dauert es jedoch: Für einen optimalen Datensatz sind am Anfang in jeder Straße 20 Durchfahrten pro Stunde nötig, jeden Tag zwischen 7 und 22 Uhr, den Zeiten also, in denen üblicherweise am häufigsten Stellplätze gesucht werden.

Der Ultraschallsensor des Autos erkennt zwar eine Lücke - kann aber nicht zwischen Parkplatz, Einfahrt und Feuerwehrzufahrt unterscheiden. Diesen Unterschied lernt das System erst nach vielen Durchfahrten: Ist eine Lücke fast immer frei, handelt es sich dabei nicht um einen Parkplatz.

Die Technologie geht diesen Sommer an den Start, Ende 2019 soll die Qualität der Prognosen dann die der bisherigen Methode überholen. In zwei Jahren könnte so bereits eine exakte Vorhersage in Großstädten möglich sein. Denn sobald der zugrundeliegende Datensatz steht, können auch Live-Daten in die Prognose einfließen. Dann müssen sich Autofahrer nicht mehr mit einem potenziellen Parkplatz zufriedengeben, sondern können sich direkt zu einem tatsächlich freien Parkplatz in der Nähe führen lassen.

Aussteigen und parken lassen

Noch einen Schritt weiter denkt man bei Bosch. Das Auto könnte in Zukunft den Parkplatz eigenständig finden - ganz ohne Fahrer. "Selbst parken ist ein Auslaufmodell", erklärt Bosch-Geschäftsführer Dirk Hoheisel. Stattdessen parkt sich das Auto selbst. Diesen automatischen Parkservice, Automated Valet Parking genannt, erprobt Bosch gemeinsam mit Daimler im Mercedes-Museum in Stuttgart - mit einem etwas unpassend anmutenden Auto, einer E-Klasse von Mercedes-Tuner AMG.

Die wird einfach in der sogenannten Drop Zone abgestellt, einer Art intelligentem Parkhaus. Das Parken ist damit für den Fahrer erledigt, das Parkhaus übernimmt die Kontrolle über den Wagen. Für den automatischen Parkservice bräuchte das Auto keine besonderen Assistenzsysteme, es muss lediglich selbstständig sicher stoppen können - alle anderen Dinge erledigt die im Parkhaus verbaute Technik, sie erkennt auch Fußgänger und mögliche Hindernisse.

Ein Achtzylinder in Schrittgeschwindigkeit

Mit tiefem V8-Geblubber, aber in Schrittgeschwindigkeit führt sie den Wagen auf einen freien Parkplatz und stellt ihn dort ab. Möchte man wieder aufbrechen, erwartet einen das Auto an der Ausfahrt. Das ist einerseits gemütlich, spart aber auch jede Menge Platz: Bis zu 20 Prozent mehr Fahrzeuge passen dadurch in ein Parkhaus - denn es muss ja niemand mehr aussteigen.

Doch bis das Auto auch am Straßenrand selbst eine freie Parklücke findet, wird es vermutlich noch eine Weile dauern, trotz elektronischem Parkservice. Solange werden Autofahrer noch auf Apps, Wahrscheinlichkeiten und allerlei Parkassistenten vertrauen müssen - oder sich ganz analog selbst auf die Suche machen, inklusive Kurbeln, Fluchen und der obligatorischen Kleingeldsuche am Parkscheinautomaten. Hauptsache, man belegt nicht zwei Parkplätze - denn das halten deutsche Autofahrer dem Verkehrsdatenanbieter Inrix zufolge für die größte Sünde beim Parken.

insgesamt 5 Beiträge
krustentier120 12.07.2018
1. Carsharing
Stellen Sie sich vor, 50% der Autos in einer Stadt wären Carsharing-Autos. Man bekommt also immer eins direkt vor der Haustür. Menschen schaffen ihre Privat-PKW ab, weil die teurer im Unterhalt sind. Die Anbieter sorgen [...]
Stellen Sie sich vor, 50% der Autos in einer Stadt wären Carsharing-Autos. Man bekommt also immer eins direkt vor der Haustür. Menschen schaffen ihre Privat-PKW ab, weil die teurer im Unterhalt sind. Die Anbieter sorgen natürlich dafür, das die Autos schon eine hohe Auslastung haben, und nicht wie jetzt 98% ihres Lebens ungenutzt herumstehen, die Folge: weniger Autos auf den Straßen, die dafür intensiver genutzt werden und vor allem: viel mehr Parkplätze!
openda 13.07.2018
2. uninterressant
viele Leute lassen so wie ich das Smartphone grundsätzlich Zuhause und benutzen für Unterwegs ein kleines Nokia Mobiltelefon mit Pre-Paid-Karte ohne Internetanbindung. Das schützt vor Googles Standortbestimmung und lenkt auch [...]
viele Leute lassen so wie ich das Smartphone grundsätzlich Zuhause und benutzen für Unterwegs ein kleines Nokia Mobiltelefon mit Pre-Paid-Karte ohne Internetanbindung. Das schützt vor Googles Standortbestimmung und lenkt auch nicht ab Unterwegs. Bei uns in einer 120000 Einwohner Stadt finde ich immer einen Parkplatz ohne suchen zu müssen. Vielleicht gibt es das Problem nur in Großstädten, aber dafür Autos zu vernetzen, halte ich für übertrieben. Zumal ein Auto mit Internetanbindung würde ich strickt verweigern, obwohl ich nur Mercedes fahre, dann müsste ich den Hersteller wechseln.
M. August 13.07.2018
3. What?
"viele Leute lassen so wie ich das Smartphone grundsätzlich Zuhause und benutzen für Unterwegs ein kleines Nokia Mobiltelefon mit Pre-Paid-Karte ohne Internetanbindung"... bitte was? Viele Leute sind das bestimmt [...]
"viele Leute lassen so wie ich das Smartphone grundsätzlich Zuhause und benutzen für Unterwegs ein kleines Nokia Mobiltelefon mit Pre-Paid-Karte ohne Internetanbindung"... bitte was? Viele Leute sind das bestimmt nicht...
Maurer 13.07.2018
4. Ich fahre immer mit meiner Pferdekutsche
So können mich dann auch die vielen Kameras an den Tankstellen nicht mehr erfassen und meine Daten an die NSA liefern. Meine Firma gibt mir am Monatsende auf meinen Wunsch hin deshalb auch immer mein Gehalt in einem [...]
So können mich dann auch die vielen Kameras an den Tankstellen nicht mehr erfassen und meine Daten an die NSA liefern. Meine Firma gibt mir am Monatsende auf meinen Wunsch hin deshalb auch immer mein Gehalt in einem Briefumschlag. Sie wissen schon: Tracking am Geldautomaten. Gut daß man sich Aluhüte auch selbst basteln kann. Ich hatte mal einen bei Amazon bestellt, seitdem stehen immer wieder verdächtig aussehende, meist dunkle Fahrzeuge in meiner Straße.
DANA Consulting UG 14.07.2018
5. Schnittmenge
Sie schreiben: viele Leute lassen so wie ich das Smartphone grundsätzlich Zuhause und benutzen für Unterwegs ein kleines Nokia Mobiltelefon mit Pre-Paid-Karte ohne Internetanbindung..... Zumal ein Auto mit Internetanbindung [...]
Sie schreiben: viele Leute lassen so wie ich das Smartphone grundsätzlich Zuhause und benutzen für Unterwegs ein kleines Nokia Mobiltelefon mit Pre-Paid-Karte ohne Internetanbindung..... Zumal ein Auto mit Internetanbindung würde ich strickt verweigern...... obwohl ich nur Mercedes fahre, dann müsste ich den Hersteller wechseln. --> Ich fasse zusammen: mobiler Smartphonephobiker, der eine Always-On-Karre ablehnt und den Stern bevorzugt. Ich hab das kurz nach Markov-Monte-Carlo streng methodisch ermittelt: zwischen 9 und 11 Menschen in DE entsprechen dieser Schnittmenge ;)

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