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Mobilität

Elektro-Pick-up Rivian 1T

Dinosaurier unter Strom

Drei Kofferräume, 800 PS, spurtstark wie ein Sportwagen: Die Pick-up-Studie Rivian R1T stellt alles in den Schatten, was das Segment bisher zu bieten hatte. Das Auto soll dennoch dem Klima helfen.

Rivian
Aus Los Angeles berichtet
Donnerstag, 06.12.2018   05:36 Uhr

Satte 1,4 Millionen Zulassungen im ersten Halbjahr und ein Marktanteil von beinahe 20 Prozent - Pick-ups beherrschen den US-Automarkt. Allein der Ford F-150 steuert in diesem Jahr auf eine knappe Million Verkäufe zu, der Wagen führt seit 35 Jahren die amerikanischen Verkaufstabelle für alle Autos an.

Die spritschluckenden Wagen dominieren derart, dass sparsame Elektroautos wie Teslas Model 3, der Bolt von Chevrolet oder Nissans Leaf dagegen kaum etwas ausrichten können. Unterm Strich belasten die Pritschenwagen die Klimabilanz des US-Autoverkehrs viel zu stark.

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Rivian R1T: Ein Pick-up wie gedopt

Das könnte sich in den kommenden Jahren allerdings ändern, und zwar ausnahmsweise nicht durch Tesla, sondern einen Nobody namens Rivian. Das amerikanische Start-up-Unternehmen hat auf der Autoshow in Los Angeles den ersten elektrischen Pick-up präsentiert, der den Markt tatsächlich umkrempeln könnte und damit entsprechend viel Aufmerksamkeit erzielt.

Der Silberling R1T war während und nach der Messe in US-Medien omnipräsent. Ende 2020 soll er ins Rennen gehen - mit bis zu 650 Kilometern Reichweite. Das Gedränge um den Wagen war enorm. Selbst beim Porsche 911 standen meist weniger Messebesucher, ebenso beim Audi e-tron GT und erst recht beim konventionellen Gegenstück Gladiator von Jeep.

Mit seinem elektrischen Pick-up stiehlt Rivian-Gründer RJ Scaringe selbst Tesla-Chef Elon Musk die Schau. Der hat zwar schon zu Beginn des Jahrzehnts einen elektrischen Pick-up angekündigt: "Wenn wir es ernst meinen mit dem Abschied vom Benzin, dann müssen wir dringend über so ein Auto nachdenken", sagte er damals im Gespräch mit dem SPIEGEL.

Dickschiffe in Tradition der Siedler-Planwagen

Inzwischen haben sich diese Pläne offenbar etwas konkretisiert. In Kalifornien verdichten sich die Gerüchte, dass Tesla 2020 oder 2021 so weit sein könnte. Musk hat zuletzt öfter über einen E-Pritschenwagen philosophiert und eine Skizze gezeigt. Doch es ist kompliziert, die Dickschiffe, die in direkter Tradition des Planwagens der Siedler stehen, ins neue Zeitalter zu führen. Davon zeugt die lange Zeit, die seit Musks Ankündigung ins Land gegangen ist.

Die Gründe sind vielschichtig: Zum einen sind Pick-ups deutlich schwerer als die modernen Crossover, die aktuell im Fokus der Elektroautostrategen stehen. Häufig werden sie als Zugfahrzeuge für tonnenschwere Lasten eingesetzt und brauchen sehr große Batterien, um mit einer Stromladung überhaupt ein paar Hundert Kilometer weit zu kommen.

Rivian hat wohlhabende Autofahrer im Blick

Für die Akkus fehlt aber oft der Platz. Zudem schmälern schwere Batterien das Zuladungsgewicht. Die Pritschenwagen werden zudem tatsächlich auch in hartem Gelände genutzt und müssen robuster sein - anders als die beliebten SUV. Dafür ist die empfindliche Elektrotechnik aber bisher schlecht geeignet. Schließlich achten viele Pick-up-Käufer durchaus auf den Preis. Einen Ford F150 gibt es schon für weniger als 30.000 Dollar.

Rivian hat aber offenbar eine wohlhabende Zielgruppe im Blick, die sich nicht sehr von der Tesla-Klientel unterscheidet. Zwar scheint der R1T auch fürs Landvolk geeignet mit seinem leistungsfähigen Allradantrieb, einer soliden Zuladung von 16 Zentnern und einer Anhängelast von fünf Tonnen.

Dass aber vier Motoren von jeweils bis zu 200 PS den Wagen von 0 auf 100 in 3,1 Sekunden beschleunigen, ist doch eher als Wink an eine hedonistisch veranlagte Elite zu verstehen. Damit lässt der R1T viele Sportwagen hinter sich. Und wo konventionelle Pick-ups selten über 160 km/h schaffen, wird der R1T erst bei 201 km/h abgeregelt.

Nutzen fürs Klima bleibt zunächst fragwürdig

Das alles klingt hoffnungslos überzogen und unvernünftig. Dem Klima nützen solche Autos wenig, solange der Strom nicht überwiegend aus erneuerbaren Quellen stammt. Vor allem die Herstellung der massiven 180-kWh-Batterie frisst viel Energie. Der größte Tesla-Akku kommt derzeit auf 100 kWh.

Der Gigantismus dürfte aber vielen US-Fahrern gefallen. Sie sind zunehmend bereit, mehr für Pick-ups zu bezahlen. Im Schnitt kostete ein großer Pick-up zuletzt knapp 50.000 Dollar, wie der Automarkt-Beobachter Edmunds ermittelt hat. Das waren 48 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. "Das ist der größte Anstieg, den es über diesen Zeitraum in irgendeiner Fahrzeugkategorie gegeben hat", sagt Edmunds-Analyst Ivan Drury. Der R1T soll ab 69.000 Dollar kosten.

"Nur 15 Prozent der Trucks werden gewerblich genutzt, alle anderen von Privatleuten gekauft", begründet Analyst Alexander Edwards von Strategic Vision den Trend. Deshalb sind Pick-ups in den vergangenen Jahren immer luxuriöser ausgestattet worden und haben stärkere Motoren bekommen. In diesem Umfeld könnte die Sprintstärke zu einem wichtigen Verkaufsargument für Rivian werden.

Hersteller plant auch ein SUV

Der Wagen sei nicht nur schöner, sondern auch praktischer als alle anderen Pick-ups, behauptet Firmenchef Scaringe. Weil unter die Haube kein großer V8-Motor passen muss, gibt es dort einen zusätzlichen Kofferraum. Der fasst immerhin 330 Liter und erlaubt sicheren Transport ohne Laderaumabdeckung oder Gepäckkoffer - das gibt es bei Pick-ups bisher nicht. Weil es zudem keine Kardanwelle und kein Verteilergetriebe unter dem Wagenboden gibt, hat der R1T ein riesiges Fach unter der Rückbank. Es ist beidseits von außen zugänglich und bietet Platz für die Ski- oder Angelausrüstung.

Allein auf die Überzeugungskraft des Pick-ups will sich Scaringe allerdings nicht verlassen. Er stellt dem rund 5,50 Meter langen R1T den siebensitzigen Geländewagen R1S zur Seite - und nimmt so gleich auch noch das zweitgrößte Segment des US-Marktes in Angriff.

Rivian ist nicht der einzige Akteur neben Tesla, der das Segment besetzen will. Das Unternehmen hat aber einen besonderen Vorteil. Es hat eine Fabrik samt Maschinenpark in Illinois gekauft, die einst Mitsubishi gehörte. Das Werk steht in einer Ortschaft, deren Name für die erhoffte Zukunft des elektrischen Pick-ups programmatischer kaum sein: normal.

insgesamt 56 Beiträge
112211 06.12.2018
1. Co2
USA? Ist das nicht das Land mit den Klagen gegen Schummelsoftware? Ok, die Schummelei ist kein Lausbubenstreich. Aber die völlig legale Umweltverschmutzung ist weit schlimmer. Verbräuche von Pickups und anderen Spritschluckern [...]
USA? Ist das nicht das Land mit den Klagen gegen Schummelsoftware? Ok, die Schummelei ist kein Lausbubenstreich. Aber die völlig legale Umweltverschmutzung ist weit schlimmer. Verbräuche von Pickups und anderen Spritschluckern der Ü20-Liter-Klasse sind dort keine Seltenheit. Aber erlaubt. Dazu fällt einem nichts mehr ein.
MartinS. 06.12.2018
2. ...
Wenn ihnen dazu schon nichts mehr einfällt, dann traue ich mich kaum zu sagen, dass das auch hier legal ist. Man soll es kaum glauben, selbst im heiligen Deutschland, in dem die Menschen ja viel klüger sind, als im Rest der [...]
Zitat von 112211USA? Ist das nicht das Land mit den Klagen gegen Schummelsoftware? Ok, die Schummelei ist kein Lausbubenstreich. Aber die völlig legale Umweltverschmutzung ist weit schlimmer. Verbräuche von Pickups und anderen Spritschluckern der Ü20-Liter-Klasse sind dort keine Seltenheit. Aber erlaubt. Dazu fällt einem nichts mehr ein.
Wenn ihnen dazu schon nichts mehr einfällt, dann traue ich mich kaum zu sagen, dass das auch hier legal ist. Man soll es kaum glauben, selbst im heiligen Deutschland, in dem die Menschen ja viel klüger sind, als im Rest der Welt gibt es keine Begrenzung für einen zulässigen Maximalverbrauch. Ja, diese für uns übergroßen Fahrzeuge wie sie in Amerika sehr beliebt sind, das hat sich bei uns nicht so durchgesetzt. Aber wenn man nur den moralischen Zeigefinger ausstrecken will, dann sollte man vielleicht auch die Alltagsrealität in Deutschland mal etwas kritischer betrachten. Gerade wenns um die heilige Kuh des Autos geht, haben wir hier durchaus auch so unseren Schatten. Sehen sie sich mal auf den Straßen um. Unmengen an diesen tollen praktischen und quasi unverzichtbaren Kombis. Und drinne sitzt dann eine Person auf dem Weg zur Arbeit. Die schöne riesige Ladefläche wird genau mit einer Jacke und einem Handtäschchen belegt. (aber einmal im Jahr fährt man ja in Urlaub und mit dem Kind braucht man dann schon nen Kombi, sonst ist das ja quasi unmöglich alles mitzunehmen, was man so braucht) Selbst das Deutsche Auto Nummer 1 - der schnöde olle Golf - hat mittlerweile Abmessungen und Leistungswerte erreicht, dass man sich eigentlich an den Kopf fassen müsste. Von der Sache mit den Ansprüchen an die Reisegeschwindigkeit mal ganz zu schweigen. Wir knallen uns 1,5 Tonnen Stahl und Kunststoff um einen Fahrer und wollen mit über 200 km/h über die Autobahn ballern. Und weil das bei den Geschwindigkeiten ja schon irgendwie nicht so ganz ungefährlich ist, muss man die Karren eben noch etwas dicker machen.... Naja, vielleicht beruhigt es da ja ein bisschen, wenn man wenigstens noch auf die blöden Amis zeigen kann und entrüstet den Kopf schüttelt, weil die ja bestimmt noch bekloppter sind als wir selbst.
5b- 06.12.2018
3. Soweit nur Hype
Bisher hat Rivian hauptsächlich Versprechen gegeben. Weder das wirkliche Datum der Markteinführung noch der tatsächliche Preis stehen fest. Abwarten und Tee trinken!
Bisher hat Rivian hauptsächlich Versprechen gegeben. Weder das wirkliche Datum der Markteinführung noch der tatsächliche Preis stehen fest. Abwarten und Tee trinken!
severus1985 06.12.2018
4. @#2: Auf den Punkt gebracht
Dieser Beitrag spricht mir aus der Seele, der deutsche Individualverkehr ist an Absurdität kaum zu übertreffen. Wenn man in einer beliebigen deutschen Stadt morgens mal an der Ampel steht und den Verkehr ansieht, dann kann man [...]
Dieser Beitrag spricht mir aus der Seele, der deutsche Individualverkehr ist an Absurdität kaum zu übertreffen. Wenn man in einer beliebigen deutschen Stadt morgens mal an der Ampel steht und den Verkehr ansieht, dann kann man nur noch mit dem Kopf schütteln, was hierzulande als "normal" gilt.
smartphone 06.12.2018
5. Kundenoreintiert
Man kann die Sache sehen wie man will, aber : Solange Firemn bei uns hier am wahren Kundenintere vorbeientwicklen, bzw ein neues Sygement per Marketing künstlich verteuern ( bestes bekanntes Beispiel der BMW i3, der einfach so [...]
Man kann die Sache sehen wie man will, aber : Solange Firemn bei uns hier am wahren Kundenintere vorbeientwicklen, bzw ein neues Sygement per Marketing künstlich verteuern ( bestes bekanntes Beispiel der BMW i3, der einfach so mal 10000 EUro aufoktroiert bekam ,weil das Kleintel hat ja eh das Geld ..) . Wenn der F150 meistverkauft, ist sowas mit der im Grunde billigen(!) E-motorisierung anzupassen. Der WInk bzgl de Strom muß aus Solarpanel ist doch lächerlich,wenn sonst keine Alternativ als Verbrenner.... Und um hierzulande mal Denkprozesse anzustoßen ....nehmen wir gleich mal ein krasses Beispiel Eine Citroen "Ente" ( die hatte nur 9-29 PS gebraucht ) wäre ein Topkandidat für ein chices (!) Elaktroauto. Und von der Sorte gibts etliches im mittlererweile hochlangweiligen Design

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