Schrift:
Ansicht Home:
Mobilität

Test in Ostdeutschland

Was spricht für den Rollerführerschein mit 15 - und was dagegen?

Ostdeutsche Bundesländer testen den Mopedführerschein für 15-Jährige, dem SPIEGEL liegt das Ergebnis des Versuchs vor: Die Zahl der Unfälle ist gestiegen, dennoch bietet das Modell Vorteile.

DPA

Mann auf Moped

Von
Samstag, 07.07.2018   12:22 Uhr

Wer als Jugendlicher in der Stadt lebt, hat es leicht: Schule, Fußballverein oder das Kino lassen sich meist mit dem Fahrrad oder etwa der Straßenbahn erreichen. Auf dem Land sieht das anders aus. Die Wege sind weiter, die Busse fahren nur alle paar Stunden und, wenn die eigenen Eltern arbeiten, wird das Vorankommen schwierig.

Ein Mopedführerschein für 15-Jährige könnte dieses Problem zumindest ein Stück weit lösen, so das bisher unveröffentlichte Ergebnis eines Modellversuchs, dessen Schlussbericht dem SPIEGEL vorliegt. Demnach haben zahlreiche Jugendliche das neue Angebot angenommen, ohne sich dabei wesentlich mehr zu gefährden als eine Vergleichsgruppe von 16-jährigen Fahrern.

Bisher liegt das Mindestalter für den Führerschein der Klasse AM bei 16 Jahren. Für das Modellprojekt wurde es in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen auf 15 Jahre abgesenkt. Von 2013 bis 2016 verdoppelte sich daraufhin die Zahl der erteilten Mopedführerscheine - beinahe jeder zehnte 15-Jährige nutzte die Chance.

FDP fordert deutschlandweiten Mopedführerschein für 15-Jährige

Mit dem Modellversuch stieg zwar auch die Zahl der Unfälle in den Ländern überproportional an, der Bericht führt dies aber auf den "Beginn der Fahrkarriere" zurück und weniger auf den Altersunterschied. Anders gesagt: 15-jährige Fahranfänger fahren genauso gut oder schlecht wie 16-jährige.

Die Befürworter der Idee sehen sich durch die bisherigen Erfahrungen bestärkt. "Es gibt keine kritischen Befunde", sagt der Staatssekretär im sächsischen Verkehrsministerium, Hartmut Mangold. "Wir plädieren deshalb für eine dauerhafte Lösung."

Auch die FDP im Bundestag würde das Mindestalter gern in ganz Deutschland auf 15 Jahre absenken. "Seit 2013 wurde der Mopedführerschein mit 15 ausgiebig in den ostdeutschen Ländern getestet", sagt der FDP-Verkehrspolitiker Torsten Herbst. "Es ist jetzt höchste Zeit, dass 15-jährige Jugendliche in ganz Deutschland die Möglichkeit zum Erwerb des Führerscheins erhalten."

Unterwegs mit Tempo 60

Völlig anders sieht man das beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat, einem Verein, der sich für mehr Verkehrssicherheit einsetzt. "Das Ziel der Bundesregierung ist es, die Zahl der Getöteten und Verletzten auf null zu senken", sagt dessen Referatsleiter für "Junge Kraftfahrer", Hendrik Pistor. "Der Mopedführerschein für 15-Jährige bewirkt das Gegenteil." Mehr Jugendliche auf Mopeds und Rollern bedeuteten absolut gesehen mehr Unfälle.

Mit dem Führerschein AM können eigentlich Roller mit einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu 45 Kilometern gefahren werden. Eine Befragung von Modellversuchs-Teilnehmern zeigte jedoch, dass viele stattdessen alte DDR-Roller fahren, für die eine Sonderregel gilt. Die durchschnittliche Höchstgeschwindigkeit der gefahrenen Roller betrug deshalb mehr als 60 Kilometer pro Stunde.

Die meisten Jugendlichen nutzten das Moped an vier bis fünf Tagen in der Woche. Der Roller erweise sich für nahezu alle Fahrtziele als das Verkehrsmittel der Wahl. Die Jungen und Mädchen steuerten dabei dieselben Orte an wie zuvor, ersetzten jedoch mit dem Roller den Bus, das Fahrrad oder das Eltern-Taxi. "Für uns ist das kein Mobilitätsgewinn, sondern ein Komfortgewinn", sagt Pistor.

Letztlich müsse man sich entscheiden, ob man für die zusätzliche Mobilität mehr Unfallopfer in Kauf nehmen wolle, sagt auch der Leiter der Unfallforschung der Versicherer, Siegfried Brockmann. Mit den 15-Jährigen lasse man einen Jahrgang mit hohem Risiko auf die Straße - nicht höher als bei 16-Jährigen, aber eben deutlich höher als bei Mitte-Zwanzigjährigen.

Eine s chnelle Lösung der Mopeddiskussion ist nicht in Sicht

Brockmann vergleicht die Situation mit dem Autoführerschein. "Würden wir da das Alter von 18 auf 21 Jahre anheben, hätten wir deutlich weniger Tote und Verletzte", so der Unfallforscher. "Die Gesellschaft hat sich aber entschieden, dass ihr die Mobilität wichtiger ist."

Der Mopedführerschein hat laut Abschlussbericht auch Einfluss auf die weitere Fahrkarriere der Jugendlichen. So entschieden sich die Mopedfahrer mit 15 in den Folgejahren seltener für das sogenannte Begleitete Fahren mit 17, bei dem 17-Jährige ein Jahr lang mit einer Begleitperson Auto fahren können. Kritiker halten diese Entwicklung für problematisch, weil das begleitete Fahren im Vergleich zum Führerschein mit 18 nachweislich die Verkehrssicherheit erhöht.

Eine schnelle Lösung der Mopeddiskussion ist nicht in Sicht. Das Bundesverkehrsministerium hat Anfang 2018 den Modellversuch zunächst bis 2020 verlängert, auch Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern machen mittlerweile mit. "Die weiteren Schritte werden derzeit im Haus diskutiert", heißt es auf Anfrage.

insgesamt 70 Beiträge
spaceagency 07.07.2018
1. Moped = Roller ?
auf dem Bild ist eine Vespa abgebildet mit mindestens 125ccm. Dafür braucht man einen Motorradführerschein - - - - - Danke für den Hinweis, wir korrigieren... MfG Redaktion Forum
auf dem Bild ist eine Vespa abgebildet mit mindestens 125ccm. Dafür braucht man einen Motorradführerschein - - - - - Danke für den Hinweis, wir korrigieren... MfG Redaktion Forum
allessuper 07.07.2018
2. Dagegen spricht
dass unser Gehirn erst mit 25 Jahren voll ausgeformt ist. Davor sind gerade Zentren im Neo-Cortex wie "Gefahren einschätzen" noch nicht voll ausgereift. Neurobiologen und Gehirnforscher wissen das. Aber es geht ja nicht [...]
dass unser Gehirn erst mit 25 Jahren voll ausgeformt ist. Davor sind gerade Zentren im Neo-Cortex wie "Gefahren einschätzen" noch nicht voll ausgereift. Neurobiologen und Gehirnforscher wissen das. Aber es geht ja nicht um den gesunden Menschenverstand, sondern um Wachstum und Produktivität, verkauft von findigen, gewissenlosen Marketingfritzen. Insofern spricht nichts dagegen. Wir haben ja die künstliche Befruchtung, einer mehr oder weniger zählt nicht, die Aufzucht liegt ja immer noch privat bei den Eltern. Und der Versuch findet ja im Reservat Ost statt. Prost. #Ironieende.
jsavdf 07.07.2018
3. Moped mit 15 sollte in Ordnung gehen um das Leben auf dem Land zu halten.
Wenn sie es abschaffen wird eben wieder mehr schwarz mit 14 auf dem Land gefahren. Gibt es Zahlen nach Landkreisen? Mich würde eine überproportionale Verteilung der Unfälle auf die Städte nicht Erstaunen, es ist aber auch ein [...]
Wenn sie es abschaffen wird eben wieder mehr schwarz mit 14 auf dem Land gefahren. Gibt es Zahlen nach Landkreisen? Mich würde eine überproportionale Verteilung der Unfälle auf die Städte nicht Erstaunen, es ist aber auch ein Vorurteil. Eine Einfahrt in den Rannischen Platz in Halle möchte ich keinen, ob mit 15 oder 35 nicht wünschen. Wer über Feldwege von Bernburg nach Mansfeld fährt landet höchstens im Busch.
wardawas? 07.07.2018
4. Worum geht's hier wirklich ?
Noch vor einigen Jahren, könnte man pauschal annehmen dass der IQ eines Fahrers in den meisten Fällen deutlich höher war als die PS Zahl seines Fahrzeugs. Inzwischen ist das umgekehrt. Jeder der heute 15 ist will natürlich [...]
Noch vor einigen Jahren, könnte man pauschal annehmen dass der IQ eines Fahrers in den meisten Fällen deutlich höher war als die PS Zahl seines Fahrzeugs. Inzwischen ist das umgekehrt. Jeder der heute 15 ist will natürlich sofort mit dem Roller losbrummen, jeder der mal 15 war und heute zurückblickt würde eher abraten. Wer würde sicher profitieren: Fahrschulen, Ämter, Rollerhersteller, Verbandszeughersteller, Friedhofsgärtner,.... Wer würde eher dabei verlieren: Unfallopfer, Luftqualität und Umwelt, ÖPNV-betreiber, ... Am besten nochmal nachdenken, statt sofort loszurollern.
gable 07.07.2018
5. Mit 45 km/h ein gefährliches und gefährdetes Hinderniss
Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen. Nach unzählingen Führerscheinreformen in den letzten Jahren und Anhebung der Höchstleistung beim Stufenführerschein für Motorradfahrer vin 27 über 34 zu 48 PS, wurden die Moppeds [...]
Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen. Nach unzählingen Führerscheinreformen in den letzten Jahren und Anhebung der Höchstleistung beim Stufenführerschein für Motorradfahrer vin 27 über 34 zu 48 PS, wurden die Moppeds vergessen. Was soll ein Fahrzeug, dass mit 45 km/h nicht im fliessenden Verkehr mitschwimmen kann, im an den Rand gedränkt wird, eng überholt wird, auf unseren Straßen? Wie im Artikel steht: es ging und geht auch mit 60 km/h.

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP