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Mobilität

Gutachten der Versicherer

Autofahrer dürfen Radfahrer viel seltener überholen, als sie denken

Autofahrer müssen beim Überholen 1,5 Meter Seitenabstand zu Radlern halten - selbst wenn diese auf einem Radfahrstreifen unterwegs sind. Diese Einschätzung in einem Gutachten könnte gravierende Folgen haben.

DPA

Autos, Radfahrer auf Radfahrstreifen in Köln (Symbolbild)

Von
Freitag, 18.01.2019   04:37 Uhr

Wer einen Radfahrer überholt, muss 1,5 Meter Seitenabstand halten - oder eben warten. Doch diese Regel beachten Autofahrer - wenn überhaupt - meist nur, wenn die Radfahrer direkt auf der Straße und nicht auf einem Radfahrstreifen unterwegs sind.

Dieses Verhalten ist laut einem Gutachten des Verkehrsrechtsprofessors Dieter Müller allerdings nicht rechtskonform. Der Abstand gelte immer, "unabhängig von der angeordneten Art der Radverkehrsführung" - also auch, wenn Radfahrer auf einem Radweg oder einem Schutzstreifen fahren. Kann der Abstand nicht eingehalten werden, gelte "faktisches Überholverbot".

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Das ergebe sich aus der Rechtsprechung sowie dem Prinzip der Verkehrssicherheit als wichtigstem Grundsatz der Straßenverkehrsordnung. Bei allen Radfahrern müsse der gleiche Sicherheitsabstand eingehalten werden - sonst verkehre sich der Schutzzweck des Radstreifens ins Gegenteil. In Auftrag gegeben hat das Gutachten die einflussreiche Unfallforschung der Versicherer (UDV).

In der Praxis führt diese Rechtsauslegung dazu, dass vor allem Lkw und Busse an Radfahrer vielerorts nicht vorbeiziehen dürfen. Stattdessen müssen sie hinter ihnen herfahren, bis die Gegenfahrbahn für ein Überholmanöver frei ist.

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"Das Gutachten bestätigt unsere seit Langem vertretene Rechtsauffassung", sagte eine Sprecherin des Fahrradclubs ADFC. Aufklärung über die Regel reiche nicht aus, es müssten Konsequenzen folgen. Die Polizei müsse den Abstand beim Überholen messen und Autofahrer sanktionieren, um Radler zu schützen. "In Deutschland ist es fast normal, Radfahrende auf der Fahrbahn als Störfaktor wahrzunehmen, die man bedrängen oder anhupen kann."

Mangelnder Sicherheitsabstand laut ADAC kein Problem

Der Autofahrerverein ADAC sieht mangelnden Sicherheitsabstand beim Überholen nicht als drängendes Problem. Unzureichender seitlicher Abstand sei nur selten eine direkte Unfallursache, sagte eine ADAC-Sprecherin.

Das eigentliche Problem seien "Kreuzungen, Einmündungen und Zufahrten, wo sich etwa 70 Prozent der innerörtlichen Radverkehrsunfälle ereignen", so die Sprecherin weiter. Auch sogenannte "Dooring"-Unfälle durch unachtsam geöffnete Autotüren seien ein größeres Risiko. Der ADAC empfiehlt den Kommunen, Radwege und Schutzstreifen breiter anzulegen.

Vor allem die - im Gegensatz zu Radfahrstreifen - nur gestrichelt markierten Schutzstreifen seien beim Überholen gefährlich, sagte dagegen UDV-Leiter Siegfried Brockmann. Autofahrer würden Radfahrer dort oft viel enger überholen als erlaubt. Bockmanns Schlussfolgerung: "Radverkehrspolitik, die auf breiten Einsatz von Schutzstreifen setzt, ist verfehlt."

insgesamt 523 Beiträge
boscoverde 18.01.2019
1. Gebt den Radlern
endlich Kennzeichen, lasst sie als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer Steuern zahlen, baut ihnen davon angemessen breite und sichere Verkehrswege und schon löst sich diese Problematik so gut wie automatisch. Dass unsere [...]
endlich Kennzeichen, lasst sie als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer Steuern zahlen, baut ihnen davon angemessen breite und sichere Verkehrswege und schon löst sich diese Problematik so gut wie automatisch. Dass unsere Verkehrsplaner über lange Zeiträume hinweg genau denjenigen Teilnehmern Verkehrsraum zugeordnet haben, die einen nicht unerheblichen Steueranteil haben entrichten dürfen, sollte nicht zu einem Bumerang gemacht werden. Sichere Verkehrswege kosten nun mal. Dem Hauptfinanzierer dieser Wege nun Beschneidungen aufzuerlegen, hat schon etwas von Satire.
Charlie Hebdo 18.01.2019
2. Gilt das dann auch für Radwege auf dem Bürgersteig?
Gilt das dann auch, wenn der Radweg rauf dem Bürgersteig, also leicht erhöht ist? Zitat: “unabhängig von der Art der Verkehrsführung...“ Und dann könnte man fragen, wieso Fußgänger nicht besser geschützt wegen. Müsste [...]
Gilt das dann auch, wenn der Radweg rauf dem Bürgersteig, also leicht erhöht ist? Zitat: “unabhängig von der Art der Verkehrsführung...“ Und dann könnte man fragen, wieso Fußgänger nicht besser geschützt wegen. Müsste der Sicherheitsabstand hier nicht auch 1,5 m betragen? Also Fußgänger nicht überholen. Und bei Kindern bitte 2 m Abstand. Oder anders ausgedrückt, auch Fußgänger bitte nicht mehr überholen. Schrittgeschwindigkeit.
sven2016 18.01.2019
3. Ursache für Unfälle und Unsicherheit
ist in der Regel die Rücksichtslosigkeitskette Auto -> Radfahrer, Radfahrer Fußgänger Da können Regelauslegungen wenig helfen, und den Versicherungen geht es wohl mehr um Möglichkeiten, ihre Kosten im Schadensfall [...]
ist in der Regel die Rücksichtslosigkeitskette Auto -> Radfahrer, Radfahrer Fußgänger Da können Regelauslegungen wenig helfen, und den Versicherungen geht es wohl mehr um Möglichkeiten, ihre Kosten im Schadensfall zu reduzieren. Eine Trennung der Verkehrsteilnehmer nach Geschwindigkeiten ist in Städten kaum zu realisieren.
MarkusW77 18.01.2019
4.
dooring Unfälle? echt jetzt? War das Ü für Autotür kaputt auf der Tastatur? Ich denke, die Menschen können in 20 - 30 Jahren kein Risiko mehr einschätzen, soviel wie mittlerweile geregelt wird.
dooring Unfälle? echt jetzt? War das Ü für Autotür kaputt auf der Tastatur? Ich denke, die Menschen können in 20 - 30 Jahren kein Risiko mehr einschätzen, soviel wie mittlerweile geregelt wird.
selinnnn 18.01.2019
5. Beide richtungen
Das gilt doch dann auch für die Fahrradfahrer. Die dürfen dann bei einer langsamen Kolonne nicht am Fahrradstreifen vorbeiziehen, weil sie nicht dennötigen Abstand einhalten können. Und das an der Ampfel rechts nach vorne [...]
Das gilt doch dann auch für die Fahrradfahrer. Die dürfen dann bei einer langsamen Kolonne nicht am Fahrradstreifen vorbeiziehen, weil sie nicht dennötigen Abstand einhalten können. Und das an der Ampfel rechts nach vorne fahren, am besten sogar noch an den Autos vorziehen hätte sich dann auch erledigt. Damit könnte ich leben.
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