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Mythos Steherrennen

Mit 80 Sachen im Windschatten

Auf komisch anmutenden Fahrrädern strampeln sie knatternden Motorrädern hinterher. Früher gehörten sogenannte Steherrennen zu den Top-Attraktionen auf Radrennbahnen. Damit könnte bald Schluss sein.

Foto: Andreas Stenzel / BikeBlogBerlin
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Dienstag, 06.02.2018   05:31 Uhr

Für einen Radfahrer ist Stefan Schäfer extrem schnell unterwegs. Er fährt mit 80 km/h über die Holzbahn des Berliner Velodroms und wirkt dabei nicht einmal besonders angestrengt. Eher hoch konzentriert. Denn Schäfer fährt nur wenige Zentimeter hinter einer Rolle her, die an ein schweres Motorrad montiert ist.

Die hohe Geschwindigkeit kann Schäfer nur wegen des Windschattens halten, den ihm sein Schrittmacher Peter Bäuerlein bietet. Der 57-Jährige sitzt nicht, er steht eher auf einem BMW-Motorrad, damit der Windschatten möglichst groß ist und Schäfer sich nicht zu sehr abstrampeln muss.

Das Gespann gehört zu einer gefährdeten Spezies in Deutschland: Es gibt nur noch wenige aktive Duos aus Schrittmacher und Steher hierzulande. Es fehlt an geeigneten Radrennbahnen, es gibt zu wenige Rennen, kaum Sponsoren. Vor hundert Jahren war das noch ganz anders: Damals waren Steher Top-Attraktionen auf Radrennbahnen.

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Steherrennen: Auf Speed

Wer die tollkühnen Männer auf ihren schweren Motorrädern und seltsam aussehenden Fahrrädern heutzutage noch erleben will, muss zum Sechstagerennen nach Berlin kommen oder zu den wenigen Steherrennen auf Betonbahnen, die es in Erfurt, Bielefeld oder Forst gibt.

Die Motorräder wirken nostalgisch

"Vom Aufwand und der Einstellung her betreiben wir den Sport professionell", sagt Schäfer, amtierender deutscher Stehermeister und EM-Dritter im Jahr 2017. "Aber wir können nicht davon leben."

Im Berliner Velodrom, der modernsten deutschen Radrennbahn in einer Halle, nutzen die Steher BMW-Motorräder Jahrgang 1987. "Die wurden damals extra für Steherrennen umgebaut", erzählt Bäuerlein, der erfolgreichste aktive deutsche Schrittmacher, der 16 Landesmeistertitel gewonnen hat.

Die Motorräder wirken nostalgisch: Boxermotor mit 650 Kubikzentimetern. Eine Kardanwelle treibt das Hinterrad an, keine Kette. "Das ist gut für die Trikots der Radfahrer, sie kriegen keine Ölspritzer ab", sagt Bäuerlein.

Der Lenker ist weit nach hinten gezogen, die Griffe enden seitlich der Oberschenkel der Schrittmacher. Es gibt breite Fußrasten, damit sie sicher stehen. Den Gashebel haben Mechaniker untersetzt, sodass Bäuerlein den Schub besonders fein dosieren kann. Wenn Schäfer in seinem Windschatten aus der Puste kommt, ruft er "Ooh". Will er schneller fahren, schreit er "Allez".

"Von der Rolle"

Bahnräder haben keine Bremsen, alle Räder sind Fixies mit Starrgang. Die an einen Abstandshalter montierte Rolle verhindert Stürze, wenn das Rad dem Motorrad zu nahe kommt. Fährt ein Radfahrer dagegen, dreht sie sich einfach. Verliert der Radfahrer hingegen den Anschluss und damit auch den Windschatten, ist er "von der Rolle".

Andreas Stenzel / BikeBlogBerlin

Steher beim Sixday-Rennen in Berlin

Bei einem Steherrennen scheint auf den ersten Blick kaum etwas zu passieren. Acht Motorräder fahren mit 80, 90 km/h im Kreis. Das Knattern der Motoren erinnert an alte Flugzeuge. Die hohen Geschwindigkeiten sind spektakulär, doch das Geschehen ist nicht zu vergleichen mit einem Massensprint.

Nur manchmal drückt ein Team plötzlich auf die Tube und überholt. Dabei kommt es auch auf des Gespür des Schrittmachers an: Wie viel Körner hat der Mann auf dem Rad nach 60, 70 Runden noch? Wie lange kann man das Tempo hochschrauben, ohne zu überdrehen?

Schäfer und sein Schrittmacher Bäuerlein fahren seit 2014 zusammen und haben reihenweise Titel abgeräumt. Wer wie viel zu den Erfolgen beigetragen hat, darüber sind sich beide sofort einig: "Vom Körperlichen liegt mein Anteil bei null Prozent", meint Bäuerlein und lacht. Er habe nach einem Rennen zwar Probleme mit der Lendenwirbelsäule wegen der Unebenheiten auf der Bahn. Aber richtig verausgaben müsse sich Schäfer in seinem Windschatten.

Der Geruch verändert sich, wenn die Motorräder schneller fahren

Trotzdem ist der Schrittmacher sehr wichtig: Bei der Renntaktik liege sein Anteil bei 100 Prozent, sagt Schäfer über seinen Partner auf der BMW. "Nur er kann das Rennen lesen." Bäuerlein könne an der Körpersprache der anderen Fahrer erkennen, ob diese schon am Limit seien oder nicht. "Ich hingegen habe keine Zeit, mich umzugucken", meint Schäfer. "Ich muss mich voll auf das Motorrad konzentrieren."

Die Abgase der betagten Maschine machen ihm kaum etwas aus. "Wenn wir schneller fahren, verändert sich der Geruch, aber es stört mich nicht." Ein Rennen sei ja nach spätestens einer Stunde vorbei. "Ich glaube, die Zuschauer nehmen die Abgase stärker wahr als ich."

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Wenn sich Schrittmacher und Radfahrer um ihre Gesundheit sorgen, dann eher wegen der Sturzgefahr. Am ersten Tag des diesjährigen Sechstagerennens in Berlin war ein Schrittmacher gestürzt. Zum Glück nicht auf einem schweren Motorrad, sondern auf einem Derny, einem Leichtmotorrad, das ebenfalls von Schrittmachern genutzt wird. Der 70-jährige Derny-Fahrer kam mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus. Das Sixday-Spektakel im Velodrom ging weiter.

Gefährlich wird es, wenn der Respekt verloren geht

"Du darfst nie Angst haben", sagt Peter Bäuerlein. "Nur muss man immer Respekt haben vor dem, was man macht." Ein Steherrennen sei riskant. Aber gefährlich werde es erst dann, wenn man den Respekt verliere.

Schäfer erinnert sich noch an sein erstes Training als Steher: "Ich habe mich nicht getraut zu überholen." Aber nach drei, vier Rennen sei es besser geworden. "Zum Glück habe ich noch nie einen Sturz erlebt." Schäfer vertraut seinem Schrittmacher blind, dass dieser keine riskanten Manöver fährt.

Es gebe durchaus brenzlige Situationen auf der Bahn, berichtet Bäuerlein. Da werde beim Überholen geschnitten, obwohl das nicht zulässig sei. Und manchmal überfahre ein Team beim Abwehren eines Überholversuchs die blaue Linie auf der Bahn, die eigentlich dafür sorgen soll, dass sich beim Überholen niemand zu nahe kommt.

Andreas Stenzel / BikeBlogBerlin

Überholmanöver bei Steherrennen

Es gibt auch Tricks, die legal sind. Zum Beispiel kann ein Schrittmacher seinen Oberkörper plötzlich zur Seite drehen, wenn er sich neben einem anderen Gespann befindet. Dadurch verändert sich die Luftströmung für den Radfahrer daneben. "Das ist so, als würde jemand bei Wind eine Tür aufmachen", erklärt Schäfer. "Ist unangenehm für uns Fahrer, aber nicht verboten."

Bei zu hoher Geschwindigkeit könnte die Maschine aus der Kurve fliegen

Dass die große Zeit der Steher langsam zu Ende geht, zeigte sich zuletzt in Nürnberg. Die dortige Betonbahn gilt als eine der letzten echten Steherbahnen und wird nun, weil zu marode, abgerissen. "Die hat weite Kurven, die zugleich steil sind", erklärt Bäuerlein. In Nürnberg habe man deshalb auch 100 km/h fahren können. Im Velodrom Berlin sei die Neigung geringer, bei zu hohen Geschwindigkeiten bestehe die Gefahr, dass eine Maschine aus der Kurve fliege - ins Publikum. "Das will niemand riskieren."

insgesamt 29 Beiträge
Papazaca 06.02.2018
1. Karl Heinz Marsell, von der Polizei verfolgt
in meiner Jugend - long time ago - habe ich in Dortmund beim Rahmenbauer Rickert Karl Heinz Marsell, den Steherweltmeister kennen gelernt. Der war öfters - nach ein paar Bier - auf seinem Fahrrad auf der Flucht vor der Polizei. [...]
in meiner Jugend - long time ago - habe ich in Dortmund beim Rahmenbauer Rickert Karl Heinz Marsell, den Steherweltmeister kennen gelernt. Der war öfters - nach ein paar Bier - auf seinem Fahrrad auf der Flucht vor der Polizei. Die haben ihn natürlich nie gefasst, glaube ich. Die Steherrennen in der verqualmten Westfalenhalle waren gigantisch. Die alten Schrittmacher auf ihren knatternden Motorrädern mit 80km, riesig. Eine unwirkliche Welt. Ja, in diesem Moment kann ich die alten Heulsusen verstehen, die ihren vergangenen Welten nachtrauern. Zu mindestens für einen Moment ...
jobie09 06.02.2018
2. ... und in der Westfalenhalle
gab es nicht nur die Sechstage Rennen, sondern auch den Weihnachtspreis, immer am zweiten Weihnachtstag. Die Motorräder der Schrittmacher waren noch viel älter als die in Berlin eingesetzten Boxer BMW: das waren echte Indian [...]
gab es nicht nur die Sechstage Rennen, sondern auch den Weihnachtspreis, immer am zweiten Weihnachtstag. Die Motorräder der Schrittmacher waren noch viel älter als die in Berlin eingesetzten Boxer BMW: das waren echte Indian Maschinen, mit länglichen Tanks die wie polierte Kupferkessel. In den Katakomben der Halle kann man diese Maschinen noch sehen und ich glaube es gibt sogar noch jemanden, der diese Dinger am Laufen hielt. Der Klang der Maschinen ,selbst die Abgase, der rasante Sport - alles aus nächster Nähe zu erleben, das war schon Klasse.
hugotheKing 06.02.2018
3. Höchste Zeit
die Dinger zu elektrifizieren. Für bessere Luft und bessere Akustik in der Halle.
die Dinger zu elektrifizieren. Für bessere Luft und bessere Akustik in der Halle.
faekalaerosol 06.02.2018
4. Nicht mehr zeitgemäß.
Heutzutage werden solche Geschwindigkeiten mit reiner Muskelkraft erreicht, ganz ohne stinkende Knatterbüchse vorneweg. Im aerodynamisch höchst optimierten Velomobil. https://www.youtube.com/watch?v=u9hkFI2hLEU
Heutzutage werden solche Geschwindigkeiten mit reiner Muskelkraft erreicht, ganz ohne stinkende Knatterbüchse vorneweg. Im aerodynamisch höchst optimierten Velomobil. https://www.youtube.com/watch?v=u9hkFI2hLEU
bildtextton 06.02.2018
5. Danke!
Als alter Radrennsportler sage ich „vielen Dank“ für den kompe-tenten, allgemeinverständlichen Bericht über diese attraktiven Radsport-Variante.
Als alter Radrennsportler sage ich „vielen Dank“ für den kompe-tenten, allgemeinverständlichen Bericht über diese attraktiven Radsport-Variante.

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