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Auto

S-Pedelec

Fahrrad mit viel Hupraum

Das Stromer ST1X ist der SUV unter den Fahrrädern: bullig, stark und dank seines kräftigen Motors ziemlich schnell. In einer idealen Verkehrswelt wäre es das perfekte Fahrzeug. In der Realität sieht das anders aus.

Stromer
Von
Montag, 20.11.2017   04:26 Uhr

Die Autos hinter mir hupen. Sie fahren dicht auf. Blickt man zurück, was man bei 45 km/h ungern tut, sieht man, dass sie mit einer Hand herumfuchteln und auf den Radweg zeigen. Ist klar: Sie ärgern sich, dass ich mit einem Fahrrad am rechten Rand der mehrspurigen Autostraße fahre und nicht auf dem Radweg daneben.

Aber sie haben unrecht. Denn das Rad, mit dem ich unterwegs bin, ist ein ST1X vom Schweizer Hersteller MyStromer, ein S-Pedelec, ein E-Bike also, aber eines, dessen Motor nicht bei 25 Stundenkilometern, sondern erst bei 45 abgeregelt wird. Und damit ist es laut Gesetz, zumindest in Deutschland und in Österreich, wo ich es teste, kein Fahrrad, sondern ein Kleinkraftrad. Ich darf damit also gar nicht auf dem Radweg fahren.

Man benötigt einen Rückspiegel, ein Nummernschild und einen Helm, und zwar keinen Fahrradhelm, sondern einen, der den ganzen Kopf umschließt. Das ist bei der Geschwindigkeit sinnvoll, dennoch: Ich sitze auf einem Ding, das aussieht wie ein Fahrrad (und eigentlich auch eins ist, nur nicht dem Gesetz nach), trage aber einen - geliehenen - Motorradhelm. Mit anderen Worten: Ich sehe aus wie ein Idiot. Es gibt wohl spezielle Helme für S-Pedelecs, nur habe ich keinen gefunden.

Hasnain Kazim

Für den Stromer ist ein Rückspiegel Vorschrift

Den Autos fahre ich nicht schnell genug, ich behindere sie in ihrem Fortkommen, und deswegen hupen sie. Um die Fahrer zu beruhigen und sie auf das Missverständnis hinzuweisen, zeige ich auf das kleine Nummernschild am hinteren Schutzblech. Der Typ hinter mir hupt nun schon wieder. Wahrscheinlich versteht er mich nicht und nimmt meine Geste als Beleidigung wahr, weil er denkt, ich würde auf meinen Hintern zeigen.

Das ST1X ist ein Zweirad gewordener SUV

E-Bikes, bei denen der Motor erst bei 45 km/h aufhört mitzuhelfen, sind eine Nische auf dem Zweiradmarkt. Sie sind teurer als 25-km/h-Pedelecs, man muss sie anmelden und versichern, was oft nicht so einfach klappt, weil die Zuständigen auf den Ämtern und in den Versicherungen sich mit solchen Gefährten (noch?) nicht auskennen.

Das ST1X schickt mir Stromer für zwei Wochen mit einem Schweizer Nummernschild. Sollte mich ein Polizist anhalten, dürfte das für noch mehr Verwirrung sorgen, als es solch ein Rad ohnehin tut. Es ist ein schwarzes, schweres, bulliges Modell, ein Zweirad gewordener SUV: Der Akku ist im Unterrohr verbaut, das deshalb entsprechend dick ist. Der Rahmen ist aus Aluminium und entsprechend steif, aber auf eine Federgabel verzichtet der Hersteller. Stattdessen verbaut er voluminöse "Big Apple"-Reifen von Schwalbe. Die sorgen, mit entsprechend wenig Druck aufgepumpt, für die nötige Federung.

Hasnain Kazim

Schweizer Nummernschild

Was, wenn man damit doch auf Radwegen fahren dürfte (wie in der Schweiz)? Wenn ein normaler Fahrradhelm genügte (ebenfalls wie in der Schweiz)? Wenn es keine Autos mehr gäbe und wenn die breiten, mehrspurigen Straßen allein den Radfahrern zur Verfügung stünden (leider auch nicht in der Schweiz)? Wäre ein S-Pedelec dann nicht das perfekte Fahrzeug? Schnell und doch umweltfreundlich? Sportlich und doch nicht allzu schweißtreibend? Solide und nicht zu teuer?

Gut, das ST1X kostet 5190 Euro, was eine Stange Geld ist. Es gibt weitere Modelle von Stromer, die sogar knapp 10.000 Euro kosten. Stromer versteht sich als Premiumanbieter. Soll halt nicht jeder fahren, so ein Ding, und es soll ein Statement sein. So wie ein Porsche Cayenne, den zwar kein Mensch braucht, schon gar nicht in der Innenstadt, den aber trotzdem viele begehren. Aber das ST1X bietet mehr als nur Image. Man hat mit 120 Kilometern pro Akkuladung eine ziemlich große Reichweite (bei niedrigster Unterstützungsstufe). Ohne Motorhilfe ist das Rad allerdings nur schwer zu bewegen, es ist einfach sehr, sehr schwer.

S-Pedelecs spielen auf dem Markt kaum eine Rolle

Und es ist ein vernetztes Rad: Es hat ständig Mobilfunk- und GPS-Verbindung. Die Vorteile: Man kann das E-Bike per App aus der Ferne feinjustieren, der Hersteller kann Fehlerdiagnosen vornehmen und Software-Updates hochladen. Und man kann das Rad einfach lokalisieren und sperren - im Falle eines Diebstahls ganz nützlich. Allerdings weiß Stromer auch, wie viel und wohin man fährt. Die Daten, sagt der Sprecher des Unternehmens, würden zwar gespeichert, aber keinesfalls verkauft oder für Werbezwecke genutzt. Es gehe nur darum, dem Fahrer das Leben "so angenehm wie möglich" zu machen.

In Deutschland, wo der Anteil der E-Bikes am Fahrradmarkt rasant wächst, spielen die schnellen S-Pedelecs kaum eine Rolle. Laut Herstellerverband ZIV liegt ihr Anteil am E-Bike-Markt gerade mal bei einem Prozent. In Österreich spielen sie eine ähnlich untergeordnete Rolle. Wie viele Räder Stromer verkauft, verrät das Unternehmen nicht. Aber 2016 habe man den Umsatz um 25 Prozent gesteigert, 2017 werde das Plus ähnlich hoch ausfallen, heißt es.

Geeignet ist so ein S-Pedelec vor allem für Pendler aus dem urbanen und suburbanen Raum, die täglich längere Strecken zurücklegen müssen, nicht mit dem Auto im Stau stehen, aber auch nicht verschwitzt auf dem normalen Rad im Büro ankommen wollen. Nur muss man sich an die genervten Autofahrer gewöhnen, die den Radfahrer auf ihrer (!) Straße für eine Zumutung halten.

Das Nummernschild? "Abgefallen"!

Einmal begegne ich in Wien zufällig einem Mann, der ebenfalls mit einem ST1X unterwegs ist - auf einem Radweg, mit normalem Fahrradhelm und ohne Nummernschild. Das hat er in die Jackentasche gesteckt. "Ist abgefallen", sagt er und grinst. Eine nachhaltige Lösung ist das nicht, und schon gar nicht verantwortungsbewusst. Sie ist gefährlich, und der Mann ist im Falle eines Unfalls nicht versichert.

Dann doch lieber die hupenden Autos.

insgesamt 146 Beiträge
mazzmazz 20.11.2017
1. Spinnerei
Für die 5.000 Eur bekommt man in China 7-8 E-Scooter der 45 Km/h-Klasse. Die normalen E-Bikes ohne Schild für 2.000 Eur sind sicherlich eine gute Alternative für Leute, die eigentlich nur Kurzstrecken fahren. Meine Frau nutzt [...]
Für die 5.000 Eur bekommt man in China 7-8 E-Scooter der 45 Km/h-Klasse. Die normalen E-Bikes ohne Schild für 2.000 Eur sind sicherlich eine gute Alternative für Leute, die eigentlich nur Kurzstrecken fahren. Meine Frau nutzt solch ein Rad auch hier im Ort. Spart Geld, hält fit und ist umweltfreundlicher als Kurzstrecken mit einem Auto. Das E-Pedelec für 45 Km/h ist jedoch Unfug, denn ein E-Scooter kann alles besser und "darf" rechtlich nicht weniger. Außerdem haben die Dinger eine ähnlöiche Reichweite ganz ohne Strampeln. Deshalb kauft keiner diese Dinger. Überlegen Sie doch mal: 5.000 Eur für ein Fahrrad! Dafür bekommen Sie mi etwas Verhand.ungsgeschick eine nagelneue Yamaha mit 600cc, 300 Km Reichweite, 200 Km/h Vmax und 2 Sitzplätzen.
sven2016 20.11.2017
2.
Diese Panzer auch noch auf die Fahrrad-/Fußgängerwege? Tolle Idee. Dann überlegen Sie lieber, so ein Teil nicht zu benutzen. Es passt in den derzeitigen Verkehrsstrom überhaupt nicht. Aber wenn es doch für mich bequem [...]
Diese Panzer auch noch auf die Fahrrad-/Fußgängerwege? Tolle Idee. Dann überlegen Sie lieber, so ein Teil nicht zu benutzen. Es passt in den derzeitigen Verkehrsstrom überhaupt nicht. Aber wenn es doch für mich bequem ist? ... Genau das ist das Problem
alfons11:45 20.11.2017
3. S-Pedelec, Autofahrer und Radwege
Das Befahren eines Radweges mit dem S-Pedelec ist eine einfache Ordnungswidrigkeit. In einer Gegend mit ätzendem "Fahrradklima" und genügend Möchtegern - Hilfssheriffs am Steuer würde ich ggf. schon mal auf dem [...]
Das Befahren eines Radweges mit dem S-Pedelec ist eine einfache Ordnungswidrigkeit. In einer Gegend mit ätzendem "Fahrradklima" und genügend Möchtegern - Hilfssheriffs am Steuer würde ich ggf. schon mal auf dem Radweg spazieren fahren, denn eine angepasste Geschwindigkeit kann man aber auch mit einem S-Pedelec fahren und die Gesetzeshüter sind da entweder pragmatisch oder meinen gar immer noch, dass S-Pedelecs benutzungspflichtige Radwege nutzen können oder müssen. Ein eventuell fälliges Bußgeld würde ich dann als Investition in meine Sicherheit abbuchen. Das einzige, was mich auf engen deutschen Radwegen doppelt nerven würde, ist die dank typgeprüftem Außenspiegel normalerweise reichlich große effektive Fahrzeugbreite. An meinem derzeitigen Wohnort käme ich aber nicht im Traum auf die Idee, mit einem S-Pedelec die Radwege zu nutzen. Ich hoffe, dass sich dank Artikeln wie diesem bei den Autofahrern allmählich die Erkenntnis durchsetzt, dass S-Pedelecs Kraftfahrzeuge sind und auf Radwegen eher nichts zu suchen haben. Die Autofahrer, die hinter einem S-Pedelec hupen, würden vermutlich selbst bei 51 gefahrenen km/h mindestens überholen wollen. So meine Schätzung anhand eigener Erlebnisse in 30 km/h - Zonen, die örtliche Polizei außerhalb einer Einsatzfahrt inklusive. Ich hoffe für die Zukunft auf speziell für S-Pedelecs zugelassene Helme. Eine geschlossene Helmschale kommt im Sommer nicht so gut und z.B. Rennradfahrer kommen auch ohne überschweren Kopfputz durch die Lande. Ein S-Pedelec lässt sich bei Bedarf mit reichlich sportlich bewegen, insbesondere an Steigungen. Da sollte der entstehende Dampf ggf. auch entweichen können. :D
mikaiser 20.11.2017
4. Die Konsequenzen eines Pedelec-Kaufs
werden hier ausführlich diskutiert. Allerdings sind die Geschwindigkeitsunterschiede auf Radwegen (träumende Fußgänger bis rasende Aggro-Radler) schon jetzt sehr groß. Diese Teile gehören jedenfalls nicht auf solche Radwege, [...]
werden hier ausführlich diskutiert. Allerdings sind die Geschwindigkeitsunterschiede auf Radwegen (träumende Fußgänger bis rasende Aggro-Radler) schon jetzt sehr groß. Diese Teile gehören jedenfalls nicht auf solche Radwege, wie wir sie in unseren Städten vorfinden. Die Lösung könnte sein, Pedelecs bis 60 Km/h zuzulassen, damit sie eben kein Verkehrshindernis sind. Ansonsten schätze ich an Fahrrädern, dass die Fahrdaten nirgends gesammelt werden. Neben dem Hinterradmotor (Schaltung wirkt nicht auf die Motorkraft) ein Killer- Kriterium gegen dieses Rad.
großwolke 20.11.2017
5. Vorsicht ist geboten
Sieht aus wie ein Fahrrad (zumindest, wenn man die richtige Sorte Helm trägt), klingt wie ein Fahrrad (sprich: man kann es im Auto nicht hören) bewegt sich aber in vielen Situationen total unerwartet schnell. Ich würde von [...]
Sieht aus wie ein Fahrrad (zumindest, wenn man die richtige Sorte Helm trägt), klingt wie ein Fahrrad (sprich: man kann es im Auto nicht hören) bewegt sich aber in vielen Situationen total unerwartet schnell. Ich würde von solchen Geräten die Finger lassen. Nicht, weil es schlechte Produkte sind, ich vermute, dass man für das Geld ordentliche Technik bekommt. Aber Straßenverkehr ist zu großen Teilen Antizipierung aufgrund flüchtiger visueller Eindrücke, und was sich da nicht verhält wie üblicherweise erwartbar kommt schnell unter die Räder. Ich merke das selbst jetzt immer noch, wo ich schon nicht mehr ganz so schnell bin auf dem Rad wie in Jugendzeiten, und ich schätze, dass es mit so einem Ding noch deutlich schlimmer wäre. Wer unbedingt mit Strom auf zwei Rädern unterwegs sein will, sollte vielleicht lieber zu einem Elektro-Roller greifen.
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