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Auto

Toyota-Sammlung

Betriebssporthall of Fame

Wer kommt schon auf die Idee, alte Toyota zu sammeln? Ein ehemaliger deutscher Vertragshändler. Er schuf im Verborgenen eine einmalige Kollektion - ab jetzt kann sie in Köln jeder bestaunen.

Toyota
Von Jürgen Pander
Freitag, 24.11.2017   04:12 Uhr

Porsche ließ sich sein Museum in Zuffenhausen 100 Millionen Euro kosten, der Bau des Mercedes-Museums in Stuttgart-Untertürkheim verschlang 150 Millionen Euro und die BMW-Markenwelt in München war noch teurer. Auch wenn Toyota Deutschland keine Zahl kommuniziert: Die neue "Toyota Collection", die jetzt in Köln-Marsdorf eröffnet wurde, entstand für einen Bruchteil dieser Summen. Trotzdem gelang dem japanischen Hersteller damit quasi ein Matchball in Sachen Imagepflege. Denn die Autosammlung mit rund 70 Fahrzeugen aus den vergangenen 50 Jahren befindet sich nicht im Neubau eines Stararchitekten, sondern in der aufgehübschten Toyota-Betriebssporthalle, in der sich bis vor kurzem zwei Tennis- und vier Badmintonplätze befanden.

Pech für die Ballspieler, Glück für Toyota - und vor allem: eine glückliche Fügung. Die allermeisten Autos stammen nämlich aus der Sammlung von Peter Pichert. Der Niederbayer aus Grubweg bei Passau gehörte 1971 zu den ersten 25 Toyota-Händlern in Deutschland. Und er fand rasch nicht nur beruflich Gefallen an den Autos aus Japan. "Ende der Siebzigerjahre begann mein Vater, gut erhaltene Toyota-Modelle, die er in Zahlung nahm, zu sammeln. Das war der Anfang", berichtet Birgit Pichert, die heute gemeinsam mit ihrem Bruder das vom Vater gegründete Autohaus leitet.

Irgendwann stand eine Scheune voll mit Toyota-Typen, für Neuerwerbungen war kein Platz mehr. Doch dann fand Peter Pichert eine abgebrannte Schneiderei im nahe gelegenen Hartkirchen, renovierte das Gebäude und eröffnete dort 1999 das "1. Deutsche Toyota-Museum". Die Pflege der Auto-Raritäten wurde nach dem Tod Peter Picherts Anfang 2016 jedoch immer schwieriger - bis Tochter Birgit Pichert mit Toyota Deutschland ins Gespräch kam. Die Zentrale in Köln ergriff die Chance, übernahm die Sammlung - und hat jetzt, als einziger Toyota-Importeur in Europa, ein eigenes Markenmuseum direkt am Firmensitz.

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Toyota Collection: Glänzendes Erbe

Künftig sollen hier zum Beispiel Händlertagungen, Verkäuferschulungen oder Fanclub-Treffen stattfinden; und auch Besucher seien jederzeit willkommen, heißt es bei Toyota. Besuch kann man der Sammlung gar nicht genug wünschen.

Eine Tradition, die in Europa kaum verstanden wird

"Dass die Sammlung von Herrn Pichert jetzt an neuer Stelle weiter existiert, ist wunderbar, denn die Geschichte der japanischen Hersteller, und in diesem Fall die von Toyota, ist in Europa noch immer nahezu unbekannt", sagt Paolo Tumminelli, Designprofessor und Autor des Buches "Car Design Asia". Das liege auch an dem Umstand, so Tumminelli, dass hierzulande eine Traditionslinie erst dann als solche gelte, wenn sie auch optisch klar erkennbar sei. "In Japan ist das völlig anders."

Beispiel Toyota Corolla: Das Kompaktauto wird seit 1966 gebaut, inzwischen in der zwölften Generation. Jede davon sieht anders aus, dazu gab es bis heute 41 Karosserievarianten. Tumminelli: "Es gibt den Toyota Corolla länger als den VW Golf, doch den Golf nehmen wir Europäer von 1974 bis heute als durchgehende Auto-Traditionslinie wahr, weil sich die einzelnen Modellgenerationen nur geringfügig veränderten, den Corolla jedoch nicht." Dabei, sagt Tumminelli, bildeten die unterschiedlichen Corolla-Typen bis heute den Wandel in der Autowelt - progressiv, eckig, konservativ, gerundet - viel genauer ab. "Ist das nicht auch eine konsequente Tradition?"

Im Vergleich zu VW ist Toyota eine automobile Wundertüte

Überhaupt sei die Vielfalt und Experimentierfreude ein prägendes Kennzeichen der japanischen Autoindustrie. "Toyota und VW bauen ungefähr gleich lange Autos. Doch in der Timeline von Toyota gibt es hunderte von Modellen - davon kann VW nur träumen", sagt Tumminelli. Das für westlich geprägte Menschen optisch unstete Erscheinungsbild japanischer Autos hat mehrere Gründe: Zum einen ist bei japanischen Herstellern in der Regel für jedes neue Automodell ein neuer Chefingenieur zuständig. Und zumindest bis vor wenigen Jahren bestimmte der auch das Design. Außerdem richteten sich die früheren, raschen Modellzyklen nach dem japanischen TÜV-Äquivalent, das drei Jahre nach der Erstzulassung eine strenge technische Prüfung vorsieht. Oft wurde die auch dazu genutzt, das Auto zu verkaufen und sich nach einem neuen Modell umzusehen - daher die in den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren oft nur vierjährigen Modellzyklen.

Und schließlich, sagt Tumminelli, habe die japanische Kultur eine völlig andere Vorstellung von Permanenz. In Europa gebe es den griechischen Tempel. Massiv aus Stein gebaut, ein Monument für Jahrtausende. Der berühmte, hölzerne Shinto-Schrein in Ise hingegen werde alle 20 Jahre abgerissen und - vollkommen identisch - neu aufgebaut. Im Oktober 2033 wird sich dieses Ritual zum 63. Mal vollziehen. "In diesem Fall ist das eine Tradition des immer Neuen und zugleich immer Gleichen seit mehr als 1200 Jahren", sagt Tumminelli.

So lange werden die Autos von heute gewiss nicht überdauern. Doch ironischerweise ist gerade Toyota nicht zuletzt deshalb zu einem der größten Autohersteller der Welt aufgestiegen, weil die optisch ständig veränderten Produkte des Hauses sozusagen technisch in sich ruhen und als überaus langlebig gelten. Das bewog letztlich auch Peter Pichert dazu, sich eine Sammlung anzulegen. "Was mein Vater an Toyota schätzte, war vor allem die technische Zuverlässigkeit", sagt Birgit Pichert. Als das Museum geschlossen wurde, löste sie auch ein Lager mit Lichtmaschinen, Anlassern, Achsschenkeln und etlichen anderen Ersatzteilen für Toyota-Typen aus den Siebzigerjahren auf, das ihr Vater vorsorglich angelegt hatte. Es war noch fast alles vom Originalbestand da.

insgesamt 15 Beiträge
auto_narrisch 24.11.2017
1. Toyota BJ42
Ein schoener Beitrag. Mit einer hohen Wahrscheinlichkeit handelt es sich beim roten Toyota BJ aber nicht um den BJ42 sondern den BJ40. Hintergrund: Der BJ42 wurde erst ab 1980 / 1981 gebaut (je nachdem fuer welchen Markt). Der [...]
Ein schoener Beitrag. Mit einer hohen Wahrscheinlichkeit handelt es sich beim roten Toyota BJ aber nicht um den BJ42 sondern den BJ40. Hintergrund: Der BJ42 wurde erst ab 1980 / 1981 gebaut (je nachdem fuer welchen Markt). Der BJ42 ist der Nachfolger des BJ40, simpel zu erkennen in Version 1 an dem anderen Motor (3B anstatt 3).
Kommentatoren 24.11.2017
2. Hierzulande wenig bekannt...
...ist es, dass nur ein Bruchteil der Toyota-Modelle nach Deutschland exportiert wird. Toyota diversifiziert sehr, je nach Markt und den dortigen individuellen Vorlieben. Im südlichen sowie in Ostafrika hat Toyota einen [...]
...ist es, dass nur ein Bruchteil der Toyota-Modelle nach Deutschland exportiert wird. Toyota diversifiziert sehr, je nach Markt und den dortigen individuellen Vorlieben. Im südlichen sowie in Ostafrika hat Toyota einen Marktanteil von über 50%, aber das Gros der Autos sind nicht Neuwägen, sondern Gebrauchtfahrzeuge aus Japan und Singapur, wo ebenfalls Rechtsverkehr herrscht. Deswegen sieht man in Südafrika und Kenia beispielsweise Modelle mit sehr exotischen, weil deutschen, Namen herumfahren: Toyota "Platz", Toyota "Raum", aber auch ein Minivan namens "Noah" oder ein Corolla-Kombi-Verschnitt namens "Probox", der inzwischen in Kenia das Standard- Überlandtaxi geworden ist. Die Afrikaner schätzen an Toyota die Robusheit, absolute Zuverlässigkeit und Langlebigkeit sowie die leichte Verfügbarkeit an originalen und gefaketen billigen Ersatzteilen. Toyota produziert nach wie vor die alte Land Cruiser Reihe HZJ 76, 78 ("Buschtaxi"), sowie den Pick Up HZJ 79, der bei fast allen Armeen, Milizen und Terrorgruppen dieser Welt wegen seiner Unzerstörbarkeit hoch im Kurs steht. Ein Marktsegment, dass Europäer und Amerikaner vollkommen unterschätzt haben.
ericstrip 24.11.2017
3. Ja...
...ein schöner Beitrag. Ich werde das Museum mit Sicherheit in absehbarer Zeit besuchen.
...ein schöner Beitrag. Ich werde das Museum mit Sicherheit in absehbarer Zeit besuchen.
ericstrip 24.11.2017
4. Noch ein Nachtrag...
...die Celica auf Bild 14 ist keine Liftback, sondern das Stufenheckmodell.
...die Celica auf Bild 14 ist keine Liftback, sondern das Stufenheckmodell.
Süddeutscher 24.11.2017
5. Netter, unerwartet aufgefächerter Beitrag
Schön, wie sich der Autor über die Jahre entwickelt. Dieser Beitrag unterscheidet sich von anderen zum gleichen Thema allein schon darin, dass Tumminelli zu Wort kommt. Das bringt einfach Mehrwert für den Leser. Weiter so!
Schön, wie sich der Autor über die Jahre entwickelt. Dieser Beitrag unterscheidet sich von anderen zum gleichen Thema allein schon darin, dass Tumminelli zu Wort kommt. Das bringt einfach Mehrwert für den Leser. Weiter so!

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