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Auto

Umstrittener Fahrdienstvermittler Uber

"Wir haben Fehler gemacht"

Skandale, ein riesiger Datenklau, Konkurrenz durch Autokonzerne wie Daimler und VW: Der Deutschlandchef des Fahrdienstvermittlers erklärt, warum sein Konzern trotzdem bleibt und wie er wachsen will.

picture alliance / dpa
Ein Interview von
Freitag, 24.11.2017   14:37 Uhr

Ubers deutsche Zentrale befindet sich in einem schmucklosen Hochhaus in Berlin-Mitte. Christoph Weigler führt den Besuch durch die Räume. "Wir suchen gerade nach einem neuen Standort in der Stadt", sagt der Deutschlandchef von Uber. Die Umzugspläne sind das kleinste Problem des 34-Jährigen.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Weigler, bei einen Hackerangriff haben Kriminelle die Daten von 57 Millionen Fahrgästen und Fahrern von Uber gestohlen. Der Datenklau wurde erst jetzt unter dem neuen Chef Dara Khosrowshahi publik gemacht. Wie hat er von dem Hackerangriff erfahren?

Weigler: Dara Khosrowshahi hat kurz nach seinem Amtsantritt das gesamte Unternehmen durchleuchten lassen, auch mit Hilfe von externen Kontrolleuren. Dabei kam zu unserem Bedauern auch dieser Fall ans Tageslicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Uber-Kunden in Deutschland sind betroffen?

Weigler: Wir stehen mit Regulierungs- und Regierungsbehörden in Kontakt. Solange wir diesen Prozess nicht abgeschlossen haben, sind wir nicht in der Lage, auf weitere Details einzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Maßnahmen wurden hinsichtlich der IT-Sicherheit ergriffen?

Weigler: Die Sicherheitslücke wurde geschlossen, nachdem der Hackerangriff erkannt worden ist. Wie Dara Khosrowshahi am Mittwoch deutlich gemacht hat, gab es auch personelle Konsequenzen: Wir haben mit Matt Olsen einen neuen Cybersecurity-Experten an Bord geholt, und der Sicherheitschef und ein weiterer verantwortlicher Manager sind entlassen worden. Zudem werden wir den betroffenen Fahrern weitere Unterstützung und zusätzlichen Schutz anbieten.

SPIEGEL ONLINE: Der Gründer von Uber, Travis Kalanick, ist auf Druck von mehreren Investoren bereits im Juni von seinem Chefposten zurückgetreten. Momentan sitzt er noch im Aufsichtsrat des Unternehmens. Glauben Sie, dass er nach dem Bekanntwerden des jüngsten Skandals auch diesen Posten räumen muss?

Weigler: An solchen Spekulationen möchte und kann ich mich nicht beteiligen.

REUTERS

Uber-Gründer Travis Kalanick

SPIEGEL ONLINE: Kurz nach dem Rücktritt von Kalanick setzten sich mehr als 1000 Uber-Mitarbeiter mit einer Petition dafür ein, dass er eine "aktive Rolle" im Unternehmen behält. Gehören Sie zu den Unterzeichnern der Petition?

Weigler: Von dieser Liste habe ich auch erst über die Medien erfahren.

SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie unterschrieben, wenn Sie Ihnen vorgelegt worden wäre?

Weigler: Travis Kalanick hat in der breiten Öffentlichkeit sicherlich nicht das beste Image. Und es ist richtig, dass er Uber durch sein Verhalten Probleme bereitet hat. Weil ich ihn persönlich erlebt habe und auch um seine Qualitäten weiß, sehe ich seine Rolle allerdings differenzierter: Meiner Meinung nach war er der Motor, um das Unternehmen in sehr kurzer Zeit so weit voranzubringen. Viele Mitarbeiter konnten sich Uber deshalb nicht ohne ihn vorstellen. Dass mit Dara Khosrowshahi jetzt ein Manager mit mehr Führungserfahrung die Firma leitet, ist genau der richtige Weg.

SPIEGEL ONLINE: Der neue Uber-Chef Khosrowshahi kritisierte die Zustände unter seinem Vorgänger: Zwar sei jeder Mitarbeiter dazu aufgerufen worden, offen seine Meinung zu sagen, aber viele hätten das als Anlass genommen, sich wie - Zitat Khosrowshahi - "Arschlöcher" zu verhalten. Können Sie uns erklären, was er damit meint?

Weigler: In den flachen Hierarchien bei Uber wurde man dazu ermutigt, alles kritisch zu hinterfragen, auch den eigenen Chef. Eine solche Kritikfähigkeit hätte ich mir bei meinen vorherigen Stationen in der deutschen Automobilindustrie hin und wieder auch gern gewünscht. Manche Mitarbeiter haben dann aber leider nicht mehr konstruktiv, sondern vor allem konfrontativ diskutiert. Das gilt sowohl für den Umgang mit Behörden und Politikern als auch mit den Kollegen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das persönlich so erlebt?

Weigler: Ich habe auch mitbekommen, dass einige Kollegen ein lautes Auftreten hatten und andere übertönten. Nach dem Führungswechsel habe ich den Eindruck, dass alle Meinungen auch wirklich gehört werden.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es konkrete Beispiele, was sich seit dem Antritt von Khosrowshahi im Unternehmen geändert hat?

Weigler: Es wurde zum Beispiel genau hingeguckt, ob Mitarbeiterinnen mit gleicher Qualifikation weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Dort, wo so etwas vorkam, wurden die Gehälter nach oben angepasst. Das passierte bei fast einem Drittel der Belegschaft.

DPA

Neuer Uber-Chef Dara Khosrowshahi

SPIEGEL ONLINE: Und im Umgang nach außen? Einen Monat nach dem Amtsantritt von Khosrowshahi wurde Uber in London die Lizenz für Fahrtenvermittlungen entzogen.

Weigler: London ist ein gutes Beispiel für unseren Kulturwandel: Heute suchen wir stärker den Dialog. Dara Khosrowshahi hat sich in einem offenen Brief entschuldigt, ist nach London geflogen und hat mit den Behörden in einem persönlichen Gespräch nach einer Lösung gesucht. Diesen kooperativen Weg sind wir in Deutschland übrigens schon früher gegangen. Hier haben wir Lehren aus der Vergangenheit gezogen, als wir zu aggressiv auf dem Markt aufgetreten sind. Wir haben unsere Lektion gelernt.

SPIEGEL ONLINE: Dazu gibt es gegensätzliche Ansichten. In München haben vor Kurzem mehr als 1400 Taxifahrer mit ihren Fahrzeugen die Innenstadt blockiert - aus Protest gegen Uber. Der Vorwurf lautet, dass die Mietwagenfahrer von UberX ihre Rückkehrpflicht nicht einhalten.

Weigler: Ich bin zwar der Meinung, dass die Rückkehrpflicht abgeschafft werden sollte, aber momentan ist sie vorgeschrieben. Weil wir uns an Recht und Gesetz halten, fordern wir die Mietwagenfirmen auf, dafür zu sorgen, dass ihre Fahrer die Regel einhalten.

SPIEGEL ONLINE: Kontrollieren Sie das auch?

Weigler: Das können wir leider nicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht? Sie können das Fahrzeug über Ihre Zentrale doch bestimmt nachverfolgen.

Weigler: Ja. Aber wir betreiben die Fahrzeuge nicht selbst, sondern vermitteln die Fahrten an Mietwagenunternehmer. Die arbeiten meistens aber nicht nur mit uns, sondern auch mit anderen Anbietern und ihrer Stammkundschaft. Deshalb können die Fahrer direkt im Anschluss an den über Uber vermittelten Fahrauftrag von einer anderen Fahrtenvermittlung angefordert werden. Wenn der Fahrer zum Beispiel einen Uber-Kunden an den Flughafen gebracht hat, kann es sein, dass er unterwegs einen Auftrag von einem unserer Mitbewerber oder einem Stammkunden erhalten hat. Deshalb können wir ihm nicht vorschreiben, vorher zu seinem Betriebssitz zurückzukehren. Es ist dem Mietwagenunternehmen explizit erlaubt, sich die attraktivsten Fahrten aus unterschiedlichen Kanälen zusammenzustellen. Ob die Rückkehrpflicht eingehalten wird, kontrollieren die Behörden anhand von Fahrtenbüchern sehr genau.

Uber in Deutschland

Momentan gibt es in Berlin und München die Dienste UberTaxi und UberX. Bei ersterem handelt es sich um eine simple Taxivermittlung per App. Zweiterer funktioniert so umständlich, dass damit nicht viel zu holen ist: Uber-Kunden rufen einen Wagen samt Fahrer, aber Uber muss dazu mit lokalen Mietwagenunternehmen kooperieren, und für einen Mietwagenservice herrschen Auflagen: Zum Beispiel die Rückkehrpflicht. Sie besagt, dass der Chauffeur nach erledigter Fahrt in der Regel wieder zum Betriebssitz zurückfahren muss. Außerdem dürfen Kunden die Fahrer nicht direkt per App rufen, Uber muss die Aufträge erst an die Zentrale des Mietwagenunternehmens leiten und von dort werden sie weitergegeben.

SPIEGEL ONLINE: Auf der Protestkundgebung der Taxifahrer ist auch der ehemalige Münchner Oberbürgermeister Christian Ude aufgetreten. "Uber in den Zuber" lautete sein Slogan. Können Sie solche Abneigungen gegen Ihr Unternehmen nachvollziehen?

Weigler: Als wir in Deutschland einfach so mit UberPop loslegten - einem Dienst, bei dem Privatleute ohne Personenbeförderungsschein die Fahrten übernahmen - haben wir uns nicht korrekt verhalten. Diesen Ballast schleppen wir heute noch mit uns herum. Unsere Dienste in ihrer jetzigen Form, also die Vermittlung von Fahrten durch Taxen und Mietwagen, erfüllen aber zu 100 Prozent die gesetzlichen Vorgaben. Zudem sind die Fahrer in der Regel Angestellte bei mittelständischen Chauffeursunternehmen und verdienen deutlich über dem Mindestlohn. Aber angesichts unserer Fehler in der Vergangenheit bin ich nicht in der Position, mich über Kritik zu beklagen.

DPA

Protest von Münchner Taxifahrern am 26. Oktober gegen Uber

SPIEGEL ONLINE: Bereits im vergangenen Jahr haben Sie angekündigt, UberPool in Deutschland anbieten zu wollen: Einen Mitfahrdienst in Städten, bei dem sich mehrere Kunden die Fahrten teilen. Dafür gibt es jedoch noch immer keinen rechtlichen Rahmen. Sind Sie Ihrem Ziel, das Pooling-Verbot abzuschaffen, überhaupt näher gekommen?

Weigler: Nein. Wir setzen aber darauf, dass die nächste Bundesregierung die Regulierung modernisiert und sind auch guter Dinge, dass es dazu kommen wird.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Weigler: Weil mittlerweile viele andere Start-ups und Firmen das gleiche Ziel verfolgen, darunter Konzerne wie VW oder Mercedes. Diese wollen ebenfalls Pooling-Dienste anbieten, dürfen es aber nicht. Dabei steht die Branche unter großem Innovationsdruck: Sie muss die Umstellung auf Elektroantriebe schaffen, das autonome Fahren vorantreiben und neue Geschäftsmodelle entwickeln. Nur wenn dieser Wandel gelingt, hat die deutsche Autoindustrie eine Zukunft. Mobilitätsdienstleistungen wie Pooling sind ein wichtiger Teil dieses Mosaiks. Mein Eindruck ist, dass auch die Politik diese Notwendigkeiten erkannt hat. Wir haben jedoch Fehler gemacht, zum Beispiel, indem wir uns zu lange als Wettbewerb zum Taxi darstellten.

SPIEGEL ONLINE: Als was sehen Sie Uber stattdessen?

Weigler: Wir wollen die Leute dazu bringen, ihr Auto öfters einmal stehen zu lassen. Das kann nur gelingen, wenn ihnen ein attraktives Angebot zur Verfügung steht: Dazu gehören der öffentliche Nahverkehr, Carsharing, Bikesharing, Taxis und eben Pooling-Dienste, wie wir sie anbieten möchten. Es geht nicht darum, ein möglichst großes Stück von einem bestehenden Kuchen abzubekommen, sondern Mobilität insgesamt neu zu organisieren. Dann wird der Kuchen größer, und alle haben etwas davon.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es in dieser Hinsicht einen Masterplan, wie Uber vorgehen will?

Weigler: Was genau wir in fünf Jahren machen werden, kann ich jetzt noch nicht sagen. Das hat einen einfachen Grund: Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass sich die Technologie immer schneller entwickelt und dadurch ständig neue Möglichkeiten entstehen. Wir wollen einfach experimentierfreudig bleiben und versuchen, die technologischen Entwicklungen zum Wohle unserer Kunden zu nutzen.

insgesamt 18 Beiträge
franxinatra 24.11.2017
1. Ich bevorzuge Dienstleister...
die hier ihre Steuern zahlen und solziale Standards erfüllen; wie Uber dabei billiger sein will, noch dazu besser als unsere beigen Droschken, ist mir schleierhaft.
die hier ihre Steuern zahlen und solziale Standards erfüllen; wie Uber dabei billiger sein will, noch dazu besser als unsere beigen Droschken, ist mir schleierhaft.
zweituerer 24.11.2017
2.
Ausgefeilte Argumentation, das muß man ihm lassen. Gut trainiert, ein sog. High Potential. Sehr smart, auch auf Nerv-Fragen wie "hätten Sie..., wenn". Und grundsätzlich ein denkbarer zusätzlicher Baustein [...]
Ausgefeilte Argumentation, das muß man ihm lassen. Gut trainiert, ein sog. High Potential. Sehr smart, auch auf Nerv-Fragen wie "hätten Sie..., wenn". Und grundsätzlich ein denkbarer zusätzlicher Baustein künftiger Mobilität. Sprach´s und stieg in seinen Sechzylinder...
hauser 24.11.2017
3.
Weigler: 'Ob die Rückkehrpflicht eingehalten wird, kontrollieren die Behörden anhand von Fahrtenbüchern sehr genau.' Typisch Uber, einfach etwas behaupten oder so hindrehen, was nicht stimmt. Um den Wind aus den Segeln zu [...]
Weigler: 'Ob die Rückkehrpflicht eingehalten wird, kontrollieren die Behörden anhand von Fahrtenbüchern sehr genau.' Typisch Uber, einfach etwas behaupten oder so hindrehen, was nicht stimmt. Um den Wind aus den Segeln zu nehmen und damit das dann auch nicht weiter hinterfragt wird. Das Kreisverwaltungsreferat in München hat selbst zugegeben, dass sie die Rückkehrpflicht nicht überprüfen können...
Besser_Meyer 24.11.2017
4. Will ich nicht
Das Unternehmen hat es geschafft in seiner kurzen Geschichte so viel negative Nachrichten zu produzieren. Von mir bekommen die keinen Cent. Mein Beitrag zum Thema Nachhaltigkeit.
Das Unternehmen hat es geschafft in seiner kurzen Geschichte so viel negative Nachrichten zu produzieren. Von mir bekommen die keinen Cent. Mein Beitrag zum Thema Nachhaltigkeit.
abwinken 24.11.2017
5. Aus dem Westen nichts Neues
Nach Facebook und Airbnb die dritte miese "IDEE" aus den Staaten. Von mir keinen Cent aber die Erwartung, dass endlich deutsches Recht durchgesetzt wird.
Nach Facebook und Airbnb die dritte miese "IDEE" aus den Staaten. Von mir keinen Cent aber die Erwartung, dass endlich deutsches Recht durchgesetzt wird.

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