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Mobilität

Feindbild Nahverkehr

Wie zwei Brüder Bahnprojekte in den USA zerstören

Busse und Bahnen sind für sie Teufelszeug: In den USA kippen Gegner des öffentlichen Nahverkehrs ein Neubauprojekt nach dem anderen. In Deutschland formieren sich Nachahmer.

Getty Images

Blechlawine in Kalifornien

Von
Dienstag, 31.07.2018   05:49 Uhr

Die US-Metropole Nashville erfüllt viele Klischees über Verkehr in den USA. Mit dem Fernzug ist Tennessees Hauptstadt nicht zu erreichen. Der einzige Pendler-Bummelzug bindet ganze drei Orte im Umland ans Zentrum an. Der Nahverkehr basiert vor allem auf Bussen - und nur zwei Prozent der Einwohner nutzen ihn für den Weg zur Arbeit.

Daran wird sich so schnell nichts ändern: Im Frühjahr haben die Wähler ein Bauprojekt abgelehnt, das das öffentliche Verkehrsangebot drastisch ausgeweitet hätte. Fünf Stadtbahn-Korridore und Trassen für Schnellbusse waren geplant. Doch eine Kampagne von Anti-Nahverkehrs-Aktivisten trug dazu bei, dass das Fünf-Milliarden-Dollar-Vorhaben scheiterte.

Glaubenskrieg um den Nahverkehr

Um den Nahverkehr tobt ein Glaubenskrieg in Amerika. Nashville steht in einer Reihe mit zahlreichen weiteren US-Städten, in denen überregional agierende Lobbyisten eine lokale Verkehrswende torpedieren. Auch in Phoenix (Arizona), Little Rock (Arkansas) sowie Regionen in Michigan und Utah hatten sie Erfolg, wie die "New York Times" aufzählt.

Hinter derartigen Kampagnen steht häufig die Organisation "Americans for Prosperity" (AFP), maßgeblich finanziert von den Milliardären Charles und David Koch. Die Brüder haben ihr Vermögen unter anderem im Ölgeschäft gemacht. Der Staat soll sich ihrer Meinung nach aus dem Verkehrswesen heraushalten - zumindest wenn es um Schienen geht und nicht um Straßen.

"Das Projekt war von Anfang an eine gigantische Geldverschwendung und hätte dauerhaft Fahrspuren vernichtet" teilte AFP nach dem "großen Sieg" in Nashville mit. Bei Bussen und Bahnen handele es sich um "veraltete Technik". Bereits in Sicht seien autonome und saubere Autos.

William DeShazer/The New York Times/laif

Anti-Nahverkehrs-Aktivistinnen in Nashville, Tennessee

Zudem hätte das neue Transportsystem zu steigenden Mieten und Gentrifizierung geführt. Dieses Argument verfing offenbar in großen Teilen der afroamerikanischen Bevölkerung.

Mitglieder und Helfer der Lobby-Truppe hatten an 6000 Türen geklopft und mehr als 40.000 Telefonanrufe abgesetzt. Öffentlicher Nahverkehr sei zutiefst unamerikanisch und beschränke die Freiheit des Einzelnen, erklärten sie den Bürgern. "Wenn jemand aussuchen kann, wie er sich fortbewegen möchte, wird er sich niemals für den öffentlichen Nahverkehr entscheiden", sagte Tennessees AFP-Chefin Tori Venable der "Times".

AFP, AP

David (l.) und Charles Koch

Busse und Bahnen haben es in den USA traditionell schwer. Dies auch, weil die Autoindustrie Mitte des vergangenen Jahrhunderts ganze Tram-Systeme aufkaufte und stilllegte. Das milliardenschwere Infrastruktur-Programm von US-Präsident Donald Trump soll überwiegend dem Straßenbau zugute kommen.

In manchen Städten wie Houston und Portland hat die Straßenbahn dennoch ein Comeback erlebt. Viele Konservative und Libertäre sehen sich zum Gegenschlag herausgefordert.

Den Kochs gehe es bei ihrem Kreuzzug gegen den Nahverkehr jedoch nicht um amerikanische Werte, sondern ums eigene Geld, finden Kritiker. Koch Industries stellt Benzin und Asphalt im großen Stil her und beliefert die Autoindustrie.

Scharfe Kritik an Nahverkehrsprojekten auch in Deutschland

"'Steuerverschwendung' ist ihr Schlachtruf, doch ein hoher Benzinverbrauch hilft ihnen", sagte Verkehrsforscherin Ashley Robbins von der Technischen Universität Virginia über die Kochs. Der Koch-Konzern weist Robbins' Logik zurück und bestreitet, AFP direkt zu steuern.

In Deutschland ist zwar keine landesweite Anti-Nahverkehrs-Bewegung bekannt, die aus dem Umfeld der Autoindustrie finanziert wird. Scharfe und bisweilen polemische Kritik an Nahverkehrsprojekten bricht in der Bundesrepublik aber immer wieder hervor.

So protestierte die Berliner FDP Anfang des Jahres öffentlichkeitswirksam gegen den Ausbau der Straßenbahn vom Alexanderplatz zum Potsdamer Platz. Sie ließ einen Lastwagen auf die Leipziger Straße stellen, beschriftet mit den Worten "Ich bin eine Tram. Und staue hier bald öfter rum."

Die Liberalen geißelten das Vorhaben als "auf Schienen gelegten Wahnsinn einer ideologisierten Verkehrsplanung" des rot-rot-grünen Senats. Alle Verkehrsteilnehmer sollten frei entscheiden, womit sie sich fortbewegen - gern auch mit dem eigenen Pkw. Der Autofahrerclub ADAC ist ebenfalls gegen das Tram-Projekt.

SPD bescherte Anti-Straßenbahn-Aktivisten größten Sieg

Wie in den USA sprechen sich in Deutschland oft Wirtschaftsliberale gegen Bus- und Bahnprojekte aus. So opponierten CDU und FDP erfolgreich gegen eine Stadtregionalbahn im Raum Kiel. Nun kommt bestenfalls eine abgespeckte Version.

Ihren wohl größten Erfolg verdanken Anti-Straßenbahn-Aktivisten allerdings der SPD. Als 2011 Anwohner gegen das Comeback der Hamburger Tram protestierten, kippte Bürgermeister Olaf Scholz das Zwei-Milliarden-Euro-Vorhaben. Es sei zu teuer, zudem nehme die Bahn Autofahrern Platz weg. Nun wird das U-Bahn-Netz ausgebaut - für noch mehr Geld.

Vielen Hamburgern bleibt aber weiterhin nur der Bus. So wie den Bürgern von Nashville, Tennessee.

insgesamt 146 Beiträge
Atheist_Crusader 31.07.2018
1.
Die Koch-Brüder unterstützen so einige Trends, bei denen einem als aufgeklärtem, geistig gesunden Menschen schlecht wird. Zwei alte, reiche Männer die die Zukunft von hunderten von Millionen Menschen riskieren, nur damit sie [...]
Die Koch-Brüder unterstützen so einige Trends, bei denen einem als aufgeklärtem, geistig gesunden Menschen schlecht wird. Zwei alte, reiche Männer die die Zukunft von hunderten von Millionen Menschen riskieren, nur damit sie ein paar Millionen mehr auf dem Konto haben. Technisch gesehen haben sie aber Recht: öffentliche Verkehrsmittel sind unamerikanisch. Amerikanisch ist der Individualverkehr, die Konsumkultur, jeder für sich und bloß keine soziale oder ökologische Ader zeigen. Es ist auch einer jener Teile von Amerikas Ideologie der sich ändern muss, wenn wir eine Zukunft auf diesem Planeten haben wollen. Dass die FDP ins gleiche Horn stößt, wundert mich nicht. Die sind ja in vielerlei Hinsicht eine verzerrte Kopie der US-Republikaner.
ryo_de_paris 31.07.2018
2. Frei Wahl?
Zitat: "Die Liberalen geißelten das Vorhaben als "auf Schienen gelegten Wahnsinn einer ideologisierten Verkehrsplanung" des rot-rot-grünen Senats. Alle Verkehrsteilnehmer sollten frei entscheiden, womit sie sich [...]
Zitat: "Die Liberalen geißelten das Vorhaben als "auf Schienen gelegten Wahnsinn einer ideologisierten Verkehrsplanung" des rot-rot-grünen Senats. Alle Verkehrsteilnehmer sollten frei entscheiden, womit sie sich fortbewegen - gern auch mit dem eigenen Pkw." Zitat Ende. Soso, und wie soll das bitte funktionieren, wenn die Alternativen torpediert werden? Ich lebe im Zentrum einer Großstadt und habe bewusst kein Automobil. Dank erstklassigem Nah-und Fernverkehr, ist das auch gar nicht nötig. Sicher ist Autonomes Carsharing on demand die Zukunft, aber bis es soweit ist, sollte jeder frei sein weiterhin für sich entscheiden können ob er einen PKW oder den ÖPNV nutzen möchte. Ein ÖPNV Projekt zu stoppen oder erst gar nicht in Betracht zu ziehen, nimmt dem (jetzigen und zukünftigen) Bürger diese Entscheidung. Ist für mich irgendwie das Gegenteil von Freiheit...
radnabe 31.07.2018
3. verstehe ich nicht
?Alle Verkehrsteilnehmer sollten frei entscheiden, womit sie sich fortbewegen?. Dann müsste man doch einen gigantischen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs fordern. Denn nur wenn es Nahverkehr gibt, kann ich frei entscheiden. [...]
?Alle Verkehrsteilnehmer sollten frei entscheiden, womit sie sich fortbewegen?. Dann müsste man doch einen gigantischen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs fordern. Denn nur wenn es Nahverkehr gibt, kann ich frei entscheiden. Wenn man ihn blockiert habe ich keine Wahl: ich muss das Auto nehmen, ob ich will oder nicht.
barkhorn 31.07.2018
4. Wieder die Anhänger der Autos
Leider ist da eine ganze Generation von alten Weltverschlechteren Unterwegs. Ich in Wien gelebt und vermisse die schnellen Verbindungen. Es wurde dadurch vieles leichter und die Nerven werden geschont. Wer Kinder hat oder sich [...]
Leider ist da eine ganze Generation von alten Weltverschlechteren Unterwegs. Ich in Wien gelebt und vermisse die schnellen Verbindungen. Es wurde dadurch vieles leichter und die Nerven werden geschont. Wer Kinder hat oder sich gerne mal im Freien aufhält, wird vorallem eines nicht vermissen Autos.
hippie.jonny 31.07.2018
5. Wenn der Kapitalismus....
...mit seinem Geld die öffentliche Meinung beeinflusst, ist es bald vorbei. Wir brauchen freie Bildung und freie Medien! Die USA machen es mal wieder vor, ein Egoist und Lobbyist wird Präsident, Geld macht die Wahlen. Zeit für [...]
...mit seinem Geld die öffentliche Meinung beeinflusst, ist es bald vorbei. Wir brauchen freie Bildung und freie Medien! Die USA machen es mal wieder vor, ein Egoist und Lobbyist wird Präsident, Geld macht die Wahlen. Zeit für eine Revolution, aber Bernie Sanders wird langsam alt...

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