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Mobilität

Abgase

Bosch-Chef fordert von der Autobranche mehr Einsatz beim Klimaschutz

Bosch-Chef Denner sieht die Autoindustrie beim Klimaschutz in der Pflicht. In einem Gastbeitrag fordert er die Branche auf, mehr zu tun als sie gesetzlich müsste. Doch so sauber wie der Zulieferer tut, ist er selber nicht.

Getty Images

Volkmar Denner, Vorsitzender der Geschäftsführung von Bosch

Donnerstag, 11.10.2018   08:07 Uhr

Bosch-Chef Volkmar Denner hat einen stärkeren Einsatz der Autobranche für die Umwelt angemahnt. "Auch die Automobilindustrie kann für den Klimaschutz mehr tun, als sie muss", schrieb Denner in einem Gastbeitrag für das "Handelsblatt".

Nach langen Verhandlungen hatten sich die EU-Staaten in der Nacht zum Mittwoch darauf verständigt, dass Neuwagen im Jahr 2030 im Schnitt 35 Prozent weniger des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) ausstoßen sollen als 2020. Der mächtige Verband der Automobilindustrie (VDA), dem mehr als 600 Unternehmen der Branche angehören, darunter auch Bosch, hatte den Kompromiss scharf kritisiert. "Überzogene CO2-Ziele" würden den Industriestandort Europa schwächen und Arbeitsplätze gefährden, warnte VDA-Chef Bernhard Mattes unmittelbar nach Bekanntgabe des Kompromisses.

Dass sich Zulieferer wie Bosch für mehr Umweltschutz im Automobilbau aussprechen ist nicht ganz neu. Bereits bei der Festlegung der CO2-Zielwerte für das Jahr 2020/21 hatte Europas Zuliefererverband Clepa sich dafür eingesetzt, mehr Druck auf die Autohersteller auszuüben, um technische Innovationen zu fördern. Die Zulieferer profitieren davon, wenn die Autokonzerne neue Technik in ihre Modelle einbauen müssen. Mittlerweile liefern Unternehmen wie Bosch oder Continental etwa 75 Prozent der Teile für einen Neuwagen.

Bosch ist in Dieselskandal verwickelt

Das Plädoyer des Bosch-Chefs ist ein wichtiger Beitrag in der Diskussion für mehr Klimaschutz. Zeigt es doch, dass auch die Zulieferer eine höhere CO2-Reduktion für technisch machbar halten. Der VDA bezweifelt das: "Mit dem Votum wurde die Chance vertan, die CO2-Regulierung für die Zeit nach 2021 wirtschaftlich und technisch realistisch zu gestalten", heißt es da. Im speziellen Fall von Bosch erscheinen die Äußerungen jedoch besonders brisant. Bosch ist als Automobilzulieferer in den Dieselskandal verwickelt. Das Unternehmen belieferte VW mit Software für die Motorsteuerung der manipulierten Autos, die mehr gefährliche Stickoxide (NOx) ausstoßen als sie dürften. NOx kann zu Gesundheitsschäden beim Menschen führen, zudem belastet es die Vegetation in vielfacher Weise. Gegen mehrere Bosch-Mitarbeiter laufen Ermittlungen wegen des Verdachts auf Beihilfe. NOx, CO2 und Feinstaub gehören zu den besonders kritischen Bestandteilen von Autoabgasen.

Denner spricht sich in seinem Gastbeitrag dafür aus, nicht nur den Kraftstoffverbrauch eines Autos zu betrachten, sondern die gesamte Energiebilanz - also von der Quelle, der Herstellung des Fahrzeugs, bis zum fertigen Modell. "Je umfassender wir den CO2-Ausstoß erfassen, desto wirksamer kann der Kampf gegen den Klimawandel sein", schreibt Denner. "Denn für das Weltklima zählt nicht bloß der direkte Ausstoß des Autos, vielmehr auch die Emission der Kraftstoff- und Stromerzeugung."

Dabei gehe es nicht um eine Entscheidung zwischen Verbrennungsmotor und Elektroauto, die in der CO2-Gesamtbilanz nicht weit auseinander lägen, so Denner weiter. "Es ist an der Zeit, nicht das eine gegen das andere auszuspielen, sondern auf beiden Seiten die richtigen Hebel anzusetzen."

Denner kritisiert die Bundesregierung

Der Bosch-Chef kritisierte zudem die Bundesregierung für ihren Ausstieg aus den Klimazielen 2020: "Diese merkwürdige Gelassenheit angesichts einer globalen Gefahr erscheint geradezu unverständlich."

mhu/dpa

insgesamt 40 Beiträge
neutralfanw 11.10.2018
1.
Oh, welch eine Erkenntnis. Wie bereits im Artikel beschrieben ist/war BOSCH in den Diesel-Skandal verwickelt. Was hält die Deutsche Automobilindustrie davon, sich einmal für diesen Betrug zu entschuldigen? Jetzt müssen unsere [...]
Oh, welch eine Erkenntnis. Wie bereits im Artikel beschrieben ist/war BOSCH in den Diesel-Skandal verwickelt. Was hält die Deutsche Automobilindustrie davon, sich einmal für diesen Betrug zu entschuldigen? Jetzt müssen unsere Automobilhersteller und ihre Zulieferer zeigen, wie groß ihre Kompetenz und Bereitschaft ist, für die Umwelt und die Arbeitsplätze zu kämpfen. Herr Diess (VW) droht mit dem Verlust von Arbeitsplätzen. Er reagiert mit Drohungen. Inkompetenz!
saaman 11.10.2018
2. Es ist immer dasselbe
Da stehen Leute auf, ergreifen das Wort gegen andere, werfen mit frommen Empfehlungen um sich, ohne vorher bedacht zu haben, vor der eigenen Haustür den Schmutz zu beseitigen bzw. das eigene Haus sauber zu machen. Dass der [...]
Da stehen Leute auf, ergreifen das Wort gegen andere, werfen mit frommen Empfehlungen um sich, ohne vorher bedacht zu haben, vor der eigenen Haustür den Schmutz zu beseitigen bzw. das eigene Haus sauber zu machen. Dass der Bosch-Chef sich nun auch in diese Kategorie einreiht, verwundert.
bayerns_bester 11.10.2018
3.
"Der mächtige Verband der Automobilindustrie (VDA), dem mehr als 600 Unternehmen der Branche angehören, darunter auch Bosch, hatte den Kompromiss scharf kritisiert. "Überzogene CO2-Ziele" würden den [...]
"Der mächtige Verband der Automobilindustrie (VDA), dem mehr als 600 Unternehmen der Branche angehören, darunter auch Bosch, hatte den Kompromiss scharf kritisiert. "Überzogene CO2-Ziele" würden den Industriestandort Europa schwächen und Arbeitsplätze gefährden, warnte VDA-Chef Bernhard Mattes unmittelbar nach Bekanntgabe des Kompromisses." Unfassbar. Anstatt die zwingend nötigen Veränderungen als Chance für einen Innovationsschub zu sehen und konsequent die Weichen zu stellen beharrt man auf dem Status Quo und sieht sich durch Veränderungen in der Existenz bedroht. Als Krönung droht der Unsympath Diessen mit Stellenabbau. Die Autoindustrie wird den Weg der Dinosaurier gehen, dies dann allerdings selbstverschuldet.
OhMyGosh 11.10.2018
4.
Da spricht also einer der Schutzheiligen der Industre ganz unverhohlen von der Notwendigkeit, mehr Einsatz beim Klimaschutz zu zeigen. Meine Güte, der ist ja süüüß! Aber wie immer nur die halbe Miete: Die Berliner Combo [...]
Da spricht also einer der Schutzheiligen der Industre ganz unverhohlen von der Notwendigkeit, mehr Einsatz beim Klimaschutz zu zeigen. Meine Güte, der ist ja süüüß! Aber wie immer nur die halbe Miete: Die Berliner Combo hat im Ernstfall auch immer nur die Interessen der Autolobby im Sinn. Und dasselbe gilt für die Zulieferer und andere "Krähen". Die bekannte Scheiß-drauf-Mentalität. Die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger – auch die der Autofahrerinnen und Autofahrer – wird nur dann geschützt, wenn die Politik von Gerichten dazu gezwungen wird.
curiosus_ 11.10.2018
5. Manche begreifen es vermutlich nie
Doch so sauber wie der Zulieferer tut, ist er selber nicht 1. In dem Artikel geht es um Klimaschutz, darauf bezieht sich Herr Denner. 2. Das dafür relevante Abgas ist CO2 3. Beim Dieselskandal geht es um NOx ("Das [...]
Doch so sauber wie der Zulieferer tut, ist er selber nicht 1. In dem Artikel geht es um Klimaschutz, darauf bezieht sich Herr Denner. 2. Das dafür relevante Abgas ist CO2 3. Beim Dieselskandal geht es um NOx ("Das Unternehmen belieferte VW mit Software für die Motorsteuerung der manipulierten Autos, die mehr gefährliche Stickoxide (NOx) ausstoßen als sie dürften"). Das dafür relevante Abgas ist NOx 4. Dummerweise kann in der Regel nicht beides gleichzeitig optimiert werden, CO2 *und* NOx. Wird eines besser wird das andere schlechter. There is no free lunch, nur der Tod ist umsonst. 5. Die Abstimmung dazu nennt sich Kompromiss (gibt's nicht nur in der Politik, nein, auch in der Physik). So etwas läuft gerade de facto, allerdings in die Klimaschädliche Richtung: Weniger Dieselmotoren (= weniger NOx), mehr Ottomotoren (= mehr CO2) 6. Was natürlich nicht bedeuten darf, dass man gegen Gesetze verstößt. Wobei dagegen, auch im Fall VW, sicher nicht Bosch verstoßen hat, sondern VW. Denn das Scharfschalten der illegalen Abschaltvorrichtung hat VW gemacht, nicht Bosch. Ein Küchenmesserlieferant wird ja auch nicht dafür verknackt, weil einer seiner Kunden mit dem Messer jemanden gemeuchelt hat.

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