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Auto

Selbstversuch im Elektroauto

Nie wieder Sprit

Geringe Reichweite, hohe Kosten und dazu sonderbares Recycling-Material im Innenraum. Der BMW i3 hat fast nur Nachteile gegenüber einem Golf. Dennoch würde i3-Besitzer Michael Specht kein anderes Auto fahren wollen.

Michael Specht
Sonntag, 10.04.2016   07:21 Uhr

Zu geringe Reichweite, zu wenig Ladesäulen und ein zu hoher Neuwagenpreis. Es sind stets die gleichen Bedenken, die ich bei Diskussionen zum Thema Elektroauto zu hören bekomme. Und in Wahrheit sind es keine Bedenken, sondern Tatsachen. Aber kann ich anderes erwarten, am Beginn einer neuen Art von Mobilität? War es vor 130 Jahren nicht ähnlich, als Bertha Benz ihre erste Tour unternahm und den Sprit noch in der Apotheke kaufen musste?

Die hierzulande homöopathische Verbreitung der E-Autos liegt jedoch weniger an der dünnen Ladesäulen-Infrastruktur (die meisten "tanken" eh zu Hause), als vielmehr an der geringen Reichweite und dem hohen Preis der angebotenen Fahrzeuge. Mein vor zwei Jahren gekaufter BMW i3 kostete nackt 34.950 Euro. Mit ein paar Extras (Ausstattung "Lounge", Sitzheizung, LED-Scheinwerfer und schickere Leichtmetallfelgen) waren es gleich 44.250 Euro. Eine stolze Summe für ein vier-Meter-Auto. Die Frage der Kosten-Nutzung-Rechnung stellt sich beim i3 vielleicht weniger als bei anderen Elektroautos. Ihn kauft man aus emotionalen Gründen, einfach, weil man ihn haben will.

So war das jedenfalls bei mir, als ich mir den i3 vor zwei Jahren gegönnt habe. Jetzt, zwei Jahre später und um viele Erfahrungen reicher, lautet die Frage: Will ich ihn immer noch haben?

Ich habe mich im Vorfeld des Kaufs damals ausgiebig informiert. Gewundert hat mich, dass ein E-Golf in der Basis genauso viel kostet wie der ausschließlich als Elektroauto konstruierte i3. Die Entscheidung fiel eindeutig für den BMW. Es war der Reiz des Neuen. Er ist gegenüber dem Golf das deutlich modernere Auto, seine Struktur besteht aus leichtem Karbonfaserverbund, das Chassis ist komplett aus Aluminium, die Karosserie aus Kunststoff. Im Nachhinein muss man immer noch den Hut ziehen vor dem, was BMW da konzeptionell auf die Räder gestellt hat, im Design, bei den Werkstoffen, in der Produktion. Mehr Hightech steckt in keinem anderen Auto in diesem Segment.

Fremdeln mit den Öko-Materialien

Auch im Innenraum bricht der i3 mit Konventionen. Die Cockpits der meisten Autos folgen der typischen T-Form mit dicker Mittelkonsole. Im i3 gibt es ein luftiges und reduziertes Interieur mit durchgehendem Fußraum. Anfangs fand ich das seltsam. Heute fühle ich mich im i3 pudelwohl. Raumangebot, Übersichtlichkeit, Bedienung, die höhere Sitzposition und der damit verbunden leichtere Ein-und Ausstieg machen den Alltag mit dem Elektro-BMW angenehmer als in anderen Autos der Kompaktklasse. Skeptisch war ich zunächst auch bei den Recycling-Öko-Materialien wie Filz, Wolle und ein Gewebe aus ehemaligen Plastikflaschen, die im Innenraum zum Einsatz kommen. Doch alles hat sich prima bewährt und sieht heute noch aus wie neu.

Bewusst war ich mir darüber, viel Geld zu verlieren, sollte ich den i3 nach zwei oder drei Jahren wieder verkaufen. Niemand kann momentan seriöse Aussagen treffen, wie hoch der tatsächliche Wertverlust eines E-Autos sein wird. Der entscheidende Faktor ist die Batterie. Zwar gibt BMW acht Jahre Gewährleistung auf die Lebensdauer der Zellen. Das mag zwar technisch richtig sein, ist aber in punkto Werthaltigkeit irrelevant.

Schon viel früher wird es neue, wesentlich leistungsfähigere Akkus geben. Das sagen zumindest die Experten. Es ist ähnlich wie beim iPhone. Die ersten Modelle will keiner mehr haben. Auch den i3 der ersten Generation wird sich keiner zulegen wollen, wenn E-Autos bald mehrere hundert Kilometer schaffen. "First Movers" oder "Early Adopters", wie i3-Frühkunden von den BMW-Marketing-Leuten gern genannt werden, müssen hier finanziell richtig bluten.

Reichweite, Verbrauch - ein Märchen

Das Werk verspricht für den i3 eine maximale Reichweite von 190 Kilometern und gleichzeitig einen Normverbrauch von 12,9 kWh pro 100 Kilometer. Willkommen in der Brüsseler Märchenwelt. Zwar ist es möglich, im Sommer die 12,9 kWh zu unterbieten (dafür reicht eine zurückhaltende Fahrweise ohne eingeschaltete Klimaanlage). Dennoch war der Akku spätestens nach 145 Kilometern leer, meistens schon nach 130. BMW sagt, das hänge mit den Ladeverlusten zusammen und man müsste den Stromverbrauch ab Zählerkasten rechnen. Komischerweise fühlt man sich bei einem Elektroauto durch die riesige Diskrepanz zwischen Norm und Wirklichkeit noch mehr veräppelt als bei einem Verbrenner-Fahrzeug.

Im Winter schwächen zudem die Heizung und das Wärme-Management der Lithium-Ionen-Zellen massiv die Batteriekapazität. Heißt: Die Reichweite sackt auf unter 100 Kilometer. Kein beruhigendes Fahrpolster. Dagegen will BMW zum Ende des Jahres etwas tun. Dann kann der i3-Käufer wählen, ob er eine Batterie mit rund 50 Prozent mehr Kapazität haben möchte. Die Alltagsreichweite könnte dann tatsächlich auf mehr als 200 Kilometer steigen. Alt-i3-Besitzern soll angeblich die Möglichkeit gegeben werden, den Akku zu tauschen. Zu welchen Konditionen, verraten die Münchner noch nicht.

Auch kostenmäßig klaffen Theorie und Praxis bei der Elektromobilität weit auseinander. Hieß es von BMW bei der Präsentation des i3, die Stromkosten entsprächen einem Dieselverbrauch von 2,5 Litern, hat mein i3 diesen Wert in seinen zwei Jahren nie erreicht. Ein tatsächlicher Sommer-Winter-Mixverbrauch von 14 kWh/100 km bedeutet etwa 17 kWh, die als Stromverbrauch am Hauszähler angezeigt werden (wegen genannter Ladeverluste). Diese Strommenge kostet derzeit fünf Euro. Ein Golf Diesel fährt somit günstiger - und natürlich weiter.

Überraschung bei der Inspektion

Auf keinen Fall aber besser. Denn in Sachen Fahrspaß bleibt der i3 konkurrenzlos. Besonders die Kombination aus Ruhe und spontanem Antritt fasziniert immer wieder aufs Neue. Es ist das ideale und moderne Auto für die Stadt, entspannt, leise, lokal emissionsfrei. Auch in den Punkten Konnektivität, Komfort und Kofferraum gibt es nichts zu kritisieren. Der i3 ist gut durchdacht und einfach zu bedienen, sein Wendekreis phänomenal klein, was man besonders in Parkhäusern spürt. Lediglich das Konzept der gegenläufig öffnenden Türen nervt im Alltag. In engen Parklücken hat es nur Nachteile. Dann kann man nicht einmal eine Tasche von den Rücksitzen nehmen, ohne sich zwischen Vorder- und Hintertür selbst einzukeilen.

Gespannt war ich auf die nach zwei Jahren fällige Inspektion. Was sollte schon sein? Der i3 ist ein Auto ohne Verbrennungsmotor, damit ohne Öl, ohne Keilriemen, ohne Kraftstoffleitung, ohne Tank, Getriebe und Auspuff. Er ist rostfrei und seine E-Maschine (170 PS) verschleißfrei. Selbst die Bremsen müssten fast ewig halten, weil man bis auf Notsituationen eigentlich nur mit dem Fahrpedal verzögert. Fuß vom Gas heißt: Der E-Motor bremst im Schubbetrieb das Auto, arbeitet dann wie ein Dynamo am Fahrrad und lädt die Batterie. Beläge und Bremsscheiben werden geschont. Bremsstaub, der die Felgen konventioneller Autos schon nach wenigen Wochen hässlich verschmutzt, kennt der i3 nicht.

Die Inspektionsrechnung betrug dennoch fast 400 Euro. Gewechselt wurden turnusmäßig (alle zwei Jahre) die Bremsflüssigkeit und der Innenraumfilter. Der Rest war Sichtkontrolle und ein Software-Update, zu merken an der Batterie und an der Lüftung. Erstere zeigt jetzt etwa fünf Prozent mehr Reichweite an.

Wie das geht? Jede Lithium-Ionen-Batterie im Auto nutzt nie ihre volle Ladung aus. Sie wäre sonst schnell altersmüde. Also lässt man beispielsweise 20 Prozent Restladung ungenutzt, die Anzeige im Auto steht also auf Leer, obwohl eigentlich noch Strom im Akku ist. Genauso ist es beim Laden. Gefüllt wird nie zu 100 Prozent, sondern beispielsweise nur zu 95 Prozent. Von 20 bis 95 Prozent geht also das Kapazitätsfenster, der sogenannte Ladehub. Und dieses Fenster hatte BMW per Softwareupdate etwas vergrößert - schwupps gab es ein paar Kilometer mehr Reichweite.

Außerdem muss nach dem Update die Klimaanlage beziehungsweise Heizung manuell aktiviert werden. Zuvor war sie automatisch eingeschaltet, was man nicht stets sofort merkte, aber unnötig Strom kostete.

Vorsichtshalber tauschte die Werkstatt (Kosten trug BMW) noch eine Verschraubung am Motorlager aus. Man hätte bei einigen i3 verbogene Bolzen registriert, heißt es dazu aus München und wolle im Zuge des ersten Service bei allen dieses Bauteil tauschen. Doch krumm waren die Dinger lediglich bei wenigen Autos aus dem Drive-now-Fuhrpark. Kunden hatten vereinzelt Leih-i3, die immerhin schon 20 Prozent der Flotte ausmachen, zu heftig über Speed-Bumps geprügelt und so die Bolzen verbogen.

Auch mich haben die 25.000 Kilometer und zwei Jahre Erfahrung mit dem i3 leicht verbogen - in Richtung Zukunft. Autos mit Verbrennungsmotoren wirken auf mich plötzlich rückständig, passen nicht mehr zur Mobilität von Morgen. Ich gebe zu, lange Zeit gab es nichts Besseres. Jetzt aber tut es das.

insgesamt 586 Beiträge
schneidp 10.04.2016
1. Lächerlich
Der Autor ist ja wirklich leidensfähig, dafür respekt. Aber bei 100km Reichweite kann ich auch das Fahrrad nehmen. Das spart mir irrsinnig viel Geld, ist gut für die Fitness und wenn man die Ladezeiten einrechnet bin ich [...]
Der Autor ist ja wirklich leidensfähig, dafür respekt. Aber bei 100km Reichweite kann ich auch das Fahrrad nehmen. Das spart mir irrsinnig viel Geld, ist gut für die Fitness und wenn man die Ladezeiten einrechnet bin ich sogar schneller. Also mal ehrlich unter 250km echter Reichweite ist ein E Auto ein ganz schlechter Treppenwitz. Und sollange unser Strom aus Braunkohle erzeugt wird obendrei eine Dreckschleuder. Da bleibe ich bei meinem 4,5l Benziner Kleinwagen. Bessere Ökobilanz, billiger und 800km Reichweite.
blacksmart 10.04.2016
2.
Endlich mal ein realistischer Bericht. Ich selbst fahre einen Nissan Leaf und bin ebenso begeistert. Der i3 ist wesentlich zu teuer, sonst stimmt alles an dem Wagen. Da sind gerade der Zoe und der Leaf wsentlich günstiger. [...]
Endlich mal ein realistischer Bericht. Ich selbst fahre einen Nissan Leaf und bin ebenso begeistert. Der i3 ist wesentlich zu teuer, sonst stimmt alles an dem Wagen. Da sind gerade der Zoe und der Leaf wsentlich günstiger. Die Reichweite wird in wenigen Jahren (Bolt, Model 3) drastisch steigen und damit den einzigen Nachteil der E-Autos aufheben. Das Model 3 hat hier den Vorteil, dass flächendeckend Supercharger die Langstreckentauglichkeit sicherstellt.
chalchiuhtlicue 10.04.2016
3.
Danke für das Eingeständnis, dass ein E-Auto zu kaufen eine emotionale, ideologisch belastete und eben NICHT eine rationale Entscheidung ist! Danke auch für die Aufzählung der Fakten, die zeigen, dass derzeit E-Autos einfach [...]
Danke für das Eingeständnis, dass ein E-Auto zu kaufen eine emotionale, ideologisch belastete und eben NICHT eine rationale Entscheidung ist! Danke auch für die Aufzählung der Fakten, die zeigen, dass derzeit E-Autos einfach eine schlechte Alternative zum Verbrenner sind und man lieber noch ein paar Jahre warten sollte. Und nun bin ich mal gespannt, was für lustige Lügengeschichten gleich die ganzen E-Auto-Fanboys hier wieder erzählen werden, um ihr goldenes Kalb zu verteidigen ...
salomohn 10.04.2016
4. Moderner Mensch
Der Genuß der vielen Vorteile am Elektroauto, - das geht mir so und allen E-Fahrern im Kunden-und Bekanntenkreis. Am glücklichsten die Tesla-Fahrer. Wie altmodisch einem der Verbrenner-Motor vorkommt!
Der Genuß der vielen Vorteile am Elektroauto, - das geht mir so und allen E-Fahrern im Kunden-und Bekanntenkreis. Am glücklichsten die Tesla-Fahrer. Wie altmodisch einem der Verbrenner-Motor vorkommt!
roger13 10.04.2016
5. Selbstbetrug
Es ist doch wirklich kein Geheimnis,dass bei heutigem Stand der Technik und Energieversorgung ein Elektroauto umweltschädlicher als Diesel und Benziner sind. Seltene Erden für den Bau der Accus sind flächendecken nicht [...]
Es ist doch wirklich kein Geheimnis,dass bei heutigem Stand der Technik und Energieversorgung ein Elektroauto umweltschädlicher als Diesel und Benziner sind. Seltene Erden für den Bau der Accus sind flächendecken nicht vorhanden. Mit dem Aufwand für die Entsorgung der hochgiftigen Accus,wird das E-Auto zur absoluten Umwelt= sau. Elektroautos für alle würde ausserdem bedeuten,dass wir statt Bäume Windräder hätten.Nein,danke!!!!!!!
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