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Autogramm Audi A4 Avant G-Tron

Tschüss, TDI

Der Abgasskandal sorgt für dicke Luft bei Audi. Jetzt soll eine alte Technik den Bayern helfen: Im Pendler-Audi schlechthin, dem A4, könnte der Erdgasantrieb den Diesel ersetzen. Weil er Reichweite bietet - und sauber ist.

Audi
Von
Montag, 17.07.2017   05:23 Uhr

Der erste Eindruck: sieht aus wie alle anderen A4 Avant. Warum auch sollte sich ein Erdgas-Auto von einem Benziner oder Diesel unterscheiden? Das ist ja gerade der Charme an der Technik.

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Autogramm Audi A4 Avant G-Tron: Eine Art Diesel-Ersatz

Das sagt der Hersteller: "Erdgas ist das neue Diesel", sagt Tobias Block aus der Audi-Abteilung für "Nachhaltige Produktentwicklung" und rühmt die G-Tron-Modelle als gleichermaßen gut für Umwelt und Geldbeutel. Denn der CO2-Ausstoß sei 25 Prozent geringer als bei einem Benziner, und dank des erst kürzlich bis 2026 verlängerten Steuerbonus für Compressed Natural Gas (CNG) kostet dieser Kraftstoff nur etwa halb so viel. Neu sei die Technologie freilich nicht, räumt Block ein, "doch nie waren die Chancen für einen Durchbruch so gut wie heute".

Die neuen CNG-Modelle von Audi sind Teil der groß angelegten Initiative, mit der der VW-Konzern den Erdgasantrieb nach vorn bringen will. Mehr als ein Dutzend neuer CNG-Modelle soll es geben, zudem soll der Ausbau des Erdgas-Tankstellennetzes forciert werden: Bis 2025 sollen es mindestens 2000 sein, mehr als doppelt so viele wie aktuell. Fragt man nach dem Warum, wird Block ein bisschen kleinlauter. Dass der VW-Konzern so vehement auf Erdgas setzt, liegt vor allem am miserablen Ruf des Diesels, den VW und Audi durch Abgasbetrügereien selbst ruiniert haben. Nun muss der Flottenverbrauch eben mit anderen Technologien gesenkt werden, also wird der Erdgasantrieb aus der Versenkung geholt und dem A4 Avant eingepflanzt, der vor allem von Firmen- und Vielfahrern gekauft wird.

Foto: Tom Grünweg

Das ist uns aufgefallen: einsteigen, anlassen, losfahren. Während man bei Elektroautos oder Plug-in-Hybridmodellen erst Stecker ziehen und Kabel einrollen muss, braucht es vor der Fahrt mit dem A4 G-Tron keinerlei Extra-Handgriffe. Der Motor startet wie jeder konventionelle Verbrenner und hat auch genauso viel Bumms. Mit 170 PS Leistung und 270 Nm Drehmoment beschleunigt der - in zwei Dutzend Details wie Kolben, der Verdichtung oder Injektoren modifizierte - 2,0 Liter-Vierzylinder in 8,4 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Natürlich fahren die Top-Diesel schneller und die meisten Benziner ohnehin, aber Öko-Schleicher sehen anders aus.

Auch die Frage nach der Reichweite stellt sich nicht. Und zwar nicht nur, weil die zweite Tankuhr etwas unübersichtlich im Cockpit versteckt ist und man sich erst einmal in den Anzeigen orientieren muss, bevor man die aktuelle Betriebsart erkennt. Sondern auch, weil die vier Gastanks 19 Kilo fassen, was für rund 500 Kilometer Fahrstrecke reicht, wie Audi sagt. Zudem dauert das Tanken - anders als beim Elektroauto - nur ein paar Minuten. Und schließlich gibt es noch einen kleinen Benzintank: Wem abseits einer der derzeit rund 900 CNG-Säulen das Erdgas ausgeht, kommt mit 25 Litern Sprit noch einmal gut 400 Kilometer weit.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Audi A4 G-Tron - mit unserem 360-Grad-Foto:

Wenn man überhaupt über etwas nachdenken muss in diesem A4 Avant, dann allenfalls über den etwas eingeschränkten Kofferraum. Denn um die aus Kohlefaser geformten Drucktanks in den Unterboden quetschen zu können, mussten die Audi-Techniker den Ladeboden um 3,5 Zentimeter anheben - was etwas Stauraum kostete. Doch mal ehrlich: 415 Liter bei aufrechter und 1415 Liter bei umgelegter Rückbank sollten auch noch reichen.

Das muss man wissen: Der Erdgas-Kombi steht seit ein paar Tagen zu Preisen ab 40.300 Euro beim Händler und ist damit rund 3000 Euro teurer als ein vergleichbarer Benziner. Andererseits kostet er nicht mehr als ein 190-PS-Diesel, und Block rechnet vor, dass der Mehrpreis durch den günstigeren Treibstoff nach 20.000 bis 30.000 Kilometern wieder hereingefahren ist. Bei den von Audi avisierten Vielfahrern dürfte das nicht mal ein Jahr dauern. Wer keinen Kombi braucht, bekommt die gleiche Technik auch im A5 Sportback, der ab 40.800 Euro verkauft wird.

Audi ist mit den 25 Prozent weniger CO2 allerdings nicht zufrieden und rechnet die Bilanz mit hohem Aufwand noch deutlich grüner. Denn die Bayern produzieren an der Nordseeküste ihr eigenes Gas aus erneuerbaren Quellen, indem sie mit Windenergie Wasserstoff erzeugen und diesen in einer Biogasanlage in CNG umwandeln. "So stellen wir nahezu klimaneutralen Kraftstoff bereit", sagt Block. Tankt der A4 Avant dieses Erdgas, liegt der CO2-Ausstoß rechnerisch bei lediglich 21 g/km - so viel Kohlendioxid fällt bei der Produktion und Bereitstellung des sogenannten e-Gases an. Alles CO2, was bei der Verbrennung selbst entsteht, wurde zuvor bei der Produktion der Luft entzogen. Damit die Rechnung hinkommt, speist Audi etwa so viel e-Gas ins Netz, wie die G-Tron-Modelle verbrauchen und trägt für drei Jahre lang auch die etwas höheren Kosten dieses Treibstoffs, erläutert Block.

Das werden wir nicht vergessen: das markante Knurren beim Kaltstart im Gasbetrieb. Zwar ist der A4 G-Tron deutlich besser gedämmt und entsprechend leiser als viele Erdgas-Kleinwagen, doch so ganz kann der Vierzylinder die rauere und härtere Verbrennung nicht kaschieren. Auch darin ist der G-Tron einem TDI also näher, als man glaubt.

Hersteller: Audi
Typ: A4 Avant G-Tron
Karosserie: Kombi
Motor: Vierzylinder-Benzindirekteinspritzer-Turbo
Getriebe: Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe
Antrieb: Front
Hubraum: 1.984 ccm
Leistung: 170 PS (125 kW)
Drehmoment: 270 Nm
Von 0 auf 100: 8,4 s
Höchstgeschw.: 221 km/h
Verbrauch (ECE): 5,5 Liter
CO2-Ausstoß: 126 g/km
Kofferraum: 414 Liter
umgebaut: 1.415 Liter
Preis: 40.300 EUR
insgesamt 173 Beiträge
Hirnretter2.0 17.07.2017
1. Sehr gut, denn ...
... das Elektroauto ist und bleibt eine Totgeburt. Gelingt es in Zukunft, ausreichend 'Windgas' zu produzieren, sind sämtliche Nachteile der E-Autos (teure, schwere u. rohstoffintensive Batterien, die Ladeproblematik und die [...]
... das Elektroauto ist und bleibt eine Totgeburt. Gelingt es in Zukunft, ausreichend 'Windgas' zu produzieren, sind sämtliche Nachteile der E-Autos (teure, schwere u. rohstoffintensive Batterien, die Ladeproblematik und die Speicherung von EE) auf einen Schlag beseitigt. Zudem bleiben Arbeitsplätze im Motorenbau erhalten. Mit dem Einstieg in die Massenproduktion von Gas-Fahrzeugen wird auch der Letzte merken, dass sich mit Gas auch LKW, Busse, Schiffe ja selbst Flugzeuge betreiben lassen OHNE unsinnig hohe Investitionen, die wir lieber in nachhaltige Projekte stecken sollten. Fängt man mit der Technik der Fa. CLIMEWORKS das CO2 zur Produktion von 'Windgas' ein, gibt es keine Alternative zu Gas-Fahrzeugen.
UnitedEurope 17.07.2017
2.
Das ist grundsätzlich eine gute Technik, aber es ist einfach nur ein Trauerspiel und ekelhaft zu lesen, wie einem alter Wein in neuen Schläuchen verkauft werden soll, weil Audi und VW die Diesel um die Ohren fliegen. Ich will [...]
Das ist grundsätzlich eine gute Technik, aber es ist einfach nur ein Trauerspiel und ekelhaft zu lesen, wie einem alter Wein in neuen Schläuchen verkauft werden soll, weil Audi und VW die Diesel um die Ohren fliegen. Ich will kein VW Modell mehr, nachdem sie sich so vehement gegen jede Entschädigung wehren. Dann wird es halt ein Mazda oder sonst was, aber jetzt Erdgas als Heilsbringer verkaufen, weil man die Grenzwerte auf einmal doch wirklich einhalten muss ..
Ekatus Atimoss 17.07.2017
3. was ist mit ...
..dem Thema Tiefgarage? Das der VW Konzern nicht nur den Ruf des Diesels ruiniert hat, sondern auch das Vertrauen in CNG mit durchrosteten und explodierenden Erdgas-Tanks geschwächt hat, darüber liest man keine Zeile. Für den [...]
..dem Thema Tiefgarage? Das der VW Konzern nicht nur den Ruf des Diesels ruiniert hat, sondern auch das Vertrauen in CNG mit durchrosteten und explodierenden Erdgas-Tanks geschwächt hat, darüber liest man keine Zeile. Für den Konzern wäre ein öffentliches mea culpa mal mehr als angebracht. Und eine plausible Erklärung, warum es auf einmal Erdgas sein muss statt des bisher hochgelobten Diesels.
dirk1962 17.07.2017
4. Autochen der Verzweiflung
Natürlich wird Erdgas nicht der neue Diesel. Solche Sprüche bringt ein Konzern wenn er nichts anderes hat. Vorsprung durch Nostalgie? Wohl eher nicht, schließlich würde CNG nie vom Kunden angenommen. Und so wird es auch [...]
Natürlich wird Erdgas nicht der neue Diesel. Solche Sprüche bringt ein Konzern wenn er nichts anderes hat. Vorsprung durch Nostalgie? Wohl eher nicht, schließlich würde CNG nie vom Kunden angenommen. Und so wird es auch bleiben. Das der VW Konzern den Diesel durch Massenbetrug an die Wand gefahren hat zeigt doch erst, dass er jetzt mit leeren Händen da steht und sich Panik breit macht. Was als Innovation verkauft wird ist ein Autochen der Verzweiflung, dem das Desaster droht Bein Thema Flottenverbrauch.
jojack 17.07.2017
5. Kunden baden es aus
Um es klarzustellen: wer sich einen Erdgas-Audi kauft, sollte sich darüber klar werden, dass er Premium-Preise für Technik von gestern bezahlt. Stand der Dinge in der Audi-Preisklasse sollten Plug-in Hybriden oder gleich reine [...]
Um es klarzustellen: wer sich einen Erdgas-Audi kauft, sollte sich darüber klar werden, dass er Premium-Preise für Technik von gestern bezahlt. Stand der Dinge in der Audi-Preisklasse sollten Plug-in Hybriden oder gleich reine Elektrofahrzeuge sein. Das Thema hat Volkswagen auch nicht verschlafen, sondern bewusst in arroganter Weise ignoriert. Mitleid ist also unangebracht. Die theoretisch möglichen 25% CO2-Ersparnis eines Erdgasantriebs klingen zwar gut, können aber auch nichts daran ändern, dass auch ein Wagen mit Erdgas-Antrieb in wenigen Jahren unter erheblichen Abschlägen beim Wiederverkaufspreis leiden wird. Warum? Weil spätestens Mitte der 2020er Jahre der E-Antrieb günstiger sein wird, als jeder Verbrennungsmotor. Jeder, der einen neuen Audi nicht als Firmenwagen erhält, sollte sich über diesen einfachen Zusammenhang im Klaren sein. Was die Autoindustrie dem Käufer zudem vorenthält ist die noch viel drängendere Thematik vollständig autonomer Antriebe, die in kürzester Zeit den Markt dominieren werden. Wer dann sein manuell zu fahrendes Gebrauchtauto losschlagen will, wird wohl einen regelrechten Absturz beim Preis sehen. Wer will schon stundenlang selber fahren, wenn man gleichzeitig Lesen, Filme schauen, am Laptop arbeiten oder einfach nur Relaxen kann?
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